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Stuttgart

DAS GOODBYE DER CHOREOGRAFEN

Zum Abschied von Reid Anderson: Ballettabend „Die fantastischen Fünf“



Marco Goecke ist der Leuchtstern unter den fünf Choreografen, die jeweils eine Uraufführung kreiert haben für diesen Ballettabend der besonderen Art: überlang und sich im Anspruch stetig steigernd.


  • "Die fantastischen Fünf" am Stuttgarter Ballett: "Almost Blue" von Marco Goecke Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Die fantastischen Fünf" am Stuttgarter Ballett: "Under the surface" von Roman Novitzky Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Die fantastischen Fünf" am Stuttgarter Ballett: "Or Noir" von Fabio Adorisio Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Die fantastischen Fünf" am Stuttgarter Ballett: "Take your pleasure seriously" von Katarzyna Kozielska Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Die fantastischen Fünf" am Stuttgarter Ballett: "Skinny" von Louis Stiens Foto © Stuttgarter Ballett

Die Sache mit dem Choreografieren hat er einmal probiert – und dann nie wieder. Nicht jeder begnadete Tänzer ist zum Choreografen geboren. Dafür hat Reid Anderson, selbst noch Tänzer unter dem legendären John Cranko in Stuttgart, während seiner 22jährigen Tätigkeit als Ballettintendant nicht nur intensive Repertoirepflege betrieben, sondern das Choreografieren gefördert wie kaum ein Zweiter hierzulande. Das Geheimnis des Kreativschubs aus der Landeshauptstadt ist die hohe Wertschätzung für diese Arbeit. Die Noverre Gesellschaft macht es möglich, dass Nachwuchschoreografen unter professionellen Bedingungen ein Stück erarbeiten können. Für die Tänzer – Solisten inbegriffen – ist die Mitarbeit an den neuen Stücken quasi Ehrensache. Und Reid Anderson hat die nachhaltige Entwicklung von Talenten in diesem Metier systematisch mit Auftragsarbeiten gefördert.

So haben in Stuttgart mehr künftige Ballettdirektoren ihre ersten choreografischen Erfahrungen gesammelt als in jeder anderen Kompanie. Die Liste reicht von William Forsythe über den zu früh verstorbenen Uwe Scholz bis zu Kevin O’Day. Die ehemalige Solistin Bridget Breiner wird künftig das Ballett im Staatstheater Karlsruhe leiten und Marco Goecke, der erfolgreichste internationale Senkrechtstarter aus der Stuttgarter Choreografenschmiede, übernimmt die Leitung des Balletts in Hannover. Er ist sozusagen der Leuchtstern unter den „Fantastischen Fünf“, die zum Abschied von Reid Anderson für einen Ballettabend jeweils eine Uraufführung kreiert haben. Dabei herausgekommen ist ein Ballettabend der besonderen Art: überlang, sich im Anspruch stetig steigernd.

Roman Novitzkys Paar-Spiele „Under the surface“ sind eine witzige, elegante Spielerei. Die Schönheit im Brüchigen sucht Fabio Adorisio „Or Noir“ – man möchte ihm, der bekanntes Bewegungsrepertoire filigran auslotet, noch mehr Mut wünschen, das Brüchige auch in die Bewegungsfindung zu übersetzen. Powerfrau Katarzyna Kozielska rechnet in „Take Your Pleasure Seriously“ mit der einsamen Rolle der Ballerina regelrecht ab – folgerichtig wird auf der Spitze getanzt. Ihr Stück ist auch ein persönliches Statement: Die Halbsolistin des Ensembles wird ihre Tanzkarriere an den Nagel hängen und sich aufs Choreografieren konzentrieren. Louis Stiens ist so etwas wie das enfant terrible in der Runde der jungen Choreografen, dem man im Gegenzug für seine wagemutigen Einfälle gern eine Spielwiese gibt. In „Skinny“ benutzt er einen gewöhnungsbedürftigen elektronischen Musikmix, um eine kühle, distanzierte Atmosphäre zu schaffen, in der ein Rollentausch zwischen weiblich und männlich umso faszinierender daherkommt.

Marco Goecke ist als Choreograf längst eine Marke für sich. Er hat eine Bühnen-Bilderwelt mit hohem Wiedererkennungswert erfunden, die dennoch immer aufs Neue fasziniert und Emotionen beschwört. Sein Markenzeichen sind lange schwarze Hosen, blanke Oberkörper, dem Publikum zugewandte Rücken, fliegende Arme: Riesenvögel, die aufs heftigste Flattern und doch niemals Fliegen werden. Melancholie ist immer dabei; „Almost Blue“ heißt sein Abschiedsstück. Aber das bietet einen ganzen Strauß von Emotionen, in irrationalen Bildern, die sich der direkten Deutung entziehen und doch beim Publikum intensiv ankommen. Der Beifall des Stuttgarter Publikums spricht für sich.

Natürlich wird ein Stuttgarter Eigengewächs die künftigen Geschicke der Kompanie leiten. Tamas Dietrich feilt offensichtlich an einem eigenen Profil, und das Feld der Choreografenförderung scheint ihm wohl abgegrast zu sein. Als erste Tat hat er Goecke als Hauschoreograf gekündigt. Für die Zukunft setzt er mehr auf die Zusammenarbeit mit bereits bewährten zeitgenössischen Choreografen wie Akram Khan oder – man lese und staune – die bald Ex-Heidelberger Tanzchefin Nanine Linning.

Veröffentlicht am 03.04.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2017/2018, Tanz im Text

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Kommentare zu "Das Goodbye der Choreografen"



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