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Heidelberg

DIE SUCHE NACH DEM ENTSCHEIDENDEN IMPULS

Heidelberger Tanzbiennale mit Sharon Fridman und der Compagnie Käfig (Paris) eröffnet



"All Ways" von Sharon Fridman lässt sich auf das Zusammenspiel von Körpern ein, "Pixel" von Mourad Merzouki kontert mit unterschiedlicher Kunstformen.


  • "Pixel" von Mourad Merzouki Foto © Laurent Philippe
  • "All Ways" von Sharon Fridman Foto © Ignacio Urrutia

Manchmal, so erzählt der in Madrid lebende Choreograf Sharon Fridman, reicht ein einziger äußerer Referenzpunkt, um einem Körper genügend Orientierung für ein sicheres Gleichgewicht zu geben. Er hat diese Erfahrung im Umgang mit seiner erkrankten Mutter gemacht, und die Suche nach dem Zusammenspiel zweier Körper hat sein vielfach preisgekröntes Schaffen geprägt. Als Tänzer hat der gebürtige Israeli das Crossover vieler Stile im eigenen Körper kennengelernt, als Choreograf bevorzugt er Alltagsbewegungen. Die untersucht er mithilfe der Mitglieder seiner siebenköpfigen, spannend divers besetzten Kompanie präzise und virtuos, immer auf der Suche nach dem einen entscheidenden Impuls.

Seine Arbeitsmethode ist folgerichtig Contact-Improvisation, und es ist beeindruckend zu sehen, wie furchtlos sich seine TänzerInnen aufeinander einlassen, immer im Vertrauen darauf, dass der eine Körper tatsächlich weiß, was der andere tut. In seiner Choreografie „All Ways“ zieht Fridman eine Art Bilanz seiner zehnjährigen choreografischen Arbeit, und es ist kein Zufall, das mit genau diesem Stück die Heidelberger Tanzbiennale in der Hebelhalle eröffnet wurde. Das hier beheimatete UnterwegsTheater, zusammen mit dem Theater und Orchester Heidelberg Gastgeber des Tanzfestivals, verfolgt und präsentiert die Arbeiten von Sharon Fridman seit Jahren.

Zwar beginnt „All Ways“ mit einer einzelnen Tänzerin, die ihren Bewegungsraum auf der Bühne abzustecken versucht und dabei von Anderen unterstützt oder gestört wird, aber der heimliche Hauptdarsteller dieses Abends ist die gesamte Gruppe. Und so endet das Stück, das die verschiedenen Stadien des Aufbruchs ins Neue, Unbekannte thematisiert, mit organisch anmutenden Körperkonstellationen – bei denen nicht mehr unterscheidbar ist, wo der eine aufhört und der andere beginnt. Dazwischen gibt es eine traumartige Sequenz mit raffinierten Videoprojektionen und das Nebeneinander dreier wunderbar fließender Pas de deux – eine Hommage an den innigsten Kontakt zweiter Körper.

Die Macht der Gruppe einerseits und das Zusammenspiel des Tanzes mit unterschiedlichsten Medien andererseits formulierten die beiden für das Biennale-Programm verantwortlichen Choreografinnen Naninne Linning (Theater Heidelberg) und Jai Gonzales (UnterwegsTheater) als inhaltliche Leitlinien des Festivals.

Wie der Tanz unterschiedliche Medien mit Bravour einbinden kann, demonstrierte das Gastspiel „Pixel“ der Compagnie Käfig (Paris) im Stadttheater. Bei Choreograf Mourad Merzouki, der das Choreografische Zentrum von Créteil und Val-de-Marne leitet, ist das gleichberechtigte Zusammenspiel aktueller Kunstformen Programm. Selbst aus der HipHop-Szene kommend, mixt er zeitgenössischen Tanz mit urbanen Tanzstilen, Cirque Nouveau und Kampfkunst. Musik spielt für seine Stücke nicht nur eine Neben-, sondern eine Hauptrolle; für „Pixel“ schafft der preisgekrönte Filmkomponist Armand Armar einen wirkungsvollen akustischen Raum. Und weil andere Medien in seinen Choreografien nicht als hübsche Ergänzung, sondern als gleichberechtigte Partner fungieren, hat er für sein Stück das Digital-Kunstduo Adren M & Claire B engagiert. Die Beiden lassen über Videoprojektionen an Rückseite und Boden der Bühne eine animierte Welt voller verblüffender Effekte einfach mittanzen.

Merzoukis höchst artistische Truppe schafft einen regelrechten tänzerischen Austausch mit einer synthetischen Welt voller Wellen, Luftblasen, Riesen-Schnellflocken, Gitternetzen und wechselnder Muster. Anfangs sind es die Videoprojektionen, die scheinbar auf Bewegungen der Tänzer eingehen – doch die Rollen können wechseln. Die attraktiven künstlichen Muster schmeicheln sich durch organische Formen ins Auge und unterlaufen dann doch gekonnt die Seh-Erwartungen der Zuschauer – ein fantastisches Spiel über Schein und Sein, das vom Heidelberger Publikum begeistert aufgenommen wurde.

Veröffentlicht am 26.02.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2017/2018

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