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München

RHYTHMUS UND RAUSCH

„Bacantes – Prelude to a Purge“ von Marlene Monteiro Freitas in den Münchner Kammerspielen



Euripides „Die Bakchen“ dienen der Choreografin als Aufhänger für eine expressionistische Tanzperformance, in der sich alles möglichst zügellos um grausame, lustige, peinliche oder intime Situationen dreht.


  • „Bacantes – Prelude to a Purge“ von Marlene Monteiro Freitas Foto © Filipe Ferreira
  • „Bacantes – Prelude to a Purge“ von Marlene Monteiro Freitas Foto © Filipe Ferreira
  • „Bacantes – Prelude to a Purge“ von Marlene Monteiro Freitas Foto © Filipe Ferreira
  • „Bacantes – Prelude to a Purge“ von Marlene Monteiro Freitas Foto © Filipe Ferreira
  • „Bacantes – Prelude to a Purge“ von Marlene Monteiro Freitas Foto © Filipe Ferreira

Das wird irre. So schon der erste Eindruck. Yannick Fouassiers zweistufiges Bühnen-Arrangement für die Gastspielproduktion „Bacantes – Prelude to a Purge“ mutet an wie der Strand einer partylaunigen Heilanstalt bei Sonnenuntergang. Längs auf schwarzem Grund: zwei gelbe Stoffbahnen, die sich optisch abheben wie Wespenstreifen. Beim Eintreten beäugen einen der Normalwelt irgendwie entrückte Gestalten. Sie gehören zur Truppe der aus dem afrikanischen Inselstaat Kap Verde stammenden Tänzerin und Choreografin Marlene Monteiro Freitas.

Scheinbar chaotisch – tatsächlich aber mit für den Zuschauer undurchschaubarer Akribie – wurden Mengen an Notenständern, Stühlen, ein Spiegel, zahlreiche Mikrofone sowie säuberlich zusammengelegte Handtücher und Wasserflaschen über die Spielfläche verteilt. Ein Set für den kultischen Ausnahmezustand und hemmungslose Phantasie-Exzesse. Ideal für eine Tanzperformance grenzüberschreitender Metamorphosen. Musikalisch ist das Ganze in seiner durch Rhythmus motivierten Rasanz von Hoch- wie Popkultur inspiriert. Klangerlebnisreich, überbordend physisch und, weil so entmenschlicht, höllisch gut.

Nicht jeder im Saal hält das aus. Doch was Freitas – als sich selbst vergessende Grotesktänzerin eine phänomenale Reinkarnation von Valeska Gert und Josephine Baker – und ihre sich über Schläuche und Trichter die Sinne vernebelnden Darsteller mit unglaublicher Präzision und totaler körperlicher Verausgabung auf der Bühne abliefern, ist große Kunst. Fabelhaft expressionistisches Theater, in dem sich alles möglichst zügellos – die Augen weit aufgerissen und auch sonst mit jedem Muskel in Erregung – um grausame, lustige, peinliche oder intime Situationen dreht. Und das mit einer Ideenvielfalt, die frappiert und begeistert, einem ab und an allerdings auch Herz und Sinne erschauern lässt.

Es beginnt mit dem geordneten Einzug von fünf exzellenten Trompetern. Je weiter der Abend indes fortschreitet, desto lockerer werden auch bei ihnen Körper und Sitten. Aus musischen Begleitern der acht Tänzer, darunter zwei Perkussionsgenies, werden zunehmend gleichberechtigte Protagonisten, die ihren Instrumenten bald weit mehr als bloß mundgeblasene Klänge entlocken. Zum Schluss lutschen sie an ihren Trompetendämpfern wie an Tüten mit weiß-rotem Eis.

Eine Frau, Wattepads auf Augen und Zunge, die Haare unter einer goldenen Badehaube versteckt, hockt inmitten dieser losen Szenerie. Ihr klappbares Notenpult schirmgleich erhoben, erinnert sie an eine Wackelpuppe mit Grimassen-Tick: Wellnesspause in einem Moment vor-tsunamischer Ruhe. Blinde Entspannung vor dem orgiastischen Wahnsinnstrip, der für alle (inklusive Publikum) nach einem Delirium aus Rhythmus und Bewegungsrausch nur in Katharsis gipfeln kann.

Ganz antikendramatisch. Denn Aufhänger der 135 Minuten langen, pausenlosen Power-Performance, in der sich das Hauptrequisit Notenständer permanent in Gewehre, Krücken, Ruder, Periskope, Kopfmasken, Schreibpulte und allerlei mehr verwandelt, sind „Die Bakchen“ des griechischen Tragödiendichters Euripides. Dessen Figuren spielen in der assoziationsgewaltigen choreografischen Umsetzung der in Lissabon lebenden Künstlerin freilich kaum eine Rolle. Freitas՚ Untertitel verspricht das „Vorspiel zu einer Reinigung“. Was letztlich triumphiert, ist der enthemmte Ausdruck.

Zum Schluss formiert sich die karnevaleske Unordnung solistischer und kollektiver Vernunft-Ausreißer noch einmal. Das finale Tableau auf Maurice Ravels unverwüstlichen „Bolero“ ist eine blutige Orgie, in der drei Tänzerinnen haltlos auf ihren Hockern, die Hände zwischen den Zähnen, auf- und abspringen. Dermaßen drastisch verrückt, ins Performative überzeichnet und um musikalische Live-Acts der Blechbläser und mit Schlaghölzern ergänzt, hat man dieses Werk noch nie präsentiert bekommen. Einfach unschlagbar irre.

Veröffentlicht am 27.11.2017, von Vesna Mlakar in Homepage, Kritiken 2017/2018

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Kommentare zu "Rhythmus und Rausch"



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