HOMEPAGE



Gießen

SCHWERMÜTIG-MELANCHOLISCH

Tanzcompagnie Gießen zeigt dreiteiligen Tanzabend "Lyrical"



Nun also das Lyrische. Tarek Assam, Ballettdirektor am Stadttheater Gießen, liebt die Abwechslung. Nachdem die vergangene Spielzeit im Zeichen der Literatur stand, stellt er mit dem Start in die aktuelle Spielzeit die Musik ins Zentrum.


  • Tanzcompagnie Gießen zeigt dreiteiligen Tanzabend "Lyrical": Dominique Dumais Foto © Rolf K. Wegst
  • Tanzcompagnie Gießen zeigt dreiteiligen Tanzabend "Lyrical": Tarek Assam Foto © Rolf K. Wegst
  • Tanzcompagnie Gießen zeigt dreiteiligen Tanzabend "Lyrical": Moritz Ostruschnjak Foto © Rolf K. Wegst

Nun also das Lyrische in der Verbindung mit Tanz. Tarek Assam, Ballettdirektor am Stadttheater Gießen, liebt die Abwechslung. Nachdem die vergangene Spielzeit im Zeichen der Literatur stand, stellt er mit dem Start in die aktuelle Spielzeit die Musik ins Zentrum. Daher werden die drei Tanzstücke dieses Abends von hervorragenden Musikern live begleitet, das ist das Eliot Quartett (Hochschule für Musik Frankfurt/M.), das im Bühnenhinterraum sitzt, und das sind der Pianist Daniel Heide (Weimar) und die Mezzosopranistin Marie Seidler vom Stadttheater Gießen, die am vorderen linken Bühnenrand platziert sind.

Lyrical meint gefühlvoll, auch schwärmerisch, was als Charakterisierung auf jeden Fall auf das Spanische Liederbuch (1889/90) von Hugo Wolf zutrifft, von dem Assam sich inspirieren ließ. Für ihn ist das Lyrische auch eine Gegenposition zu Gewalt und Krieg, daher hat er sein Tanzstück „Clear Shadows“ seinem deutschen Großvater gewidmet, der die Schrecken des Ersten Weltkriegs erlebte.

Dmitri Schostakowitsch erlebte die Schrecken der russischen Revolution und der Stalin-Ära. Er war zunächst ein hochgelobter Auftragskomponist, wurde später des „Formalismus“ bezichtigt. Er liebte seine Heimat, doch sah er sich von Verhaftung und Abschiebung oder Hinrichtung bedroht. Dieses Moment hat die Gastchoreografin Dominique Dumais aufgegriffen. Die Choreografin aus Kanada war 14 Jahre lang stellvertretende Ballettdirektorin am Staatstheater Mannheim, in der nächsten Spielzeit übernimmt sie die Leitung in Würzburg. Ihr eigener multikultureller Hintergrund führte sie zu dem Thema Heimat und Verlust, sie stellt sich den Fragen ‚wer bin ich’ und ‚wie drücke ich das mit dem Körper aus’. Folgerichtig nennt sie ihr Stück „After / Before / Now“.

Der jüngste im Choreografen-Trio, Moritz Ostruschnjak, belastet sich nicht mit solchen Fragestellungen. Er nimmt die Musik wie sie ist und versucht „nicht dem Pathos zu verfallen“, nennt sein Tanzstück „Dsch“. Der in Marburg Aufgewachsene kam durch den Break Dance zum Tanzen, kam als Jugendlicher nach München. Er wählte weitere Ausbildungswege, die ihn bis zu Maurice Béjart führten und gilt seit zwei Jahren als choreografischer Shooting-Star der Münchener Tanzszene. Er wird unterstützt von seiner Lebensgefährtin Daniela Bendini.

Es ist ein insgesamt schwermütig-melancholischer Tanzabend geworden, aber ein absolut faszinierender. Einmal mehr werden die unterschiedlichen Herangehensweisen im zeitgenössischen Tanz deutlich erkennbar. Ein Riesenlob gilt der bestens aufgestellten Tanzcompagnie Gießen (TCG), die mit ihren 12 Mitgliedern plus zwei Jahrespraktikanten, staunenswerte Leistungen erbringt. Sie haben sich in aller Offenheit auf die Gastchoreografen eingelassen, was die beiden nicht müde wurden zu loben. Bühne und Kostüme (Lukas Noll) sind denkbar schlicht, Raumatmosphäre wird über wechselnde Lichtwirkung (Carsten Wank) erzielt.

Im ersten Teil sind die Kostüme sommerlich hell und flattrig leicht, beinahe analog zu Dumais’ Tanzstil, der von einem beständigen Flow der Bewegungen gekennzeichnet ist. Es ist die innere Bewegtheit, die nach außen dringt und die Personen antreibt. Dumais bringt für ihr „After / Before / Now“ das gesamte Ensemble zum Einsatz, nutzt häufig die Gegenüberstellung von Einzelpersonen zu Gruppe. Sie zeigt das Einsam- und Verloren-Sein; immer wieder das Bemühen der anderen, Empathie zu zeigen und einander zu helfen.

Der mittlere Teil von Assam ist lyrisch und dramatisch zugleich, das beginnt mit hart angeleuchteten Nebelschwaden beim Start. Die Kostüme sind im Unisex-Stil und fast militärisch streng. Dazu kommen zwei Objekte: eine herabhängende Piano-Attrappe und eine lebensgroße Gliederpuppe, mit der die neun Tänzer agieren. Die Puppe, ein beliebtes Motiv der (Neo-)Romantik, ist Projektionsfläche für Wünsche und Gefühle. Mit ihr wird höchst unterschiedlich umgegangen, von Begehren bis Pflegen und enttäuschtem Wegschubsen. Neben ungewöhnlichen, fast artistischen Pas de deux und -trois gibt es auch interessanten Variationen, wenn Menschen die Bewegungen der Puppe imitieren.

Der dritte Teil nach der Pause ist optisch vom roten Bodenbelag dominiert, von dem die sieben schwarz gekleideten Tänzer sich gut abheben. Moritz Ostruschnjak hat den Farbkontrast analog zur Revolutionsästhetik gewählt. Er lässt allem Zeit und Raum zur Entfaltung, dem Tanz und der Musik. Die Tänzer scheinen aus ihrem Innern heraus angetrieben, mal wirken die abgehackten Bewegungen wie defekte Roboter, dann wieder taumeln sie wie Blätter im Wind. Sie stehen häufiger still, machen nur minimale Bewegungen. Das strahlt Ruhe aus, erinnert streckenweise eher an Posieren als an Tanzen. Im Gedächtnis der Besucher haften bleiben, dürfte die Szene mit dem rhythmischen Haareschütteln vorm Gesicht. Sehr einprägsam.

Veröffentlicht am 09.10.2017, von Dagmar Klein in Homepage, Kritiken 2017/2018, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 3106 mal angesehen.



Kommentare zu "Schwermütig-melancholisch"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    REBELLEN (UA)

    Tanzabend von Asun Noales, Tarek Assam und Jörg Mannes Musik von Steve Reich, Dmitri Schostakowitsch und Igor Strawinsky

    Rebellion und Anderssein bilden die inhaltliche Klammer des neuen, dreiteiligen Tanzabends REBELLEN (UA) der Tanzcompagnie Gießen/Stadttheater Gießen.

    Veröffentlicht am 17.09.2019, von Anzeige


    CARMEN NEU INTERPRETIERT

    Tanzcompagnie Gießen: Choreografie von Ivan Strelkin - Musik von Rodion Shchedrin nach Georges Bizet

    Die Geschichte bleibt die altbekannte. In die Inszenierung seiner "Carmen" fügt Ivan Strelkin dann aber einige Brüche ein - ein lohnendes Unterfangen.

    Veröffentlicht am 08.06.2019, von Dagmar Klein


    CARMEN

    Tanzabend von Ivan Strelkin | Musik von Rodion Shchedrin nach Georges Bizet

    Sie gehört zu den berühmtesten Verführerinnen der Weltliteratur: Mit dem Tanzabend CARMEN zeigt der junge Choreograf Ivan Strelkin mit der Tanzcompagnie Gießen eine eigene tänzerische Auseinandersetzung mit dem Stoff.

    Veröffentlicht am 31.05.2019, von Anzeige


    ABENTEUERLUST UND ENTDECKERDRANG

    Der zweiteilige Tanzabend "Globetrotter" am Stadttheater Gießen

    Die erste Tanzpremiere der Spielzeit 2018/19 wartet mit Überraschendem auf. Mit dabei: meditatives Naturerleben, Großstadtdschungel und Fantasy World.

    Veröffentlicht am 01.10.2018, von Dagmar Klein


    KUNST-CROSSOVER ZWISCHEN WEST UND FERNOST

    Wieder einmal wagt der Gießener Ballettdirektor Tarek Assam mit „CROSS!“ Neues

    In seiner Choreografie lässt er Mitglieder der Tanzcompagnie Gießen auf chinesische AkrobatInnen treffen.

    Veröffentlicht am 04.02.2018, von Dagmar Klein


    IM GRUPPENRAUSCH

    „Auftaucher“ - Tanzabend von Henrietta Horn in Gießen

    Diesmal ist es ein Klassiker des zeitgenössischen Tanzes, den die Tanzcompagnie Gießen mit Gastchoreografin Henrietta Horn einstudiert hat. „Auftaucher“ - 1998 von einem polnischen Theater in Auftrag gegeben - hat sich über Jahre weiterentwickelt.

    Veröffentlicht am 01.12.2017, von Dagmar Klein


    MOVEMENT NEVER LIES

    TanzArt ostwest 2017 in Gießen

    Das Austauschfestival zeigt sich international und vielfältig.

    Veröffentlicht am 06.06.2017, von Dagmar Klein


    MACHT DER GEFÜHLE

    Tanz inspiriert von Ludwig Tiecks „Der blonde Eckbert“

    Schon mal vom „blonden Eckbert“ gehört? Die Wissenslücke kann derzeit am Stadttheater Gießen geschlossen werden. Da die Tanzcompagnie endlich eine feste Dramaturgin hat, ist die Themenauswahl dieser Spielzeit von Literatur inspiriert.

    Veröffentlicht am 19.12.2016, von Dagmar Klein


    WAS WÜRDE ICH TUN, WENN ...

    Tanzabend von Gastchoreografin Rosana Hribar mit der Tanzcompagnie Gießen

    Ein ungewohnt klarer Blick auf die unterschiedlichsten Facetten des Lebens. Souverän und engagiert getanzt.

    Veröffentlicht am 05.12.2015, von Dagmar Klein


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    SCHÖN ANZUSEHEN

    Halbzeit bei der Tanzwerkstatt Europa 2020 in München
    Veröffentlicht am 06.08.2020, von Vesna Mlakar


    PHYSISCHE ÄSTHETIK

    Eröffnung der Tanzwerkstatt Europa 2020 mit Jefta van Dinthers „Plateau Effect“
    Veröffentlicht am 02.08.2020, von Vesna Mlakar


    NACHDENKLICHES UND BRILLANTES

    Das Stuttgarter Ballett verabschiedet sich mit „Response I“ in die Sommerpause
    Veröffentlicht am 28.07.2020, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZTHEATER WUPPERTAL SPIELZEIT 2020/21

    Nach einer - auch für Tanztheater Wuppertal Pina Bausch - sehr langen und schwierigen Durststrecke startet das Ensemble in die Spielzeit 2020/21.

    Die aufgrund der ausfallenden Aufführungen in Wuppertal, Paris, Los Angeles, Berkeley, Chicago und Ludwigsburg freigewordenen Zeitfenster nutzte das gesamte Ensemble um den künstlerischen Austausch über Prozesse im Umgang mit einem so wertvollen Erbe wie dem Pina Bauschs auch in Kooperation mit der Pina Bausch Foundation zu vertiefen und künstlerische Formate für aktuelle Szenarien zu entwickeln.

    Veröffentlicht am 10.08.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    „EINE GNADE, EIN GLÜCK“

    10 Jahre Martin Schläpfer beim Ballett am Rhein – ein filmischer Abschiedsgruß

    Veröffentlicht am 13.07.2020, von Annette Bopp


    SIE WÄHLEN AUS

    Die Jury der Tanzplattform 2022 steht fest

    Veröffentlicht am 12.07.2020, von tanznetz.de Redaktion


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    WÜRDIGE ABSCHIEDE

    Ein Buch und eine digitale Ausstellung zum Wechsel von Martin Schläpfer nach Wien

    Veröffentlicht am 13.07.2020, von Isabelle von Neumann-Cosel



    BEI UNS IM SHOP