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Dresden

ALLES IN ALLEM

Joseph Hernandez choreografiert zur Eröffnung der Ausstellung über den Philosophen Jacob Böhme im Großen Schlosshof des Dresdner Residenzschlosses



Dabei geht es in „Regeneration (7 Inquires)“ um duale Assoziationen und Böhmes Konzept der Erneuerung und Wiedergeburt.


  • „Regeneration (7 Inquires)“ von Joseph Hernandez Foto © Oliver Killig

Jacob Böhme, geboren 1575, gestorben 1624, lebte in Görlitz. Er war Schuster, aber so wie sein Nürnberger Kollege Hans Sachs blieb auch er nicht bei seinen Leisten. Den Meistersinger von Nürnberg kennt man, nicht zuletzt wegen der Oper von Richard Wagner. Den Mystiker und christlichen Theosophen – Hegel nannte ihn den „ersten deutschen Philosophen“ – weniger. Grund genug, an ihn zu erinnern. Nicht zuletzt auch deshalb, weil er, wie die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Marion Ackermann, in ihrer Rede zur Ausstellungseröffnung betonte, „sich für Toleranz aussprach und für verfolgte Minderheiten einsetzte“. Für den Protestanten Böhme waren auch Nicht-Christen Teil des göttlichen Plans, „Warlich es ist nur ein Gott [...]. Es seien Gleich Christen / Iuden Türcken oder Heiden / Oder meinestu das Gott nur der Christen Gott Seye?“, heißt es in seiner Schrift „Aurora oder Morgenröte im Aufgang“, von 1612.

Für die Eröffnung der Ausstellung „Alles in Allem“ hatten sich die Staatlichen Kunstsammlungen etwas Besonderes einfallen lassen. Sie luden die zahlreichen InteressentInnen, die selbstverständlich nicht nur aus Dresden kamen, zu später Abendstunde an einem milden Sommerabend in den großen Hof des Dresdner Residenzschlosses. Mitglieder des renommierten Barockensembles „La Folia“ spielten Musik aus der Zeit Böhmes, leider ließ die Tontechnik der ungeübt wirkenden Verstärkung arg zu wünschen übrig. So wie schon in der Begrüßung durch Marion Ackermann konnte auch Claudia Brink als Vertreterin des Kuratorenteams auf kommunikative Art historische Informationen mit Zeitbezügen verbinden und somit wahrhaft Lust auf den Besuch der Ausstellung machen, die auch an diesem Abend bis in die späten Nachtstunden zu besichtigen war.

Und zur sehr späten Stunde dann die Uraufführung einer Choreografie von Joseph Hernandez, der als Tänzer des Dresdner Semperoper Balletts bereits mit anderen Kreationen, mit Kunstaktionen und der Mitwirkung in freien Produktionen darauf aufmerksam gemacht hatte, dass auch er ganz und gar nicht gewillt ist nur bei „seinen Leisten“ zu bleiben.

Es könnte gut sein, dass ihn ein Satz von Böhme zu dieser Arbeit mit dem Titel „Regeneration (7 Inquires)“ zur Eröffnung der Ausstellung angeregt hatte: „Denn die Sanftmut wallet gegen den Zorn, und der Zorn gegen die Sanftmut, und sind also zwei unterschiedliche Reiche in dem einigen Leibe dieser Welt.“ Um duale Assoziationen geht es in seiner Choreografie für seine Tänzerkollegen Christian Bauch und Clément Haenen bei dramaturgischer Begleitung durch Gamal Gouda und Francesco Pio Ricci. Es gehe ihm, so Hernandez, unter anderem um Böhmes Konzept der Erneuerung und Wiedergeburt. Damit begibt er sich auf jeden Fall in die Themenfülle des Tanzes, insbesondere zeitgenössischer Ansprüche. Dass man philosophische oder theologische Themen nicht in Tanzbilder verwandeln kann ist klar – davon auch kein Anflug in den sieben knappen Szenen, die ineinander übergehen und dabei nicht an Spannung und Konzentration verlieren.

Solistische und dialogische Sequenzen lösen einander ab, mitunter kommt es zu symmetrischen Passagen, die sich auflösen, die Tänzer entfernen sich voneinander und kommen wieder zusammen, aber in ständig veränderten Konstellationen, bis hin zu körperlichen Ergänzungen, die für Momente zwei Körper zu einer Figur werden lassen. Auch hier wird immer wieder deutlich: Einheit ist nicht Gleichheit, Zusammenklang nicht Gleichklang, das Ganze hat viele Facetten, auch gegensätzliche.

Immer wieder gibt es das Ausloten der möglichen Nähe, die gefundene oder auch gesuchte Distanz als Ausgang für erneute Annäherung. Das kann dann beim Tänzer Christian Bauch auch mal zu leicht ironisch lächelndem Verharren führen, bei Clément Haenen zu expressiver Steigerung der Bewegung. Was die persönliche Ausstrahlung angeht, die tänzerische Kraft, die auch in Momente des Stillstands nicht abbricht, könnten die beiden Tänzer in ihrer Präsenz kaum unterschiedlicher sein. Wesentliches trägt die Auswahl der Musik bei. Gespielt werden von jungen Dresdner Musikern Passagen aus John Cages „Harmonies from Apartment House 1776“, einem Werk, in dem Cage es vermag, Stille hörbar zu machen, dem Schweigen Klang zu geben. Die Musik von Cage, für den „Struktur ohne Leben“ tot ist, und „Leben ohne Struktur nicht wahrnehmbar“, verbindet sich zum einen wunderbar mit der nächtlichen Weite dieses großen Hofes, findet dann immer wieder zu den Tänzern und eröffnet so den zahlreichen, sehr konzentriert zusehenden Menschen einen großen Raum der Assoziationen.

So wie es Cage darauf ankommt, uns Mut zu machen, die Stille nicht zu fürchten und sie zu lieben, so ergänzt der Tanz dies mit seinem Angebot, das Fremde, das uns in den zunächst so abstrakt erscheinenden Formen der Bewegung fern und unbekannt erscheint, anzunehmen. Diese Bewegungen machen sich nicht als Logik einer Handlung erkennbar, wohl aber als Logik einer Suche nach Erkenntnis, mag sie auch verbalen Umwegen folgen wie bei Jacob Böhme.
Es geht auf Mitternacht zu. Nach einem Moment der Stille, starker, zustimmender Applaus für diesen ungewöhnlichen Abschluss dieser ungewöhnlichen Eröffnung einer Ausstellung.

Veröffentlicht am 29.08.2017, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2016/17

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