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München

WIE EIN FEDERLEICHTES TABLEAU

„Der kleine Prinz“ von Maged Mohamed am Bayerischen Staatsballett



Maged Mohamed versammelte eine Besetzung zum Niederknien – und so entstand ein ruhiges, vielseitiges und gemütvolles Stück. Höchste Zeit! Fanden die Zuschauer und kauften alle Vorstellungen leer


  • „Der kleine Prinz“ von Maged Mohamed; Ensemble Foto © Wilfried Hösl
  • „Der kleine Prinz“ von Maged Mohamed; Johann Ludwig Trosbach und Ekaterina Petina Foto © Wilfried Hösl
  • „Der kleine Prinz“ von Maged Mohamed; Johann Ludwig Trosbach Foto © Wilfried Hösl
  • „Der kleine Prinz“ von Maged Mohamed; K. Markowskaja Foto © Wilfried Hösl

Maged Mohameds „Kleiner Prinz“ ist ein Tanztheater für Kinder wie für Erwachsene, aber auch eine Koproduktion verschiedener Abteilungen der Bayerischen Staatsoper. Staatsballett, Orchester, Dramaturgie und Technik arbeiteten zusammen, Maged Mohamed versammelte eine Besetzung zum Niederknien – und so entstand ein ruhiges, vielseitiges und gemütvolles Stück. Höchste Zeit! Fanden die Zuschauer und kauften alle Vorstellungen leer.

Beim erwachsenen Publikum weckte die Inszenierung Wehmut, weil sie ein Wiedersehen mit dem alten Staatsballett bescherte. Mohamed hatte Ekaterina Petina als Rose, Katherina Markowskaia als Schlange, Maxim Chashchegorov als eitlen Zeitgenossen eingeladen, ebenso wie Nikita Korotkov als Fuchs, Peter Jolesch als König und Ilia Sarkisov als Laternenanzünder. Die von den Münchnern geliebten und vermissten Ex-Ensemblemitglieder harmonierten wie eine jahrelang eingespielte Familie. Eine Hand griff die andere, jede Miene sah die andere voraus und alle sind exzellent in Form. Eigentlich schön, dass die Tänzer jetzt im kleinen Rennertsaal so nah zu erleben sind. Manche sind auch Teil von Richard Siegals neu gegründetem Ballet of Difference und bald in der Muffathalle zu sehen. Dan Glazer als Saint Exupéry fügt die Geschichte um den in der Wüste gestrandeten Flugzeugpiloten als Erzähler letztlich nahtlos zusammen, auch er eine ideale Besetzung mit seiner verständigen doch quirligen Art, seiner warmen Stimme und seiner klassisch-exakten Aussprache. Für junge Zuschauer ist so etwas elementar.

Angesichts der Zusammengehörigkeit dieses eingespielten Teams ist die Leistung des zwölfjährigen Ludwig Trosbach als Kleiner Prinz bewundernswert. Der Schüler der Ballettakademie (er teilt sich die Rolle mit Simon Boley, tanznetz sah die zweite Abendvorstellung) zeigt weit mehr als nur Tanzschritte, sondern nimmt selbstverständlich emotionale Beziehungen zu seinen Mitspielern auf. Er bezaubert sein Alter Ego Saint Exupéry mit Changements und Twistsprüngen, begießt Rose Petina mit kindlichem Entzücken und zähmt den Fuchs wie den Lampenanzünder mit Bodenrollen und Gelächter. Mögen die Jetés auch noch nicht so kraftvoll sein wie die der Großen, die Ports-de-bras noch schüchtern, so begeistert er dennoch mit fließenden Kombinationen, lyrischer Zartheit und einer guten Kondition. Immerhin tanzt das Ensemble 70 Minuten lang auf Sand.

Wie jene für den Prinzen zielen auch Maged Mohameds Choreografien für die Erwachsenen auf die Geschmeidigkeit der Tänzer. Die Bewegungen der Arme und Oberkörper sind träumerisch ornamental oder liebevoll hypnotisch, so wie die der sehr mütterlichen Schlange Markowskaia, die Beine schnell, fliegend oder gekreuzt wie bei den Männern. Viel Einfühlungsvermögen spricht aus dem Werk, und auch Eigenständigkeit. Die live gespielte Musik von Darius Milhaud wirkt da oft ein wenig zu rustikal, mal abgesehen davon dass sie Dan Glazers Stimme zersägt. Besser entfaltet sich die Poesie des Stücks mit Eric Saties „Gnossiennes“ und „Blue Moon“ vom Tonband.

In einer federleichten Geburtstagsfeier für den Prinzen endet das Tableau unter dem Wüstenhimmel. Zurück bleibt Saint Exupéry an einer Bushaltestelle, zusammen mit der Hoffnung auf eine weitere Serie in der kommenden Spielzeit.

Veröffentlicht am 25.03.2017, von Isabel Winklbauer in Homepage, Kritiken 2016/2017

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Kommentare zu "Wie ein federleichtes Tableau"



    • Kommentar am 29.03.2017 22:55 von Sabine Winkler
      Irgendwie verstehe ich das Münchner Publikum nicht, sollte die Kritikerin mit dem Wehmutsaspekt bzgl. des "alten" Staatsballetts Recht haben. Immerhin hat Zelensky bis jetzt doch eine bella figura gemacht. Die Zukunft hat auch hier längst begonnen, und besonders kreativ oder originell fand ich die Choreografie von Mohamed ehrlich gesagt nicht. Die tänzerische Leistung des Teams, vor allem des jungen Trosbach, war in der Tat beachtlich.

      Richard Siegal muss m.E. darauf achten, sich auch ausreichend mit neuen, unverbrauchten Gesichtern zu umgeben. Sonst hängt ihm irgendwann beim aufgeschlossenen Teil des Münchner Tanz-Publikums der Odem des "alten" Staatsballetts an. Für die Matinée-Veranstaltungen der Heinz-Bosl-Stiftung und für die Ballett-Akademie der Hochschule würde ich mir mehr Abwechslung mit Kreationen von anderen, neuen Choreografen wünschen. Auch hier täte etwas mehr "Zukunft" gut.

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