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Hamburg

VERLEBENDIGTES TANZERBE IN HAMBURG

Weidt tanzt! – Eine Ausstellung & DIE ZELLE – Eine Tanzaufführung



Ein spannendes Hamburger Doppelprojekt rückt einen fast vergessenen Protagonisten der europäischen Tanzszene des 20. Jahrhunderts mit einem nachhaltigen „Weidt tanzt!“ in den lebendigen Diskurs.


  • "DIE ZELLE" mit Monika Weller Foto © Daniel Kulle
  • "DIE ZELLE" mit Isabella Boldt und Bogdan Bogdanov Foto © Daniel Kulle

Ein spannendes Hamburger Doppelprojekt rückt einen fast vergessenen Protagonisten der europäischen Tanzszene des 20. Jahrhunderts mit einem nachhaltigen „Weidt tanzt!“ in den lebendigen Diskurs. An der traditionsreichen Lola Rogge Schule werden Teile seiner Vita eindrucksvoll belebt.

Die interaktive Rauminszenierung der Ausstellung (Koinzi Dance e.V. in Kooperation mit der Berliner technischen Kunsthochschule/Campus Altona) präsentiert Originaldokumente, Plakate, Zeichnungen, Originalmasken sowie Gemälde aus dem Hamburger und Berliner Umfeld des Tanzkünstlers. In 164 Büchern und Broschüren, hier auf Tischen ausgelegt und so eine weite Spur des Wissens formend, finden sich zum Teil unbekannte Spuren der Motivation und Ästhetik des engagierten Tänzer-Choreografen Jean Weidt. Seine Tänze waren politisch vom linken Engagement, technisch von der Tanzpantomime und künstlerisch von Surrealismus und Psychoanalyse geprägt. Drei Kabinette sind dem Beginn in Hamburg, Freunden und Helfern sowie Weidts Wegen durchs Exil gewidmet. Der Betrachter sitzt in einem 3. Klasse Zugabteil auf Holz und per Knopfdruck kann er in eingesprochenen Selbstaussagen den wechselnden Orten und Beweggründen des Emigranten nachspüren.

Als widersprüchlich, fragmentarisch und einseitig offenbaren sich in Selbstaussagen, Zeitungsberichten und tanzhistorischer Rezeption die Etappen im Lebensweg des 1904 in einfachen Verhältnissen in Hamburg als Hans Weidt Geborenen. Als Kohlenträger im Hafen, Gärtner und Aktmodell finanzierte er seinen Lebensunterhalt. 1925 gründete er in Hamburg seine Laientanzgruppe „Die Roten Tänzer“ (kalt und mit Kohlesäcken ausgelegt erscheint sein fiktives Studio in der Ausstellung). Gemeinsam gingen sie 1929 nach Berlin. Weidt trat 1931 in die KPD ein. Brecht, Piscator, Heartfield machten ihm Mut seine sozialkritischen Themen mit radikalen künstlerischen Lösungen zu entwickeln. Nach seiner Inhaftierung emigrierte er im Mai 1933 nach Paris und nannte sich seither Jean. Mit seiner Gruppe „Ballets Weidt“ und seiner Kompanie „Les Ballets 38“ feierte er Erfolge; Picasso, Jean Gabin, Jean Cocteau, Jean Target zählten zu seinem Freundeskreis. Als Emigrant wirkte er in Moskau, Prag, Neapel, Genua sowie 1946 als Leiter des Pariser „Ballets des Arts“. Als Vertreter Frankreichs gewann er 1947 mit „La Cellule“ den 1. Preis für Choreografie beim Concours International de la Danse Kopenhagen. In Frankreich gilt Jean Weidt bis heute als ein Wegbereiter des modernen Tanzes; doch nach dem 2. Weltkrieg versiegte auch in seinem geliebten Gastland das Interesse am deutschen Ausdruckstanz mit sozialkritischer Thematik angesichts der Neuausrichtung auf klassisches Ballett.

Im September 1948 kehrte er in die SBZ nach Berlin zurück, formte das „Dramatische Ballett“ im Bund Deutscher Volksbühnen, arbeitete als Choreograf in Schwerin (zugleich Mitinitiator der „Störtebeker Festspiele“ 1954) und Karl-Marx-Stadt. Weidt wurde 1966 (parallel zu Tom Schilling, der das Tanztheater der Komischen Oper aufbaute) von Walter Felsenstein an die Komische Oper Berlin engagiert. Dort gründete er mit Laien die „Gruppe Junge Tänzer“ (20 Frauen und 20 Männer), die er ebenso charismatisch und engagiert bis zu seinem Tod 1988 leitete wie die legendäre Veranstaltungsreihe „Stunde des Tanzes“ in der Volksbühne.

Die Hinwendung zu sozialkritischen und antifaschistischen Themen, so in „Potsdam“, „Der Arbeiter“, „Tanz mit der roten Fahne“, „Tanz der Gefangenen“, „Sie kommen nicht durch“, „Mein sind die Maschinen“, „Das Opfer“, „Tanz unter den Brücken“, „Wolken“ – realisierte Weidt wie andere Künstler seiner Zeit mit grotesker Überzeichnung, Maskenspiel, ‚filmischer’ Rückblende als surreale Innenschau. Dies kulminierte künstlerisch in „La Cellule“.

Symbiotischer Teil des ambitionierten Doppelprojekts: „Weidt tanzt!“ ist eine Neubearbeitung des Tanzstücks „Die Zelle“ („La Cellule“) durch die interdisziplinär wirkende Kunstwissenschaftlerin Nele Lipp (Konzept/Regie) als Gemeinschaftsarbeit mit Christiane Meyer-Rogge-Turner und Monika Weller (Choreografie), Karsten Wiesel (Videokunst), Burkhard Scheller (Kostüme), Wittwulf Malik (Musik). Alle drei Berufsausbildungsklassen der Lola Rogge Schule sind an den Filmchoreografien als Gespenster, Herren und Animierdamen beteiligt.

Die Tanzpantomime imaginiert eine dramatische Fortsetzung von Bertolt Brechts früher Komödie „Trommeln in der Nacht“ (UA 1922). Bei Brecht verweigert sich der Kriegsheimkehrer und Ex-Spartakist Andreas Kragler dem weiteren sozialen Kampf zugunsten von privatem Glück mit Frau und ‚Bastard’. Jean Weidt antizipiert in seiner Szenenmontage aus Maskentanz, Ausdruckstanz, Pantomime und klassischem Ballett Kraglers klägliches Ende. In seinem „Ballet dramatique“ durchlebt der um 25 Jahre gealterte Mörder seiner Frau in der Zelle die Albträume seines Lebens.

Die neue illustrierte Kunstzeitschrift ‚Dionysos’ vermerkt am 9. 4. 1949 zum Gastspiel der „Ballets des Arts“ in Berlin: „Jean Weidt, Gründer, Haupttänzer und Choreograph der etwa zwanzig Köpfe zählenden Truppe Ballets des Arts hat für das Berliner Gastspiel zwei Programme zusammengestellt, mit denen er zur Zeit im Theatre Pigalle in Paris Erfolg hat (…), die die gleiche Düsternis und Realistik ausstrahlen wie die Theaterstücke Franz Kafkas. Dadurch, daß teilweise mit Masken gearbeitet wird, verstärkt sich dieser Eindruck noch. So werden etwa in dem dramatischen Ballett „Die Zelle“ ungemein plastisch und eindrucksvoll als ein gespenstischer Traum die letzten Gedanken eines Verurteilten geschildert, der seine Frau ermordet hat“.

„Ja“ antwortet Bertolt Brecht 1954 auf die briefliche Anfrage von Helene Weigel das Tanzstück „Die Zelle“ von Jean Weidt aufzuführen. Es wurde nicht realisiert. Die Choreografie wurde nie aufgezeichnet und geriet im kulturpolitischen Umfeld der Formalismus-Debatte wegen der surrealen und psychologisierenden Elemente in Vergessenheit. Weidt hat sich weder in seiner 1968 in der DDR erschienenen Biografie noch im Dokumentarfilminterview 1984 dazu geäußert, „was wiederum im Westen zur einseitigen Rezeption Weidts als ‚Roter Tänzer’ geführt hat“, so die promovierte Kunstwissenschaftlerin und Initiatorin des Projektes Nele Lipp. Sie hatte 2010 über Jean Weidts Hamburger Zeit geforscht und dies in "Himmel auf Zeit. Kunst und Kultur der 1920er Jahre in Hamburg" publiziert.

2016 ersteigerten Andreas Weidt (Sohn) und Michael Wiedemann (ehemaliges Mitglied der „Gruppe Junger Tänzer“ Komische Oper Berlin) eine Bildmappe „La Cellule“ mit Libretto-Skizze von Marcel Mouloudij sowie farbigen Bühnenbild- und Bewegungsskizzen von Jean Target. Diese Dokumentation von 1947 wurde Grundlage für die Neubearbeitung.

Zu entdecken ist eine ambitionierte Gemeinschaftsarbeit von Koinzi Dance e.V. in Kooperation mit der Lola Rogge Schule, die eine fiktive Weidt-Choreografie mit den gestalterischen Mitteln der Gegenwart als ein grotesk überzeichnetes Kammertanzspiel in geschickter Mehrfachüberblendung von Liveperformance und surrealen Filmsequenzen verlebendigt.

Kragler (Ralf M. Ze), ein ergrauter Antiheld, gepeinigt von den Traumata des Krieges, gefangen im privaten Scheitern, vom Abstieg in die Subkultur, verurteilt als Mörder seiner Frau, taumelt zwischen Vergangenheit und Gegenwart ohne Zukunft. In der Zelle liegt er apathisch am Boden; doch in ihm brodelt es, auf der Leinwand zerren fahlgrüne Froschwesen an ihm, Explosionen zerbersten die Erde, Kriegsgeister fleddern ihn, eine Hure führt den Marsch an, Kraglers lebloser Körper baumelt im Takt. Der Mann torkelt real gegen zerborstene Bettgestelle, Kraglers Frau (Katja Borsdorf) trippelt verängstigt zwischen den Gitterstäben, während der Sohn provozierend die rote Fahne schwenkt. Kraglers sinnentleertes Dasein trifft im klassischen Pas de deux von Ballerina (Isabella Boldt) und Affenmensch (Bogdan Bogdanov) auf sinnentleerte Kunst. Kraglers Abstieg in das Milieu der Gangster und Animiermädchen über eine steile Treppe (Film in Anlehnung an Leopold Jessner), die pantomimischen Interaktionen der fünf Protagonisten im Dialog mit den Videokommentaren des Bewegungschores erzeugen ein theatrales Spannungsfeld der psychischen und physischen Bedrängnis. Die elektronische Musikcollage konturiert ein flirrend unheimliches Umfeld mit bewussten Anklängen an Polka, Walzer Tango, Fragmenten der Internationale und französischem Chanson. Kragler ergreift eine fiktive Fahne, während die Animiermädchen schunkeln, Kragler demaskiert die Soubrette (Monika Weller), die Fahne verblasst.

Das Hamburger Jean Weidt-Doppelprojekt (ergänzt durch Podiumsdiskussion und Filmretrospektive) ist eine vielgestaltige Wortmeldung zur deutsch-europäischen Tanzgeschichte. Zu danken ist allen Beteiligten. Wünschenswert wäre die Ausstellung um weitere Kabinette zu erweitern, die Jean Weidts 40-jährige künstlerisch-pädagogische Arbeit in der DDR gleichermaßen fundiert präsentieren. Weidts Nachlass befindet sich in den Tanzarchiven in Leipzig und Köln. Die Akademie der Künste Berlin wäre ein geeigneter Ort, um „Weidt tanzt!“ sinnlich erfahrbar in Bild, Text, Tanz und Film ein umfängliches Podium zu geben.

Ausstellung & Aufführung bis 28. 10. 2016, Lola Rogge Schule Hamburg www.lolaroggeschule.de

Neuerscheinung:
Nele Lipp. Jean Weidt. Idealist und Surrealist der europäischen Tanzszene. Athena-Verlag Oberhausen 2016. ISBN 978-3-89896-659-7, 24,50 Euro

Veröffentlicht am 26.10.2016, von Karin Schmidt-Feister in Homepage, Themen

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