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Leipzig

ALLEIN ES FEHLT DER PUNK

Am Samstag eröffnete das diesjährige Off-Europa-Festival im Leipziger Lofft mit „The Earth Song“



„No Future!“ war gestern. „The Earth Song“ ist ein „ökologisches Tanz-Punk-Musical“, das sich um die Zukunft sorgt.


  • "The Earth Song" von Sari Palmgren Foto © Uupi Tirronen
  • "The Earth Song" von Sari Palmgren Foto © Uupi Tirronen
  • "The Earth Song" von Sari Palmgren Foto © Uupi Tirronen

Von Steffen Georgi

Zeiten ändern sich. Am Samstag gab es im Lofft als Eröffnungsstück des diesjährigen Off-Europa-Festivals mit „The Earth Song“ (Choreografie: Sari Palmgren) ein sogenanntes „ökologisches Tanz-Punk-Musical“ zu erleben. Eine Performance, die sich um die Zukunft der Welt sorgt. Ein Stück politischer Bühnenkunst um Klimawandel und Konsumverhalten, ob dem es lohnt, hier mal einen kurzen Rückblick einzufügen.

No Future! Einst - es ist Jahrzehnte her - war das die zur Parole gekochte Bewusstseins-DNA des Punks. Sein Selbstverständnis über und ein kräftiges „Fuck you“ an jene Welt, von der schon Arthur Schopenhauer (auf seine Art durchaus auch Punk) wusste, dass sie nur eine von „zahllosen Kugeln im unendlichen Raum“ sei, auf der „ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat.“ Sich darum sorgen? Verlorene Liebesmüh. Das Sein ist nicht das Gute - dies ist „die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt“ (Schopenhauer) und wenn je eine Subkultur diese Satzung in rigorose, subversive Antiästhetik und Drei-Akkorde-Nihilismus umgewandelt hat, dann war es Punk.

Long ago. Nicht, dass es jetzt in Palmgrens Tanz-Punk-Musical an Energie fehlen würde. Dafür sorgt allein schon der gekonnte Mix an Live-Musik. Von peitschender Electronic bis zum schamanischen Beschwörungssingsang, von schneidenden Gitarrenriffs bis zum kühlen Laurie-Anderson-Cover reicht die (auch stimmlich gut gemeisterte) Bandbreite. Selbst ein Sample aus Mozarts Requiem oder der Sakralgesang eines Performers fügt sich da perfekt ein. Das ist suggestiv und auch in der kontrastierenden Kombination dramaturgisch schlüssig.

Gilt auch für die Choreografie. Das anfängliche Tanzen, Zucken, Krampfen an der Bühnenrückwand im Spasmus elektronischer Musik, das Verstreuen im Raum, das entspannte aufeinander Eingespieltsein der drei Performerinnen und drei Performer, auch manch rabiate solistische Einlage: Überzeugend.
Schwierig wird es - wie so oft - in jenem Moment, wenn sich sprachlich artikuliert wird. Da ist die Quasi-Familienaufstellung heutiger Weltkonstellationen (der Eine ist Gasprom, eine Andere ein Supermarkt usw.) noch von jenem Humor, der immer wieder die nicht ignorierbare Neigung zur mahnenden Betroffenheitsattitüde abzuschwächen vermag. Ein Humor, der wie ein (intuitives?) Regulativ aufscheint gegenüber Momenten, in denen dann etwa auch mal per Einspielung eine goldige Kinderstimme seine Sorge um den Regenwald artikuliert. Nun gut, im Namen der Zukunft muss man vielleicht auch mal Kitsch tolerieren.

In „The Earth Song“ ist somit einiges enthalten: Starkes und Schwaches, Ökologie und Musical, Tanz sowieso. Allein es fehlt am Punk. Das heißt, am bösen Stachel. Dass die Erde noch hier sei, wenn wir - die Menschen - schon verschwunden sein werden, ist einmal von der Bühne zu hören. Aber eben nicht als nihilistisches „No Future!“, sondern im bedauernden Tonfall menschlichen Selbstmitleids. Da lobt man sich dann doch den Wolf, dessen Heulen an einer still-starken Stelle erklingt. Der schönste „Earth Song“ der Inszenierung.

Veröffentlicht am 22.09.2016, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Allein es fehlt der Punk"



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