KRITIKEN 2012/2013



Gießen

DORNRÖSCHEN: LEICHT, VOLLER WITZ UND ESPRIT!

Tanzstück von Tarek Assam hatte Premiere im Stadttheater Gießen


  • Dornröschen/Aurora und der Prinz haben sich gefunden (Mamiko Sakurai u. Keith Chin) Foto © Rolf K.Wegst
  • Die Partygäste tanzen fröhlich Foto © Rolf K.Wegst
  • Mamiko Sakurai an Schläuchen - Dornröschen in 100-jährigem Tiefschlaf Foto © Rolf K.Wegst

Das Gießener Premierenpublikum war begeistert. So leicht, voller Witz und Esprit hatte man sich ein Dornröschen-Tanzstück, noch dazu nach der Musik von Tschaikowski nicht vorgestellt. Doch der Gießener Ballettdirektor Tarek Assam versteht sich auf zeitgenössische Interpretationen historischer Stoffe. Die im Original vier Stunden währende, da aus vielen Wiederholungen bestehende Ballett-Musik (1889), wurde radikal gekürzt, dazu kommen allseits bekannte Filmmusiken wie aus „Psycho“, „Paulchen Panther“ und „Mission Impossible“. Und alles kommt ‚vom Band’, was für die Tanzbarkeit und den Sound nur von Vorteil ist. Und die Mitglieder der Tanzcompagnie (TCG) singen auch mal: die Partygäste ein Geburtstagsständchen für die Prinzessin, die gockelnden Brautbewerber intonieren mit Hingabe „Love me tender“.

Bewährt hat sich für Assam die Zusammenarbeit mit dem Bühnenbildner Fred Pommerehn (Durchführung Bernhard Niechotz) und der Kostümbildnerin Gabriele Kortmann, beide aus Berlin. Das Bühnenbild ist schlicht und verständlich: die drehbaren Teilwände sind auf der einen Seite goldfarben, auf der anderen schwarz – signalisieren also optisch direkt die Dualität von Gut und Böse. Kortmann bietet wieder ihren lustigen Stilmix durch die Moden, bei dem die teils grotesken Perücken ein wesentliches Ausdruckselement sind. Die Hofgesellschaft mutiert in Assams Interpretation zur High Society, die gestelzte Festlichkeit wird zur ausgelassenen Party, auf der die böse Fee als Drogendealer ihr Unwesen treiben kann.

Sehr charmant kommt Marco Barbieri rüber, als König mit Bäuchlein und abstehendem Haarkranz, und dank seiner Sprecheinlagen auf Italienisch. Seine Ansprache an die „Gentili Hospiti“ und das Erzählen von seinem süßen kleinen Mädchen, das nun zur großen und umworbenen Schönheit geworden ist, berührt. Und das Gießener Dornröschen ist einfach bezaubernd. Mamiko Sakurai ist strahlend jung und wirkt unglaublich authentisch in ihrer Freude. Vor allem zeigt sie wie natürlich zeitgenössischer Bühnentanz sein kann. Die beiden Feen liefern sich erstaunliche Zweikämpfe, in denen sie ihre magischen Kräfte einsetzen. Hsiao-Ting Liao ist die gute Lila-Fee, die die Prinzessin begleitet und beschützt, Magdalena Stoyanova ist die böse Fee Carabosse in Schwarz, die das Kind für sich haben will.

Stoyanova, die langjährige und erfahrene Tänzerin bei der TCG, füllt auch diese Rolle wieder mit großer Intensität. Sie ist mimisch und gestisch immer genau auf den Punkt, vermeidet jedoch marktschreierisches Pathos. Ihre Figur in Schwarz erinnert an die Dualität von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“: mal ist sie die tierische Version, die sich kriechend und schnüffelnd bewegt, immer ganz nah an den Instinkten dran, dann ist sie der coole Dealer, der mit seinem Drogenköfferchen eine ganze Hochzeitsgesellschaft umschmeichelt und ins Koma versetzt. Ihre höllischen Auffahrten aus der Tiefe des Bühnenbodens erscheinen als gelungene Gags (zur Musik von „Paulchen Panther“), werden nach der Pause durch ihren himmlischen Tanz vom Schnürboden noch getoppt.

Hervorzuheben ist die erstaunliche Ensemblearbeit der Gießener Tanzcompagnie, denn immerhin sind sieben von zwölf neu dabei; zwei kamen erst in den letzten beidem Wochen vor der Premiere dazu (Michael Bronczkowsi, Yuki Kobayashi). Hinter dem Tanzstück steckt also ein enormes Probenpensum und großer Teamgeist. Das erfahrene TCG-Mitglied Sven Krautwurst führt die Männerriege an, die mal in Schickimicki-Version, dann als machomäßige Brautbewerber und als Krankenpfleger während des 100-jährigen Schlafs auftreten: Esteban Barias, Manuel Wahlen, der durch leichte Eleganz besticht, und Keith Chin, der zum wachküssenden Prinzen wird. Lea Hladka ist die hochgewachsene Königin, während die zierliche Caitlin-Rae Crook die wirbelnde, in Orange gekleidete Freundin ist.

Hingewiesen sei darauf, dass die Gastinszenierung „Dornröschen“ von Assam am Trierer Theater (Bericht 20.12.2011) zwar den gleichen Ansatz hat, in der Ausführung aber wesentlich freier und lockerer ist. Was im Wesentlichen daran liegt, dass nicht neoklassisch, sondern zeitgenössisch getanzt wird, wozu eben auch der Einsatz von darstellerischen Mitteln gehört. Die nächsten Gelegenheiten zum Anschauen und Genießen sind am: 07. und 21. Oktober, 01. und 16. November, in den Weihnachtsferien gibt es auch Nachmittagstermine: am 23. Dezember, 06. und 13. Januar 2013 jeweils um 15.00 Uhr.

www.stadttheater-giessen.de www.tanzcompagnie.de

Veröffentlicht am 01.10.2012, von Dagmar Klein in Kritiken 2012/2013

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Kommentare zu "Dornröschen: leicht, voller Witz und Esprit!"



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