KRITIKEN 1999/2000



München

ZU EHREN TERPSICHORES

"Terpsichore-Gala I" im Nationaltheater zum 10jährigen Bestehen des Bayerischen Staatsballetts


Vor zehn Jahren war alles ganz anders. Da hieß das Bayerische Staatsballett noch "Ballett der Bayerischen Staatsoper" und unterstand den Weisungen des Opernintendanten. Das jeweilige Direktorium hatte weder große künstlerische noch finanzielle Entscheidungsmacht und schwebte ständig in Gefahr, mit seiner Sparte zum ungeliebten Stiefkind des Betriebs zu werden. Dann übernahm die ehemalige Primaballerina Konstanze Vernon das Ruder und setzte eine Strukturreform durch, die den Tanz am Nationaltheater emanzipierte, indem sie ihm gleich der höchsten Stelle unterordnete. Wer seither das Ballett leitet, ist nun direkt dem Kultusministerium verantwortlich und damit in seinen künstlerischen und finanziellen Entscheidungen vom Intendanten unabhängig. Den Ballettetat legt der Minister fest, der Ballettchef disponiert nach eigenem Ermessen, gestaltet den Spielplan und muß keine Kapazitäten mehr für die Bedienung der Balletteinlagen in den Opern freischlagen. Gleichzeitig ist das Ballett völlig in die Infrastruktur der Oper integriert, teilt sich mit ihr Haus, Orchester, Technik, Werkstätten und Verwaltung. An ihrem Modell hat Konstanze Vernon neun Jahre lang gebaut, das Fest zum 10. Geburtstag richtet nun ein anderer aus: Ivan Liška, der nun in der zweiten Spielzeit dem Bayerischen Staatsballett vorsteht. Mit einer "Terpsichore-Gala" huldigt er zur Feier des Tages der Göttin des Tanzes, und weil er nicht nur Ballettchef, sondern auch Vollblut-Didaktiker ist, hängt er ihr gleich eine römische Eins an, will sagen, weitere werden folgen, in denen seine durchdachte Programmatik Gestalt gewinnt: das Traditionelle bewahren, das Neue fördern, die Geschichte des Tanzes durch die Aufführung rarer Stücke im Bewußtsein halten. Liska hat seinen über dreistündigen Abend (der mit einer eigenhändigen "pièce d'occasion" mit dem Titel "X - Römisch Zehn" begann und die Kompanie choreographisch und tänzerisch nicht auf der Höhe ihrer Möglichkeiten zeigte, was aber mit Balanchines "Vier Temperamenten" am Schluß wieder ausgebügelt wurde) nicht chronologisch, sondern weitgehend nach dem Prinzip des Wechsels aufgebaut: Der "Pas de quatre" des sowjetischen Choreographen Leonid Jakobsen, der mit seinen knielangen weißen Tutus und den Kränzchen im Haar ganz der Bildwelt und dem Duktus des romantischen Balletts verhaftet ist, folgt auf das sportiv-parodistische Männerduett des 1966 geborenen Ralf Jaroschinski, der seit letzter Spielzeit Ballettdirektor am Stadttheater Hildesheim ist. Doch auch hier gibt es eine Verbindung: Was Elena Pankova, Natalja Trokaj, Maria Eichwald und Lisa-Maree Cullum als perfekte Inkarnationen romantischer Ballerinen in ihren makellos duftigen, schnellen, wie irrlichternden Variationen souverän sublimieren, kommt bei Jaroschinski zu Musik aus Tschaikowskys "Schwanensee" auf den Tisch: der Wettbewerb, die Dominanz, der Wille zu Macht und Leistung, die dem Ballett inhärent sind. In Jaroschinskis "Intuition Blast" versuchen sich Norbert Graf und Amilcar Moret Gonzalez mit weiten Sprüngen und schnellen Drehungen gegenseitig zu toppen, der eine baut einen Schulterstand ein, der andere korrigiert ihm die Posen. Das füllt nicht ganz den gewaltigen Tschaikowsky-Walzer, aber es ist ja auch nur ein Warmtanzen für die gemeinsame Performance: den Rap zum Pas de quatre der kleinen Schwäne. Hier funktioniert Jaroschinskis Gesten- und Bewegungswitz, wird das Spiel mit den Klischees zur gelungenen, mit Verve vorgeführten Parodie. Auch in Twyla Tharps Pas de deux aus "Known by Heart" deckeln sie sich gegenseitig. Zum maschinellen Percussion-Rhythmus von Donald Knaack haut Susan Jaffe ihrem Kollegen vom American Ballet Theatre, Ethan Stiefel, in die Rippen, er ihr auf den Kopf. Sie steppt auf Spitze, er baut Robot- und Boxbewegungen in seinen Tanz ein, punktuell finden sie sich zwischen ihren Parallelaktionen zu Hebungen und Sprüngen zusammen. Am Schluß steht er alleine da. Das war's dann auch, man kennt es inzwischen von Twyla Tharp. Da ist das Repertoirestück "Dèja vu" von Hans van Manen ein anderes Kaliber, vor allem wenn es so intensiv getanzt wird wie von Beate Vollack und Kirill Melnikov. Da sie auf jede Form potenzierter Weiblichkeit verzichtet, rückt der bei van Manen oft überstrapazierte Aspekt des Geschlechterkampfes in den Hintergrund, dafür bekommt die Auseinandersetzung zwischen diesen beiden hybrid wirkenden Wesen, die sich umkreisen, eine faszinierend existenzielle Dimension. Halb Mensch, halb Fabeltier, gekrümmt bis zum Krampf ist Octavio Stanley Nahuelt als latent kitschige Pathosformel in Maurice Béjarts Adaption von "L'Après-midi d'un faune" und bringt seine erwachende, triebhafte sexuelle Anspannung in expressive, plastische Formen (inklusive überproportioniertem Blütenphallus). Das Original hingegen, oder zumindest die starke Annäherung daran, brachte Uljana Lopatkina in Michail Fokins legendärem "Sterbenden Schwan": in ihrer meisterlichen Interpretation eine majestätische Erscheinung, mit aufgerecktem Kopf in den Tod gehend, ohne süßlichen Ton. Mit ihrem butterweich landenden Partner Igor Zelenski vom Kirow-Ballett trat sie auch im Pas de deux aus "Le Corsaire" auf, eine langgliedrige, überaus charmante Schöne, die mit nonchalanter Eleganz über jede technische Schwierigkeit erhaben ist. Gegen diese Virtuosität und Inspiration kamen die Paare Evelyn Hart (Royal Winnipeg Ballet) und Vladimir Derevianko (Ballettdirektor in Dresden) in einem Pas de deux aus John Neumeiers "Nußknacker" und Elisabeth Platel (Ballett der Pariser Oper) und Oliver Wehe in einem Ausschnitt aus "La Bayadère" nur schwer an. Vor allem gegen den von Agrippina Waganowa 1935 erstellten Pas de deux "Diana und Aktäon" hatten sie einen schweren Stand. In dem selten im Westen zu sehenden Duett feiert sich der Perfektibilitätsgedanke klassischen Tanzes auf brillanteste Weise. Wie kraftvoll und artistisch der beim Royal Ballet in London tanzende Kubaner Carlos Acosta in hoher Schräglage spiralt, dabei kurz in der Luft zu stehen scheint, und wie souverän und gestochen scharf die Französin Aurélie Dupont ihre Pirouetten in den Boden stanzt, das hat seltene Klasse. Da vergißt man glatt das alberne Tunikaröckchen und den Schmonzes drumherum. Das nimmt den Atem.

Veröffentlicht am 09.10.1999, von Katja Schneider in Kritiken 1999/2000

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