KRITIKEN 2011/2012



Heilbronn

BLICKE HINTER DIE FASSADE DER ANSTÄNDIGKEIT!

"Gefährlichen Liebschaften" von Jörg Mannes zu Gast am Theater Heilbronn


  • Denis Piza und Karine Seneca in "Gefährlichen Liebschaften" von Jörg Mannes Foto © Gert Weigelt
  • Cássia Lopes und Denis Piza in "Gefährlichen Liebschaften" von Jörg Mannes Foto © Gert Weigelt
  • Catherine Franco und Rubén C. Campo in "Gefährlichen Liebschaften" von Jörg Mannes Foto © Gert Weigelt
  • Denis Piza und Karine Seneca in "Gefährlichen Liebschaften" von Jörg Mannes Foto © Gert Weigelt
  • Cássia Lopes und Denis Piza in "Gefährlichen Liebschaften" von Jörg Mannes Foto © Gert Weigelt
  • Denis Piza und Karine Seneca in "Gefährlichen Liebschaften" von Jörg Mannes Foto © Gert Weigelt

Anders als bei der zeitgleich laufenden Fußball-Tragödie Deutschland-Italien, bricht nach knapp zwei Stunden im fast ausverkauften Großen Haus des Heilbronner Theaters Jubel aus für "Gefährliche Liebschaften". Jörg Mannes‘ Tanz-Adaption des gleichnamigen Romans von Choderlos de Laclos aus dem Jahr 1782 ist der dritte Vorstoß des Choreografen, aus den 175 Briefen ein Handlungsballett zu zaubern.

Der Autor, Choderlos de Laclos, dessen Familie erst kurz vor seiner Geburt in den Adelsstand erhoben wurde, hält der Hofgesellschaft den Spiegel vor. Er kritisiert insbesondere den Hoch- und Hofadel, personifiziert durch die Marquise de Merteuil (Cássia Lopez) und den Vicomte de Valmont (Denis Piza), die − vom Dasein gelangweilt − mit den Gefühlen anderer spielen. Ehre, Unschuld und Moral sind lästige Hürden. Gekränkte Eitelkeit sucht Revanche und Satisfaktion im Duell. Intrigen haben Hochkonjunktur: der Vicomte nimmt die Herausforderung der Marquise an, die tugendhafte Schönheit Madame Marie de Trouvel (Karine Seneca) zu seiner Geliebten zu machen und die unschuldige Cécile de Volanges (Catherine Franco) noch vor ihrer Hochzeit zu verführen. Die Gesellschaft duldet alles, solange die Fassade der Anständigkeit gewahrt wird. Sie applaudiert denen, die mit Raffinesse die Moral mit Füßen tritt und verschmäht jene, die es wagen, ehrlich zu ihren Gefühlen zu bekennen und damit der Lächerlichkeit Preis zu geben.

Die literarische Vorlage, in der die Fäden einer erotisch aufgeladenen Intrige nicht nur gesponnen, sondern aus jeweils wechselnder Perspektive wiedergegeben und ausgekostet werden „beruht so stark auf dem Wort, dass die Unternehmung einer Tanz-Adaption geradezu abenteuerlich erscheinen muss“ schreibt die Tanzkritikerin Angela Reinhardt 2004, nachdem sie in Karlsruhe Jörg Mannes zweiten Versuch gesehen hat, dem Stoff eine Choreografie abzuringen (Ein erster war 2002 in Bremerhaven voraus gegangen). Reinhardt fragt folgerichtig, welchen anderen Grund es geben sollte, wenn das oft verfilmte und erfolgreich für die Sprechbühne adaptierte Werk keinerlei bekannte Tradition auf der Ballettbühne habe. Was also lässt Mannes so beharrlich am Stoff festhalten, dass er 2010, nun Ballettchef in Hannover, sich das Sujet abermals vornimmt?

Zum einen die Universalität des Themas, sagt Mannes, der das Stück musikalisch im Barock verortet: virtuose Streicher-Eskapaden (Vivaldi) und Gänsehaut-Arien (Händel) bringen Emotionen zum Brodeln. Weit über den epochalen Kontext hinaus tragen die elegant eingefädelten elektronischen Kompositionen des Musikers Mark Polscher, sowie seine Kollagen konkreter Musik, aus Vogelgezwitscher, Hundegebell, galoppierenden Pferden bis zu pulsierenden Bässen, kratzenden Federn auf Papier und kurzen, eingesprochenen Zitaten des französischen Originals.

Die akustischen Landschaften aus Alter und Neuer Musik werden erweitert und kommentiert durch Videoprojektionen (Matthias Fischer-Dieskau und Thilo Nass). Romantische Bildzitate perspektivisch gestaffelt, feudale Interieurs, überdimensionale Schattenbilder und Live-Aufnahmen der Solisten (teils still wie ein Gemälde, teils bewegt wie ein Film) suggerieren Tiefe, Bewegung und Gegenbewegung, irritieren durch Abstraktion oder konfrontieren mit Leere: die Bühne ein weißer Raum, in dem Cécile, die Unschuldige, in die Fechtkunst eingeführt werden soll, woraus sich ein amouröses Duett entwickelt.

Zur plastischen Wirkung dieser surrealen Räume trägt nicht zuletzt die kongeniale Lichtregie von Peter Hörtner bei. Alle Elemente sind in sich stimmig und einander in perfekter Balance verbunden. Schließlich spielt Mannes seine Trumpfkarte aus: ein ambitioniertes Ensemble, das die höfischen Codes mit Süffisanz zelebriert und eine Hand voll Solisten, die nicht nur mit technischer Perfektion brillieren, sondern schauspielerisch souverän den differenzierten Charakteren Kontur geben. Mit seiner dritten Version der „Gefährlichen Liebschaften“ wischt Mannes alle Zweifel an einer tanztauglichen Umsetzung beiseite. Gerade weil sich die verzwickte Geschichte dem linearen Erzählstrom widersetzt, überzeugt die Konzentration auf die sinnlich emotionale Ebene. Im raffinierten Zusammenspiel aus Nähe und Distanz, aus Tableau und Bewegung, aus Licht, Farbsymbolik, Videoprojektion und Klanglandschaft ist eine Choreografie von intrigierender Schönheit entstanden.

Langsam kommen die Zuschauer zu sich. Zwei junge Frauen aus der Ukraine sind „tief beeindruckt“. Beklemmende Halbzeitstille in der Heilbronner Innenstadt, inspiriert vom Ballett hüpft ein Tanzenthusiast (geschätzt Mitte Sechzig) über den Berliner Platz. Und der Bildhauer Jörg Jauß ist beglückt: „Das ist doch viel spannender als Fußball!“ Da wird die zweite Halbzeit gerade erst angepfiffen.

Info: "Gefährlichen Liebschaften" der Staatsoper Hannover im Großen Haus des Theaters Heilbronn, am Samstag 30. Juni und am Sonntag 1. Juli, jeweils um 19.30 Uhr.

Veröffentlicht am 30.06.2012, von Leonore Welzin in Kritiken 2011/2012

Dieser Artikel wurde 2261 mal angesehen.



Kommentare zu "Blicke hinter die Fassade der Anständigkeit!"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    DER FLUCH DER VOLLENDUNG

    Gauthier Dance tanzt in "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm"
    Veröffentlicht am 11.08.2018, von Boris Michael Gruhl


    TRAUMHAFTES SOMMERTHEATER

    Fotoblog von Dieter Hartwig
    Veröffentlicht am 11.08.2018, von Dieter Hartwig


    TRRR

    Fotoblog von Dieter Hartwig
    Veröffentlicht am 11.08.2018, von Dieter Hartwig



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ROMÉO ET JULIETTE

    Roméo et Juliette von Sasha Waltz wieder an der Deutschen Oper Berlin zu sehen.

    »Roméo et Juliette« ist die erste Arbeit von Sasha Waltz, die sie für ein großes Ballettensemble schuf.

    Veröffentlicht am 29.05.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    LETZTER WALZER IN STUTTGART

    Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    TV TIPPS

    Wir aktualisieren diesen Kalender laufend. Sollten Sie einen Tipp hier vermissen, dann schicken Sie uns bitte eine Email mit dem Stichwort TV Tipps an redaktion@tanznetz.de.

    Veröffentlicht am 07.01.2013, von tanznetz.de Redaktion


    TRAUMHAFTES SOMMERTHEATER

    Fotoblog von Dieter Hartwig

    Veröffentlicht am 11.08.2018, von Dieter Hartwig


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    FULMINANTER AUFTAKT

    Kuba zu Gast in Hamburg

    Veröffentlicht am 10.08.2018, von Annette Bopp



    BEI UNS IM SHOP