KRITIKEN 2011/2012



Gera

EIN KÄFIG VOLLER „FREAKS“

Eine Uraufführung von Silvana Schröder beim Thüringenballett in Gera


  • "Freaks" von Silvana Schröder Foto © Stephan Walzl
  • "Freaks" von Silvana Schröder Foto © Stephan Walzl
  • "Freaks" von Silvana Schröder Foto © Stephan Walzl

Silvana Schröder ist eine Choreografin mit sozialem Gewissen. In ihrer neuen Arbeit gilt ihr Interesse Menschen, die ihren Leidenschaften mit solcher Ausschließlichkeit nachgehen, dass sie sich der Gefahr aussetzten, der Welt abhanden zu kommen. Nicht selten reagiert die Umwelt mit Ablehnung, die Folge für Betroffene kann Isolation sein, selbst hervorgerufen, gern verfestigt aus Bequemlichkeit der anderen.
Silvana Schröder möchte mit ihrem neuen Ballettabend um Verständnis werben, sie stellt ihre „Sonderlinge“ ins helle Licht des Theaters. Hinsehen statt wegsehen, erkennen statt zu verurteilen. In 90 Minuten, zu eingespielter Musik von Philip Glass, Hugues le Bars, Einstürzende Neubauten, Pink, Tom Hodge, Patty Griffin und Guiseppe Verdi, werden 24 „Freaks“ von den 23 Tänzerinnen und Tänzern der Kompanie sowie einer Sportgymnastin vorgestellt.

Ein Mensch mit Liebe und Leidenschaft zum Malen ist ein Graffiti-Künstler, demzufolge ein Freak. Eine Frau braucht Kontrolle und Ordnung, sie ist ein Kontroll-Freak. Ein Mann trägt eine blonde Wuschelperücke und lässt die rote Clownsnase am Gummiband immer wieder ins Gesicht schnippen, also ist er auch ein Freak. Ein anderer genießt die Stimmen großer Sänger, Verdis „La Traviata“ – was sonst – wird eingespielt, er ist ein Opern-Freak. Eine Frau mit der Kamera möchte alles festhalten und ein Mann möchte gerne einen Rock tragen, er ist ein Fashion-Freak. Wie schon gesagt, das Thema wird in 24 Varianten angespielt, aber leider nicht durchgespielt. Es gibt zu jedem Freak-Typen eine Etüde, allein, im Dialog, im Verhältnis zur Gruppe, die kann mal kleiner sein oder die ganze Kompanie ausmachen. Das alles geschieht in einem Käfig, den Andreas Auerbach für dieses Ballett der in ihren Leidenschaften gefangenen Menschen gebaut hat.

Alle Tänzerinnen und Tänzer nehmen die Herausforderungen an, je nach Typ gehen sie humorvoll, besessen, sportiv oder elegant, versonnen und sogar mit leicht dosierter Aggression um. Alle bleiben letztlich sympathisch, was auch daran liegen mag, dass Tänzerinnen und Tänzer ohnehin zumeist über angenehme Ausstrahlung verfügen, was sie ihren Haltungen, ihrem Können und nicht zuletzt auch den Formen ihrer durchtrainierten Körper verdanken. So bleiben Verschärfungen, konfliktgeladene Situationen oder gar Provokationen, die dem Thema sehr angemessen wären, aus. Dennoch, die Leistungen der Tänzer sind die Lichtblicke des Abends. Denen aber stellt sich ein Wust von Worten entgegen. Es wird viel geredet. Eine junge Pop-Sängerin hat zu jedem Typ eine Erklärung parat, wie sie Silvana Schröder verfasst hat. Das kann dann auch so klingen: „Sie taucht gern in die Welt des Filmes ein – vielleicht wird sie selbst mal ein Star.“, oder „Sie hat einen kleinen Schuhtick – und weiß schon gar nicht mehr, wie viele sie schon besitzt.“ Mit einigen beim bloßen Hören schwer zugänglichen Texten aus Büchern des Autisten Birger Sellin, die ebenfalls eingefügt werden, soll eine Metaebene erzeugt werden, letztlich aber wird verbal gedoppelt was ohnehin prägnant getanzt wird und ob der Klarheit gewählter Motive und Bilder sich erschließt. Die brav aufgesagten Texte überlagern den Tanz. Das ist schade. So wirkt Silvana Schröders Weltverbesserungsballett eher belehrend als befreiend und dass alle Tänzerinnen und Tänzer die Masken ablegen, ihre Tanzschuhe ausziehen, wenn sie abgehen, Kinderfotos von ihnen als Projektionen erscheinen, folgt an diesem Abend im Theater so sicher wie das Amen in der Kirche.

www.tpthueringen.de

Veröffentlicht am 07.11.2011, von Boris Michael Gruhl in Kritiken 2011/2012

Dieser Artikel wurde 1899 mal angesehen.



Kommentare zu "Ein Käfig voller „Freaks“"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

AKTUELLE KRITIKEN


AUS DER EIGENEN ZEIT NEU GEDACHT

Schubert-Zenders "Winterreise" in Münster
Veröffentlicht am 20.01.2019, von Marieluise Jeitschko


DIE KRAFT DER INDIVIDUALITÄT

"Début" von Jenny Beyer auf Kampnagel in Hamburg
Veröffentlicht am 20.01.2019, von Annette Bopp


ZU VIELE BÄUME, ZU WENIG WALD

"Der Zauberberg" als Tanztheater in Lüneburg
Veröffentlicht am 20.01.2019, von Annette Bopp



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



CALIMETROFERATU

Das Nürnberger SETanztheater inszeniert Eine Symphonie des Grauens in Anlehnung an die Ästhetik des Stummfilms. Premiere am 17. Januar in der Tafelhalle Nürnberg

Große Gesten und weit aufgerissene, dunkel geschminkte Augen: Die Ästhetik des deutschen Stummfilm-Expressionismus ist noch heute eindrucksvoll zumal für Fans des Horror-Genres. Das SETanztheater lässt sich davon inspirieren.

Veröffentlicht am 15.01.2019, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


ENGAGEMENT VERLOREN

Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

MEISTGELESEN (30 TAGE)


DIE NEGATIVE UTOPIE WIRD POSITIV

Anna Konjetzky zeigt "The Very Moment" an den Münchner Kammerspielen.

Veröffentlicht am 23.12.2018, von Karl-Peter Fürst


DEM RUF GEFOLGT

Der Tänzer und Choreograf Georg Reischl wird ab der Saison 2019/2020 Chefchoreograf am Theater Regensburg

Veröffentlicht am 17.01.2019, von Pressetext


SPANNUNG UND ENTSPANNUNG

Fotoausstellung und Performance von Stefan Maria Marb im Gasteig München

Veröffentlicht am 18.12.2018, von Vesna Mlakar


RAUM, KLANG, TANZ

Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


EINSTIEG AUF HOHEM NIVEAU

Das Bayerische Staatsballett erobert sich erneut John Neumeiers „Nussknacker“

Veröffentlicht am 11.12.2018, von Karl-Peter Fürst



BEI UNS IM SHOP