KRITIKEN 2010/2011



Paris

RUSSISCH-FRANZÖSISCHE REVOLUTION IM PALAIS GARNIER

Das Bolschoi-Ballett zeigt „Flammes de Paris“


  • Tänzer Maria Alexandrova und Vladislav Latratov Foto © Laurent Philippe/ Opéra National de Paris

Ein Ballett über die französische Revolution auf der Bühne des Palais Garnier, getanzt von Russen in einer modernen Fassung nach sowjetischem Vorbild – dies mag auf den ersten Blick als ein idealer Ausklang des französisch-russischen Jahres erscheinen, zumal sich hier russische und französische Geschichte und Tanzgeschichte treffen. So ist in Vassili Vainonens Urfassung von „Flammes de Paris“ aus dem Jahr 1932 das Erbe des Marseiller Tanzreformers Marius Petipa deutlich zu spüren, unter anderem im brillanten Grand Pas im 2. Akt. Darüber hinaus spielt die Geschichte der arglosen Revolutionäre und der grundverdorbenen Adligen deutlich auf die russische Revolution an, zu deren Jahrestag das Stück in der Sowjetunion regelmäßig aufgeführt wurde. In Alexei Ratmanskys Neufassung von „Flammes de Paris“ aus dem Jahr 2008 geht es weder darum, ein historisch überzeugendes Porträt der Revolution zu zeichnen, noch darum, Vainonens zwangsläufig stark ideologisch geprägte Version zu rekonstruieren. Das Ballett will weder eine Kritik noch eine Verherrlichung der Revolution sein. Doch worum handelt es sich dann? Mit seinem teils modernen, teils traditionellen Ansatz (vor allem die mit viel Pantomime erzählte klischeehafte Handlung im ersten Akt) ist das Stück weder eine zeitgemäße Interpretation noch ein wirkliches Zeugnis der Vergangenheit, sondern navigiert vielmehr zwischen diesen beiden Polen hin und her. Dennoch bietet Ratmanskys Fassung einen historisch wertvollen Einblick in einen beinahe vergessenen Teil des Repertoires.
Gewiss: eine authentische Rekonstruktion eines sowjetischen „Dramballetts“, in dem „das Volk die Hauptperson“ ist und in dem die Revolution kritiklos gefeiert wird, würde heute bestimmt kaum einen Zuschauer begeistern. So beschloss Ratmansky, zwei Liebesgeschichten in den Mittelpunkt des Balletts zu stellen, von denen er eine vollkommen neu erfindet. Diese veranschaulichen sowohl die Begeisterung für die Revolution als auch ihre dunklen Seiten: das Marseiller Bauernmädchen Jeanne schließt sich der Revolution aus Liebe zu Philippe an, während die Tochter eines Marquis, Adeline, Jeannes Bruder Jérôme nach Paris folgt und aus Liebe zu ihm zur Jakobinerin wird, bis sie von der alten Dienerin des Marquis verraten und guillotiniert wird. Darumherum weben sich noch allerlei Nebenhandlungen: das frivole Treiben des Marquis, dem schließlich durch die Guillotine ein Ende gesetzt wird, ein eifersüchtiger König, der seine kokette Gattin zur Ordnung ruft und sich durch groteske Hoftänze die Zeit vertreibt, ein Hofballett „Rinaldo und Armida“ mit gewollt abstrusem Dekor und Kostümen und allerlei wilde Volkstänze zur Marseillaise und anderen revolutionären und vorrevolutionären Melodien, die Komponist Boris Assafjew geschickt in seine Partitur eingliedert.
All dies bietet immerhin vor allem im 2. Akt Anlass zu einigen ausgezeichnet getanzten Soli, Pas de deux und Gruppentänzen. Nina Kaptsova und Viacheslav Lopatin als Jérôme und Adeline, Alexandr Vodopetov als Gilbert, Kapitän der Marseiller, Ekaterina Kryssanova und Artem Ovcharenko als die Schauspieler Mireille und Mistral – sie alle sind wild entschlossen, nicht nur die Bastille zu erstürmen, sondern auch das anspruchsvolle Pariser Publikum zu erobern. Dies gelingt vor allem dem funkensprühenden Star-Duo Natalia Osipova und Ivan Vasiliev als Jeanne und Philippe – letzterer kann sich nach seinem spektakulären Solo kaum sattsehen an der jubelnden Menge und lässt seinen glühenden Blick langsam vom Parkett bis in die obersten Ränge schweifen. Obwohl sie beide von eher kleiner Statur sind, scheint ihnen die Bühne des Palais Garnier kaum auszureichen für ihre mit gewaltigen Sprüngen und blitzschnellen, musikalisch präzisen Pirouetten gespickten Diagonalen und Manèges. Dabei gelingt es ihnen, technische Höchstleistungen mit so vollkommener Beherrschung darzubieten, dass sie wahrhaft zu den dargestellten Charakteren zu gehören scheinen, als Ausdruck ihrer Vitalität und ihres Enthusiasmus für die Sache, für die sie kämpfen. So entbrennt Paris an diesem Abend tatsächlich vor Begeisterung, weniger über die halbherzige Hommage an ein Stück französischer Geschichte, als über das brillante Erbe des Hofballetts, das trotz aller ideologischer Spagate (als Divertissement des Adels, das in beiden Fällen in den Dienst des neuen Regimes gestellt wurde) sowohl die Folgen der französischen als auch der russischen Revolution überlebt hat.
Besuchte Vorstellung: 06.05.2011 www.operadeparis.fr

Veröffentlicht am 08.05.2011, von Julia Bührle in Kritiken 2010/2011

Dieser Artikel wurde 2971 mal angesehen.



Kommentare zu "Russisch-französische Revolution im Palais Garnier"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    SCHÖN ANZUSEHEN

    Halbzeit bei der Tanzwerkstatt Europa 2020 in München
    Veröffentlicht am 06.08.2020, von Vesna Mlakar


    PHYSISCHE ÄSTHETIK

    Eröffnung der Tanzwerkstatt Europa 2020 mit Jefta van Dinthers „Plateau Effect“
    Veröffentlicht am 02.08.2020, von Vesna Mlakar


    NACHDENKLICHES UND BRILLANTES

    Das Stuttgarter Ballett verabschiedet sich mit „Response I“ in die Sommerpause
    Veröffentlicht am 28.07.2020, von Annette Bopp

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    UNTER FREIEM HIMMEL

    Fotoblog von Ursula Kaufmann

    Veröffentlicht am 09.08.2020, von Gastbeitrag


    TANZEN NACH GEFÜHL

    Ein berührender Film über blinde Tänzerinnen in Brasilien

    Veröffentlicht am 09.08.2020, von Annette Bopp


    MONIKA GRÜTTERS STÄRKT DEN TANZ

    Neue Hilfsprogramme für die besonders gefährdete Kunstform

    Veröffentlicht am 30.07.2020, von Pressetext


    VORFREUDE AUF DIE NEUE SAISON

    Der tanznetz.de Premierenkalender ist online

    Veröffentlicht am 03.08.2020, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP