40 ist doch kein Alter
Neue Company WINNDance aus Stuttgart
Am Ende gibt es Ovationen für WINNDance. Gut besucht ist das Haus und die Bonner sind offensichtlich ein geschultes Publikum. Ein eigenes Ensemble hat man nicht, aber mit der Reihe „Highlights des internationalen Tanzes“ hat Kurator Patrick Marín Elbers ein Tanzpublikum herangezogen. Das erlebt nun einen Abend der Superlative, denn wie soll man es anders nennen, wenn gleich neun Tänzer*innen auf der Bühne stehen, die alle zur Top-Liga des Tanzes gehören und die alle schon eine große Karriere gemacht haben: Giulia Tonelli, Igone de Jongh, Nora Kimball, Alexander Jones, Gil Roman, Kayoko Everhart, Oleksandre Ryabko, Silvia Azzoni, Marijn Rademaker. Das ist die Besetzung der Deutschlandpremiere. Und sie alle eint eines, ihr Alter 40+. Alexander Jones ist mit 41 Jahren der Jüngste, Nora Kimball mit 69 die Älteste auf der Bühne.
Thomas Manns Künstlerleidenschaft
Der Abend „Scirocco“ passte perfekt am Lido, geht aber auch am Rhein auf. When if not now (WINN) haben sich Marijn Rademaker und Slava Tutukin offensichtlich auch bei der Wahl der Choreograf*innen gedacht. Vier sind es, die allein am ersten Teil des Abends „Tod in Venedig“ beteiligt sind. Die Rahmenhandlung bildet ein Gespräch, das Thomas Mann mit seinem alter ego Gustav von Aschenbach, dem Protagonisten der Novelle Thomas Manns führt. Der britische Performer Paul Chantry übernimmt die Doppelrolle, eingespielt auf einer bühnengroßen Leinwand. Immer wieder kreist die Selbstbefragung um das Thema Leidenschaft, um das Geheimnis, das Thomas Mann mit seiner literarischen Schöpfung verband, seine homoerotische Neigung.
Imre und Marne van Opstal, Omar Román de Jesús, Javier de Frutos und Rainer Behr haben jeweils einen Akt kreiert. Der Bogen spannt sich von NDT/Batsheva (Opstal) bis Pina Bausch (Behr). Dazwischen zeitgenössischer Tanz mit lateinamerikanischem (de Jesús) und spanischem Stempel (de Frutos). Wirklich überraschend dabei ist nicht die Unterschiedlichkeit, sondern wie sich die einzelnen Akte zu einem Gesamtbild fügen. Wie die Musik, die sich wummernd von Akt zu Akt zu steigern scheint und mit einem veritablen Breaking von Alexander Jones endet.
Seufzerbrücke
„Falling in love again“, Friedrich Holländers Klassiker, gesungen von Bryan Ferry, klingt dagegen direkt versöhnlich bei John Neumeier. Der Meister hat der Kompanie zum Start eine Choreografie geschenkt – „Bridge of Sighs“. Marijn Rademaker steht vor Venedigs dauerblauem Himmel auf einer Leiter, die als Seufzerbrücke gelesen werden kann, und winkt herüber. Neumeier macht daraus eine Geschichte vom Liebesleid, von Sehnsucht nach Zweisamkeit, die so oft unerfüllt bleibt. „I was not yet in love, but I loved the loving“ – spricht eine Stimme aus dem Off über der Szene, in der die Tänzer*innen immer wieder die Nähe des Anderen suchen und verlieren. Diesen Satz wiederholt Marijn Rademaker mit Nora Kimball im Schoß. Ein Bild wie eine Pieta.
Let‘s talk about age
WinnDance macht deutlich, warum der Tanz heute alterslos geworden ist. Im klassischen Ballett wachsen Tänzer*innen aus ihren Rollen hinaus. Im Contemporary Dance bringen Tänzer*innen sich ein mit ihrer Persönlichkeit. Mit 69 Jahren zeigt Nora Kimball, unter anderem ehemalige Erste Solistin beim NDT, wie lebenslanges Training und Achtsamkeit für den eigenen Körper diesen fit halten. Ihre Bühnenpräsenz ist unverändert. Auch Kayako Everhart, 43 Jahre, erklärt auf Instagram, sie fühle sich erst jetzt in ihrer Mitte angekommen. Die ehemalige Erste Solistin der Compagnia National de Danza, Madrid, tanzt mit einer Energie, die sofort über die Rampe kommt. 65 Jahre alt ist Gil Roman, erst Tänzer, dann Nachfolger von Maurice Béjàrt. Er habe alles für den Tanz gegeben und der Tanz ihm, sagt er für die Vorstellung der Kompanie auf der Website. Mit geschmeidigen Bewegungen tanzt er in „Tod in Venedig“. Er ist der Mann, der hin- und hergerissen ist zwischen dem Vertrauten und der Versuchung, zwischen der Frau im Blümchenkleid (Nora Kimball) und dem quirligen Wesen in Hose und Sakko (Silvia Azzoni). Er ist Thomas Mann. Er ist Gustav von Aschenbach.
Der erste Abend von WINNdance lässt noch vieles offen – wird es einen eigenen Stil geben, den sich die Kompanie erarbeiten wird oder werden es – auch bei den Choreograf*innen, immer wieder die großen Namen sein, die mit dieser exklusiven Truppe von Tänzern*innen arbeiten wollen? Der erste Aufschlag zumindest ist gemacht.
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