"Messalina" von Andrey Kaydanovskiy 

Programm ohne Weichspüler

Der Ausklang des Origen Tanzfestivals in der Schweiz hat es in sich

Beklemmend, blutrünstig, akrobatisch und rauschhaft geht es zu auf den Bühnen in Riom und Mulegns. Andrey Kaydanovsiky, Nicola Wills und Maša Kolar sorgen mit ihren Uraufführungen für packende Intensität.

Riom, 10/08/2026

Zum Abschluss des Tanzsommers entfaltet sich beim Origen Festival nochmal eindrucksvoll die künstlerische Bandbreite, mit der das diesjährige Thema der römischen Antike ausgelotet wird. Bei der Erkundung der bis heute ungebrochenen Wirkmacht ihrer Figuren und Mythen werden weder Darstellende noch Publikum geschont. 

Worte wie Dolchstöße

In "Messalina" lässt Andrey Kaydanovskiy auf der breiten, aber wenig tiefen Bühne der Remise in Mulegns Schauspiel, Live-Musik der Tiroler Band "Die Knoedel" und Tanz (Rebecca Horner, Valentin Thalmayr) zu einem eindrücklichen Theatererlebnis verschmelzen (Kostüme: Karoline Hogl; Licht: Adriana Carlota Berwert). 

Für sein vom Leben der Kaiserin Valeria Messalina inspiriertes Werk hat Kaydanovskiy bei dem österreichischen Autor Thomas Arzt einen Text in Auftrag gegeben. Drastisch, beklemmend und dennoch poetisch macht dessen Sprache jene dezidiert männliche Perspektive sichtbar, die allen Überlieferungen der Biografie Messalinas zugrunde liegt. 

Schmierig über die Bühne scharwenzelnd, jagt der famose Schauspieler Florian Carove die Worte pointiert wie Dolchstöße in die Eingeweide des Publikums. Die beeindruckende Rebecca Horner wird zum Objekt von Sprache und Bewegung. Worte ("Sag einfach ja") sollen ihren Widerstand ebenso brechen wie Valentin Thalmayrs Versuch, ihre Beine zu spreizen. Einer von vielen beklemmenden Momenten. 

Kaydanovskiys reduzierte und gerade deswegen so eindringliche choreografische Illustration der Sprache ist überaus gelungen. Horner und Thalmayr brillieren in diesen bewegten Skizzen. Entstanden ist hier ein komplexes Theaterstück, das die Geschichtsschreibung hinterfragt, und dem Publikum spürbar unter die Haut geht. Eindringlich klingen die letzten Worte Caroves nach, wie ein Appell an die Gegenwart: "Hören wir auf mit dieser Gewalt, beenden wir das Spiel. Es tut uns nicht gut." 

Kampf um die Krone

"Of my Blood" ist das zweite Werk der australisch-belgischen Choreografin Nicola Wills für das Festival. Sie hat für eine Tänzerin (Kiley Dolaway) und drei Tänzer (David Correa, Pjotr Nuyts und Tars Vandebeek) ein packendes Werk geschaffen, das auf der Geschichte Agrippinas und Nero basiert. Die Burg Riom ist, von Lukas Marian in mysteriöse Lichtstimmungen getaucht, atmosphärisch das perfekte Setting. Die Musik von Adam Vincent Clarke trägt das düstere Geschehen spannungsvoll mit. Franck Bourgoin lässt in dem steinernen Gemäuer nahezu greifbare Klangkonturen entstehen. Wer den "Tatort" in der Sommerpause vermisst, ist hier gut aufgehoben.

Wills hat Kiley Dolaway - deren ungeheuer akrobatische Biegsamkeit anatomische Gesetzmäßigkeiten außer Kraft zu setzen scheint - die Agrippina zugeschriebenen Charaktereigenschaften gleichsam choreografisch auf den Leib geschneidert. Manipulativ, konspirativ und von unerschütterlicher Stärke: Selbst wenn sie den drei Männern, die ihren Körper auf einem Tisch zu vermessen scheinen, ihnen grausam ausgeliefert ist, hat man nie den Eindruck, sie verliere die Kontrolle. Das intrigante familiäre Geschehen ist in eine präzise und kraftvolle Bewegungssprache übersetzt, die von den hervorragenden Tänzer*innen mit großer Intensität umgesetzt wird.

Immer wieder mimen Hände und Finger die Krone, das Objekt der Begierde, das auf einem Tisch liegt. Doch beim Kampf um die Macht ziehen drei den Kürzeren. Es braucht kein Theaterblut; Morde und Todeskämpfe sind mit großer Suggestivkraft choreografiert.  David Correas Griff zur Krone im Schlussbild ist zögernd und einsam. Der folgende Applaus stürmisch und kollektiv.

Rave im Goldstaub

"Trias", ein Zyklus über Mythos, Macht und Zerfall, stammt aus der choreografischen Feder von Maša Kolar, die in Kürze die Ballettdirektion in Nordhausen übernehmen wird und zum ersten Mal Gast bei Origen ist. 

Der Boden der Clavadeira ist mit goldglitzernden Holzspänen bedeckt (Bühnenbild und Kostüme Petra Pavičić), mysteriöse Klänge wabern wie die Nebelschwaden durch den Raum. Zu einem einzigen Körper verschlungen, evozieren Michele Pastorini und Jun Wang und die sich fast kreatürlich um sie bewegende Nika Leilek Rep den römischen Gründungsmythos von Romulus und Remus. 

Das von außergewöhnlicher physischer und athletischer Intensität geprägte, 50-minütige Tanzstück entfaltet einen sofortigen Sog, der sich in seiner Intensität stetig steigert. In einer klug aufgebauten tänzerischen Erkundung der Trias behaupten die drei sich animalisch-kraftvoll im Raum. Eindrücklich die Demonstrationen der Macht, angepeitscht vom schnellen Stakkato der Musik (Komposition: Nevena Glušica). In goldenen Sneakers messen die Männer ihre Kräfte, recken Fäuste, reißen die Münder auf. Wie eine Ninja-Kriegerin kämpft Nika Leilek Rep um ihren Platz in diesem testosterongeladenen Ringen um Dominanz. Schließlich – es wummert wie bei einem Rave, auch das Licht gibt alles – kreiseln die drei derwischgleich in langen Röcken, finden sich in immer neuen Körperformationen zusammen. Ein Prozess der atemlosen und unerbittlichen Auflösung, roh, haltlos, orgiastisch und ekstatisch. Als gebe es kein Morgen, so treiben die drei starken Persönlichkeiten das aufregende Stück bis zum finalen Kollaps. 

Elektrisiert und Glitzerstaub-bedeckt zieht das Publikum in die wohltuend frische Abendluft.

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