„Current Accounts“ von Boris Orihuela und Jessica Castellón 

Exzellenz-Cluster?

40. Internationaler Choreografiewettbewerb Hannover

Aus mehr als 50 Ländern kommen die Bewerbungen. Wie werden bei einem so renommierten internationalen Wettbewerb eigentlich die Entscheidungen getroffen? Vielleicht sollte man sich mal über Geschmack streiten.

Hannover, 14/06/2026

Es ist ein Spektakel, dessen organisatorischen Aufwand im Hintergrund man kaum erahnen kann. Von mehr als 400 eingereichten Arbeiten wurden für die 40. Ausgabe des Internationalen Choreografie-Wettbewerbs Hannover 20 für das Halbfinale ausgewählt. Von denen wiederum schafften es neun bis ins Finale am Samstag. 

Auf neun Produktionspreise sind die Auszeichnungen mittlerweile angewachsen. Neu mit dabei ist das Theater Magdeburg mit dessen Ballettdirektor Jörg Mannes. Die vier Hauptpreise summieren sich auf unglaubliche 48.000 Euro. Und obendrauf gibt’s noch den Publikumspreis, der jetzt mit 2.000 Euro mal eben verdoppelt worden ist. 

Tanja Liedtke Award Choreography Hannover (25.000 Euro): 
Jiani Wang & Weidi Feng, China, „Arrival at the Edge“ 

Dr. Christiane Hackerodt Art Foundation Award Choreography Hannover (10.000 Euro):
Zoe Ashe-Browne, Irland, „Sibling“ 

Ruth Schwieger Award Choreography Hannover (8.000 Euro): 
Boris Orihuela & Jessica Castellón, Spanien, „Current Accounts“

Condor ChoreoVision Award Hannover (5.000 Euro): 
Lou Cisnal, Amélie Delaunay, Elisa Picq & Marine Postel, Frankreich, „Gaua“

Publikumspreis (2.000 Euro):
Giovanni Napoli, Italien, „Whispers of an Ending“

Die Vernetzungsarbeit, die dahintersteckt, ist beeindruckend. Seit vielen Jahren ist Helmut Jochheim als Vorstandsvorsitzender der Ballettgesellschaft Hannover unermüdlich bundesweit unterwegs und pflegt Kontakte, nicht nur zu den Sponsoren der Preise. Die langjährige Projektleiterin Birgit Grüsser wird mit der nächsten Ausgabe zwar abgelöst durch Raffaele Irace (Programmleiter Tanz am Gallus Theater, Frankfurt), trotzdem steht die Frage nach einem Generationenwechsel im Raum. In Sachen Qualität ist der Wettbewerb nicht in die Jahre gekommen, aber genau das gilt es, proaktiv zu vermeiden. 

Möglicherweise ließe sich damit auch eine künstlerische Weiterentwicklung anstoßen. Obwohl eben die Qualität der ausgewählten Arbeiten keinen Grund zur Klage gibt, ist zumindest dieses Jahr eins sichtbar geworden: Ausgezeichnet wurden die Arbeiten, die eher „on the safe side“ sind, mitunter glatt bis zur Perfektion wie im Fall von „Whispers of an Ending“ von Giovanni Napoli. Das Ergebnis: gleich zwei Produktionspreise plus eine Einladung für ein Gastspiel ans Roxy in Ulm und der Publikumspreis. Daran ist nichts zu kritisieren. Nur hat diese Arbeit, exemplarisch für die meisten in diesem Finale, nichts Innovatives. Da geht niemand ein Wagnis ein.

Experimentelles hingegen ging leer aus. Dabei sind gerade diese wirklich spannende Arbeiten mit kreativen Ansätzen, wie „Limitless“ der Südafrikaner Lesego Abigail Dihemo, Sbusiso Gumede und Tebogo Lelaletse. Ihr Duett mit einem Performer im Rollstuhl ist überraschend stark mit einem Miteinander auf bewegungstechnischer Augenhöhe, die den Rollstuhl selbst zu einem selbstständigen „Performer“ macht. Die praktisch gleich gestalteten Ansprüche an körperliche Intensität stellen die Frage nach körperlicher Einschränkung fast spielerisch auf den Prüfstand. Die Anreise der Künstler stand noch bis zum Donnerstag wegen Visumproblemen auf der Kippe. Dass sie jetzt ohne Preis zurückkehren und damit potenziell von der hiesigen Bildfläche wieder verschwinden, ist ein bedauerlicher Gedanke. Gleichzeitig bleibt es eben, was es ist: ein Wettbewerb. Und da gibt es eben nicht nur Gewinner. Diese Widersprüchlichkeit gilt es wohl, auszuhalten.

Perfektionismus vs. Innovation

Da ist es ein wenig tröstlich, dass Boris Orihuela und Jessica Castellón aus Spanien für ihr irrwitzig-groteskes Duett „Current Accounts“ einen der wichtigsten Preise mitnehmen konnten. Ihr akrobatischer Ansatz geht weit in den Bereich cirque noveau, ohne aber das Terrain des Tanzes zu verlassen. Diese Szene über einen sinnbildlichen (?) Tod im Büro überrascht mit immer neuen dramaturgischen Wendungen und einer wunderbaren Präsenz beider. Die unmöglichen Biegungen der Wirbelsäule erinnern sogar an die belgischen Tanztheatergrößen Peeping Tom.

Am sperrigsten (im allerbesten Sinn des Wortes) kam das Duett „Is this the place you wanna be?“ des Australiers Jack Bannerman auf das Publikum zu. Er eröffnete das Finale, und der im Vergleich zu den anderen Arbeiten dünne Applaus zeigte deutlich, dass er damit das Publikum leider nicht direkt abholen konnte. Er ließ seine beiden Performer englische Anmerkungen sprechen, die der eine Teil der Zuschauer*innen nicht verstand, was möglicherweise am hohen Altersdurchschnitt des Publikums lag. Ein anderer Teil stieg laufgrund eines Missverständnisses schnell aus: Die beiden Performer ließen wissen, dass sie eine zeitgenössische Performance zeigen würden. Das kam falsch an, obwohl es natürlich als Teil des Stücks selbst konzipiert war und nicht eine bloße Erläuterung. Man konnte förmlich hören, wie bei einigen im Saal daraufhin gleich die Lichter aus und die Rollläden runter gingen. Mit diesem Mindset aber lässt sich die komplexe und äußerst gelungene Verquickung von Musik, Text, Bewegung und Raum zu einer Multi-Level-Reflexion über das Sein nicht goutieren. Und wohl erst recht nicht das schnittige Bewegungsvokabular der beiden exzellenten Performer, das auch ganz leichtfüßig auf einer Metaebene stilistische Popzitate wie jumpstyle/gabber integriert und damit immer wieder konzeptionelle Ränder gegeneinander verschiebt. Warum geht eine solche Arbeit leer aus? Lässt sich sowas in den etablierten Häusern und Stadttheatern nicht dem Publikum verkaufen?

Wie es ab dem nächsten Jahr weitergeht, wird sich mit Gewissheit nachverfolgen lassen. Die Finanzierung ist dank des unermüdlichen Teams bereits auf mindestens die nächsten drei Jahre in Sack und Tüten. Und das bei der heutigen Finanzlage im Kultursektor. So sieht erfolgreiches Sponsoring aus. Hut ab!

 

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