„Nijinsky“ von John Neumeier am Wiener Staatsballett: Alessandro Frola

Radikales Leben, radikale Welt

„Nijinsky“ von John Neumeier am Wiener Staatsballett

Nicht enden wollende Ovationen des begeisterten Publikums in der Wiener Staatsoper: das Tanz-Ensemble, Titelheld Alessandro Frola, Dirigent Nathan Brock und John Neumeier müssen immer wieder vor den Vorhang.

Wien, 22/10/2026

Sein „Nijinsky“ gehört nicht nur zu den Ikonen des Hamburg Balletts und ist u. a. mit Alexandre Riabko in der Hauptrolle unvergessen. John Neumeiers theatrale Auseinandersetzung mit dem polnischstämmigen russischen Tänzer, der nicht nur ein technisches Wunder, sondern auch ein phänomenaler Rollengestalter gewesen sein muss, emotionalisiert nach 26 Jahren seit dieser Uraufführung immer noch.

Das historische Schicksal des vielseitig talentierten Tänzers, der mit seinen inszenierten Werken, darunter „Le Sacre du printemps“ (Strawinsky, 1913) auch die moderne Choreografie auf den Weg brachte, bald darauf aber an Schizophrenie erkrankte, ist an dramatischen Wendungen auf der Bühne nicht zu überbieten. John Neumeier aber entgeht der Gefahr des Pathos. Als Choreograf, Kostüm-, Bühnen- und Lichtgestalter findet er für seine Interpretation eine fein ausgeklügelte, in Schichten gebaute Dramaturgie, in der mit dem Element der schwebenden Stille ein (von der Farbe Schwarz eingesäumter) Erinnerungsraum gebaut wird. Darin leben choreografierte Gedankengänge weiter und exzessive Gefühlswelten werden hörbar. Wie im Traum schwebt der Geist der Rose einher, erscheint der berühmte Faun, dreht der Goldene Sklave seine Hände und Hüften. 

Nijinsky (Alessandro Frola) wandelt durch seine Biografie, erschreckt und fasziniert eine hysterische Unterhaltungsgesellschaft, erhascht noch inszenierte Bedeutungsfetzen seiner zwei Geliebten, ob Mann (Diaghilew) oder seiner Frau Romola. Zunehmend taumelt er in die Zerstörung und die Gewalt des Weltkrieges und mag, wie es Neumeier bestürzend drastisch vor Augen führt, auch ein Opfer des politischen Wahnsinns gewesen sein. 

Dass im zweiten Teil Nijinskys Irritation radikal im Zentrum steht, die in einem schauerlichen Kriegstanz der Soldaten-Masse kulminiert, angetrieben aus dem Orchestergraben von der gnadenlosen Klinge des Dmitri Schostakowitsch, ruft auch Bezüge zur unmittelbaren Gegenwart wach: Die (Bühnen-) Welt am Abgrund. Nijinsky tanzt den „Krieg“ in seinem letzten öffentlichen Solo im nachgebauten Ballsaal des Suvretta-Hauses in St. Moritz. Hat ihn die auf der Bühne immer wieder zelebrierte Ordnung des klassischen Balletts möglicherweise im Leben gehalten? 

Stellvertretend für das gesamte, überzeugende Ensemble seien hier genannt: Alessandro Frola in der Titelrolle, Davide Dato als Geist der Rose, Victor Caixeta als Faun und Goldener Sklave, Ketevan Papava als Romola, Joanna Avraam als Bronislava Nijinska, Madison Young als Ballerina und Eno Peci als Diaghilew. Für die treffliche Einstudierung zeichnen Laura Cazzaniga, Sonja Tinnes und Piotr Stanczyk verantwortlich.

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