Ankämpfen gegen das Vergessen und die Unsichtbarkeit
Mit „Über Müdung“ und „Heil!Anstalt“ haben zwei Solo-Abende aus der Region das inklusive Nürnberger EveryBody-Festival eröffnet
Wenig tänzerisch, aber mit viel Input zum Thema, kommt das Nürnberger EveryBody-Festival durch‘s Eröffnungswochenende. Obwohl das Motto „EveryBody …Dance Now!“ eindeutig auf Inklusion zielt, auf Wertschätzung der Unterschiede und sozialen Zusammenhalt, gilt es zunächst einmal, die Realität zu beackern. Und die sieht leider meist nicht so rosig aus. Nicht in Astrid Hornungs „Über Müdung“, mit dem der selbst an ME/CFS erkrankten Performerin ein eindrückliches Debüt gelingt. Und schon gleich zweimal nicht im Blick auf das finsterste Kapitel der deutschen Vergangenheit, das das Team um die Regisseurin Valentina Eimer mit „Heil! Anstalt“ aufschlägt. Dessen Recherchen zu den NS-Verbrechen der Erlanger Heil- und Pflegeanstalt verpackt und camoufliert Eimer mit einem Text, der brutale Fakten dem Poetischen anverwandelt und im Einzelfall das Allgemeine sucht: „12097 Annas, 45,29 Jahre alt“ ist das Mantra eines wortlastigen Abends, der eher durch die Wucht der historischen Details und der sich in ihnen offenbarenden Bestie Mensch beeindruckt als durch ein ausgefallenes Bühnenkonzept.
Die Solo-Darstellerin Diana Storozhuk steht anfangs zwischen ein paar Kartons und einem Krankenbett auf der kleinen Bühne im Foyer der Tafelhalle, erzählt – und verzweifelt an ihrem Vorhaben, das systematische Verhungernlassen einer „Anna“, die Zerstörung der Persönlichkeit einer anderen oder die Deportation und Ermordung so vieler vermeintlich „lebensunwerter“ Menschen, in der Gegenwart Präsenz zu verleihen. „Ich will es mir vorstellen können“, sagt sie immer wieder, und hangelt dafür auch nach neutralerem Erinnerungsmaterial wie Lieblingsfarben oder der Mutterliebe, räumt schließlich alle Gegenstände aus dem Weg und lässt ihre Verzweiflung doch noch körperlich werden. Gipfelnd in einem Loop aus schnellen Kopfbewegungen mit offenem Mund, nach Hilfe suchender Hand und stolperndem Zurückweichen. Ein unbeschädigter Körper, der sich als eine Art Medium zur Verfügung stellt. Und doch selbst so konkret ist, dass er ein bisschen dazwischensteht. Ein Dilemma!
Astrid Hornungs Dilemma ist von ganz anderer Art. Die 35 -Jährige leidet seit fast sechs Jahren unter der Multisystemerkrankung ME/CFS, auch bekannt als „chronisches Fatigue Syndrom“, die als unsichtbare Krankheit gilt, weil die von ihr Betroffenen sich nur an die Öffentlichkeit wagen, wenn sie sich gerade halbwegs im Griff haben oder schon nicht mehr aus dem Bett kommen. Auf die Frage, wie man sie auf der Bühne sichtbar machen kann, ohne à la Marina Abramović oder Carolina Bianchi öffentlich zu kollabieren, hat Hornung zwei Antworten. Die erste: Sie gliedert ihr „performatives Wegstück“ in mehrere Etappen und so interessante wie erschütternde Mini-Lectures.
Die zweite Antwort ist ein sprechendes Bild: Ein wilder Berg aus zerbrochenen Stühlen erhebt sich am einen Ende einer 13 Meter langen Tanzboden-Bahn. Zwei Seile führen von ihm zu einem dicken Brust-Bauch-Gurt um Hornungs Körper. Der ist leicht vorgeneigt, die Arme hat sie seitlich abgespreizt. Und noch regt sich vorerst nichts zwischen diesem zarten menschlichen Zugpferd und der Last, die es zu bewegen gilt. Nach einer Stunde – denn genau so lange dauert das Stück – wird der Stuhlberg trotzdem am anderen Ende der Bahn angekommen sein. Hornung wird auf Hände und Knie gegangen sein und mehrere Crashes demonstriert haben, wie man die Zusammenbrüche nennt, die an ME/CFS, Long-Covid oder Post-Vac erkrankte Menschen oft nach jeder Minimalanstrengung erleben. Frühstücken - Crash, Duschen - Crash, Gemüseschneiden - Crash. Und jedesmal stürzt sie zu Boden.
Dazwischen hat sich Hornung aber auch als echte Expertin ihrer Krankheit erwiesen, systematisch bunte Papiersymbole für alle Organe in einen Körperumriss am Boden gelegt und dabei erklärt, wie Immunüberreaktionen, Darmfehlbesiedlungen und Brainfog entstehen. Einmal stopft sie sich so lange Nahrungsergänzungsmittel in den Mund, bis man deren Namen nicht mehr versteht. Querzetin, Lysin, Taurin, D-Ribose, Nikotinsäureamid… Es folgen noch viele weitere, bis sie alles zusammen mit einem großen Glas Wasser hinunterspült.
Der kurze Abend hat eine große körperliche Dringlichkeit und trotz der Schwere des Themas viel Humor. Hornungs eigentliche Meisterinnenleistung besteht aber wohl im klugen Haushalten mit der eigenen Kraft. Um reale Crashes zu vermeiden, lädt sie das Publikum mehrmals zum gemeinsamen Entspannen („Pacen“) ein und delegiert einen Teil des Textes an vorproduzierte Audio-Zuspieler, in denen verständnislose Ärzte verständnislose Fragen stellen wie „Essen sie auch genug?“ oder kurze Fallgeschichten zeigen, wie existenziell das werden kann mit dem Verschwinden in der Krankheit. „Jeder Crash, jede Entzündung, frisst ein Stück von einem selbst“, sagt Astrid Hornung. Ihr Solo lehnt sich dagegen auf. Ihr letzter Satz: „Ich bin Astrid!“
Weitere Vorstellungen bei EveryBody – dem internationalen Festival für inklusiven zeitgenössischen Tanz für Menschen mit und ohne Behinderung bis zum 25. März.
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