„Tanzen war mir wie Singen, nur mit dem ganzen Körper“
Martin Puttke erinnert sich in Buchform
Manchmal wäre man gerne Mäuschen und würde hören, was seine Kontrahenten oder Mitstreitenden bei der Lektüre gedacht haben …. aber das ist ja nicht die Idee von persönlichen Erinnerungen oder seinen Memoiren wie Martin Puttke sie jetzt veröffentlicht hat. Ganz subjektiv und mit einem Hauch von Selbstverliebtheit schildert er sein Leben für den Tanz, und das ist bunt und vielseitig und oft auch für ihn selbst überraschend verlaufen.
Puttke war noch ein Kind, als er entdeckt, wie er den eigenen Körper als künstlerisches Instrument nutzen kann. Zuerst im Chor in Dortmund, später als 18-jähriger Ballettanfänger in Stralsund: „Tanzen war mir wie Singen, nur mit dem ganzen Körper.“ Aus dem Ruhrpott in die DDR? Natürlich, wenn es der Kunst dient! Im östlichen Teil Deutschlands begann seine Karriere und führte über die damalige Sowjetunion, wo er sich zum Ballettmeister weiterbildete, zum Pädagogen und Leiter der Staatlichen Ballettschule Berlin.
Dort gehörten später so renommierte und preisgekrönte Solist*innen wie Brit Rodemund, Christina McDermott, Oliver Matz, Mario Perricone, Raimondo Rebeck und Gregor Seyffert zu seinen Schüler*innen. Was war Puttkes tanzpädagogisches Geheimrezept? Am Beispiel des verletzten Oliver Matz erleben die Leser*innen, wie er seine Tänzer*innen mental trainiert: Immer wieder soll Matz sich vorstellen – am besten liegend, wie er Bewegungsabläufe gedanklich korrekt ausführt, um das später auf die eigentliche Bewegung zu übertragen. Das Ergebnis dieses Projekts: Gold beim Internationalen Ballettwettbewerb des Internationalen Theaterinstitut.
Ein Wegpunkt: Bewegungsmorphene
Ein Erfolg, den Puttke nicht verwunderte. Schon als Jugendlicher hatte er das Zusammenspiel von Psyche und Körper kennengelernt, als er nach einem völlig tanzfreien Zelturlaub völlig entspannt und souverän im Ballettsaal wieder auftauchte, als hätte er wochenlang hart an der Stange trainiert. Was ihm seine Pädagogin nicht glauben wollte. Diese Erfahrungen ließen ihn nicht los: Er „zerlegte“ Tanz in kleinste Einheiten, die er „Bewegungsmorpheme“ nannte, analog zu den kleinsten Bedeutungseinheiten in der Sprachwissenschaft. Mit Forschenden fügte er Neurowissenschaften, Bewegungsmechanik, Physik und Psychologie dazu und DANAMOS - Dance Art Master System – war geboren. Ballett sollte mental verstanden und erfahren werden, fernab vom bis dahin üblichen Nachtanzen. Puttkes eigene wissenschaftliche Ambitionen versickerten im Alltag zwischen Ballettsaal und Opernhaus: „Meine Promotion tanzt auf der Bühne. Basta!“
Als Kind der Zeit erlebte Martin Puttke den Fall der Mauer in Ostberlin. Aus der ehemaligen DDR in den Westen? Natürlich, wenn es der Kunst dient! Ab 1990 hatte er, neben der Leitung des Schule, zwei Jahre die künstlerische Leitung der Berliner Staatsballetts inne und ging 1995 nach Essen ans Aalto Ballett, wo er bis 2008 als Ballettdirektor modernes Ballett ins Ruhrgebiet brachte, den Dachverband Tanz mitbegründete und viele Jahre Vorstand der Deutschen Berufsverbands für Tanzpädagogen war. Umwege, Nebenstrecken und zweispurige Straßen, alle führten zum Ziel.
Aber können wir über diese Wege sprechen, ohne die Bergstrecken und tiefen Täler zu erwähnen, über die Puttke in seinen Erinnerungen schreibt?
Umwege und Fehlwege
Seine Naivität, bezüglich des Staates, dem er seine hochkarätige Ausbildung und seine Karriere verdankt? „Ich kannte weder den Marxismus-Leninismus, noch wusste ich um die Notwendigkeit, staatsbürgerliche Zugehörigkeit mit staatstragender Ideologie zu bekräftigen“.
Oder den massiven Vorwurf des sexuellen Missbrauchs und Misshandlung von Schüler*innen, den die Bildzeitung und SAT 1 veröffentlichten, lanciert von einem ehemaligen Mitglied der DDR-Nachrichtenagentur, und von denen die Medien mit Schmerzensgeld und Gegendarstellungen Abstand nehmen mussten?
Die titelgebenden verschlungenen Wege sind mehr als ein Bild für sein Mäandern zwischen Ost und West, Ballettklassen, pädagogischer Wissenschaft und Leitungsfunktionen. Sie sind auch sprichwörtlich für die Struktur des Textes. Immer mal wieder hat man das Gefühl, sich im Dickicht des Hin und Her in Puttkes Leben zu verlieren. Der etwas komplizierte und schnell mal pathetisch werdende Sprachduktus macht es nicht leichter. Vielleicht hätte die Reduktion aufs Morphem, die kleinste bedeutungstragende Einheit, ein wenig mehr Klarheit in dieses spannende Labyrinth deutscher Tanzgeschichte gebracht.
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