Tradition bewegt die Zukunft

Jubiläumsgala der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin

Es ist ein „ganz besonderer Abend“, da die Studierenden der Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin gemeinsam ihre Auftritte präsentieren.

Berlin, 15/10/2026

In der Staatsoper Unter den Linden ist diesmal alles anders, und das aus dreifachem Grund: Die Staatliche Ballettschule feiert ihr 75jähriges Bestehen, die Staatliche Artistikschule ihr 70jähriges Jubiläum und beide gemeinsam eine 35jährige Kooperation, die über ein räumliches Beieinander weit hinausreicht. Berührungsängste kennt man jedenfalls auf dem weitläufigen Campus im Berliner Osten keine mehr, „und das ist gut so“ (um einen ehemals Regierenden Bürgermeister zu zitieren).

Geschöpfe des Prometheus sind sie jedenfalls alle, auch wenn die Artisten bei der Gala zur gleichnamigen Musik von Ludwig van Beethoven erst einmal ihren Kollegen und Kolleginnen den Vorsprung überlassen. Wobei im „Opus 43“ von Christoph Böhm ja gar nicht gesprungen wird. Vielmehr erheben sich die Tänzer und Tänzerinnen erst nach und nach aus dem Bühnendunkel, als müssten die blühenden Ballettlandschaften frühmorgens erst noch zum Leben erweckt werden: ein symbolkräftiger Auftakt, der choreografisch so auch von Uwe Scholz stammen könnte, an den im späteren Verlauf noch ein schön getanzter Satz aus seiner „Suite für zwei Klaviere“ erinnert.

Hellwach ist jedenfalls Tamino Soto im Anschluss. Noch im 9. Ausbildungsjahr und schon Weltmeister, lässt er im Rhythmus der Musik von Earth, Wind & Fire in seiner Jonglage nicht nur ein Dutzend Bälle tanzen, sondern auch so viele Reifen, als hätte die Stadt Berlin noch nicht ihre Bewerbung um die Austragung der Olympischen Sommerspiele gänzlich aufgegeben. Zur Freude des mitklatschenden Publikums setzt er am Ende auf den Solo-Auftritt sogar noch eins drauf und holt aus seinem Koffer ein paar Kegel, die unter seinen Händen zwar dem Gesetz der Schwerkraft trotzen, aber nie den Zusammenhang verlieren.

Karoline Chmelensky und Bürger Lars Dietrich führen launig durch das abwechslungsstarke Drei-Stunden-Programm: zwei Ehemalige, die leibhaftig den Beweis antreten, dass einen die Ballettschule mit ihrem Ineinandergreifen von allgemeinbildendem und künstlerischem Unterricht auf alle Berufs-Eventualitäten des Lebens vorbereitet – ganz so wie es Martin Puttke in seinen jüngst erschienenen Memoiren beschreibt. Wie andere Ex-Leitungspersönlichkeiten bekräftigt er nicht zuletzt durch seine Anwesenheit das Motto der Jubiläumsgala: „Tradition bewegt die Zukunft“. 

Abwechselnd geht es weiter am Abend: erst mit „Dragonfly“ von Katharina Wunderlich als eine Art wohltemperiertes Teamplay zeitgenössischer Tänzerinnen, und dann mit dem Cyr-Wheel-Act „Walls Come Down“, für den durchaus Da Vincis „Vitruvianischer Mensch“ Modell gestanden haben könnte. Bei „The Line“ von Marc Bogaerts denkt man dagegen eher an Einflüsse des Irish Dance, könnte sich die Girl-Reihe auf Spitze aber auch durchaus als Highlight im nahen Friedrichstadt Palast vorstellen. Die „Songs from the Labyrinth“ mit Hana Isa und Samuel Dadzie wären dagegen eher im Theater gut aufgehoben: zwei „Fußgänger der Luft“ à la Ionescu, die nicht ganz den Boden unter ihren Füßen verlieren, selbst wenn sie zwischendurch in die Höhe entschweben.

Klassik und Akrobatik gehen nicht nur hier Hand in Hand. Auf eine allzu kurze „Giselle“-Variation des ehemaligen Absolventen Matheus Barboza De Jesus und dem 3. Satz aus der „Suite für zwei Klaviere“ von Uwe Scholz, schon sehr erwachsen interpretiert von einem Dreier-Team des 9. Ausbildungsjahres folgt mit der „Bohemian Rhapsody“ ein Aereal Act der Artisten, bei dem eine Schülerin am Mast rauf- und runterklettert, als wäre das die normalste Bewegungsweise der Welt.

Den Eltern gewidmet, „die jeden Tag dazu beitragen, dass kleine Wunder wachsen“, hat Christine Wunderlich nach der Pause eine Zirkusnummer mit dem Titel „Ordinary Miracle“, das einen das Entwicklungspotential des menschlichen Körpers ahnen lässt. Es auszuschöpfen, kann ein Kampf sein – so wie ihn Ernesto Pollack Young in „Hana“ mit sich selbst austrägt. Es kann ganz natürlich geschehen wie in der Balkonszene aus Mário Radacovskys „Romeo und Julia“, die Anna Yeh (zusammen mit Philipp Mergener), die heute beim Ballett des Nationaltheaters Brünn tanzt. Oder ganz ausgereift und abgeklärt wie beim Duett aus „Trois Gnossiennes“ von Hans van Manen, das Münchner Ballerina (und ehemalige Absolventin) Elisabeth Tonev an der Seite von Jakob Feyferik zum Höhepunkt des Abends werden lässt. Da ist schwer dagegen zu halten. Den Gästen vom Cirque du Soleil gelingt das mit „Pareidolia“ aus „Alizé“ danach nicht ganz. Wohl aber den Schülern und Schülerinnen am Ende in „Harder, Better, Faster, Stronger“ von Georgio Madia: So, als wollten sie einem nach all der Vergangenheitsbewältigung schon mal die Zukunft ahnen lassen. Man kann nur hoffen, dass der sie der noch zu formierende neue Senat tatkräftig unterstützt.

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