Ein Stuttgarter Ballettwunder
Friedemann Vogel erhält Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg
Er ist der bislang wohl bedeutendste deutsche männliche Tänzer des 21. Jahrhunderts und den Stuttgarter*innen das, was den Münchner*innen bis heute ihr tiefverehrter Heinz Bosl ist – beide gelten als frühvollendet.
Kammertänzer Friedemann Vogel stellt fraglos einer der Superstars der internationalen Ballettwelt dar und zählt seit bald drei Jahrzehnten zum Stuttgarter Ballett, dem er seine gesamte Tänzerkarriere treugeblieben ist. Nicht nur in dieser Hinsicht stellt der gebürtige Stuttgarter eine Ausnahmeerscheinung dar und straft jeden Lügen, der behauptet, eine Ballettkarriere könne nur bis in die Mittdreißiger halten. Auch mit seinen 46 Jahren verzaubert er noch sein Ballettpublikum rund um den Erdball und ist für angehende Tänzer*innen weltweit eines der meistverehrten Idole.
Am Freitag, dem 27. März 2026, wurde Friedemann Vogel von Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Diese Ehrung würdigt seine herausragenden Verdienste um das Land Baden-Württemberg im kulturellen Bereich und zählt zu den höchsten Auszeichnungen des Bundeslandes; ihre Vergabe ist auf 1.000 lebende Persönlichkeiten begrenzt.
Geboren in Stuttgart, erhielt Vogel seine Ausbildung zunächst an der John Cranko Schule und anschließend als Stipendiat des John-Gilpin-Fonds bei Marika Besobrasova an der Académie de Danse Classique Princesse Grace in Monte Carlo. Bereits in jungen Jahren machte er durch außergewöhnliches Talent auf sich aufmerksam und gewann zahlreiche Preise bei internationalen Wettbewerben, darunter den Prix de Lausanne, den Erik-Bruhn-Preis sowie weitere bedeutende Auszeichnungen in Luxemburg, Italien und den USA.
Zu Beginn der Spielzeit 1998/99 trat er in das Corps de ballet des Stuttgarter Ballett ein, bevor er bereits 2002 zum Ersten Solisten aufstieg – der höchsten Rangstufe innerhalb der prestigeträchtigen Kompanie. 2015 wurde ihm der Titel „Kammertänzer“ verliehen, die höchste Auszeichnung für Tänzer*innen im deutschsprachigen Raum, und 2020 wurde er im Rahmen des Deutschen Tanzpreises als herausragender Interpret geehrt.
Sein künstlerisches Repertoire ist außerordentlich vielfältig und umfasst sowohl Titelpartien der klassischen Tradition als auch zentrale Rollen und Kreationen in Werken bedeutender Choreografen wie John Cranko, George Balanchine, Jerome Robbins, Jiří Kylián, John Neumeier, William Forsythe oder Wayne McGregor. Als international gefragter Gasttänzer trat Vogel auf den wichtigsten Bühnen der Welt auf, darunter das Mariinsky-Theater in St. Petersburg, das Bolschoi-Theater in Moskau, die Mailänder Scala, das Bayerische Staatsballett sowie zahlreiche weitere renommierte Kompanien in Europa, Asien und Amerika.
Auch jenseits der Bühne setzt Vogel künstlerische Impulse: Seit 2021 arbeitet er verstärkt choreografisch, unter anderem in Zusammenarbeit mit Thomas Lempertz. Werke wie „Die Seele am Faden / Soul Threads“ wurden international gezeigt und vielfach ausgezeichnet. Zudem ist er als Pädagoge tätig und engagiert sich intensiv in der Vermittlung von Tanz, etwa an der Universität Tübingen und der Biennale Tanzausbildung 2024 München.
Seine Ausnahmestellung wurde mehrfach bestätigt: Zweimal wurde er von der Kritikerumfrage des Magazins „tanz“ zum „Tänzer des Jahres“ gewählt, das italienische Magazin Danza&Danza zeichnete ihn sowohl als besten Tänzer als auch später für seine choreografische Arbeit aus. 2024 erhielt er anlässlich seines 25-jährigen Bühnenjubiläums beim Stuttgarter Ballett den John-Cranko-Preis und gab zudem sein Filmdebüt im vielbeachteten Biopic „Cranko“.
Zu Recht als Sensation gefeiert wird Vogel auch regelmäßig in seiner intensiven Interpretation von Maurice Béjarts „Boléro“ – einer Choreografie von Kultstatus, die seit Jorge Donn oder Sylvie Guillem als ikonisches Starvehikel gilt und längst auch zur Signatur Vogels zählt. Mit physischer Präsenz, hypnotischer Ausstrahlung und enormer Ausdruckskraft zieht Vogel das Publikum unweigerlich in seinen Bann und bestätigt immer wieder aufs Neue eindrucksvoll seinen Rang als einen der bedeutenden und richtungsweisenden Tänzer unserer Zeit.
Mit Friedemann Vogel ehrt das Land Baden-Württemberg nicht nur einen herausragenden Künstler für sein bisheriges Lebenswerk, sondern eine Persönlichkeit, die mit Disziplin, Leidenschaft und künstlerischer Vision Maßstäbe gesetzt hat – auf den Bühnen der Welt ebenso wie als inspirierendes Vorbild für kommende Generationen. Nicht zuletzt behält der bekannte Ausspruch „Stuttgarter Ballettwunder“ mit Friedemann Vogel seine Berechtigung, ist er doch fraglos die personifizierte Realität und Gegenwart davon.
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