An den Beginn des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel setzt Chefkurator András Siebold regelmäßig ein Stück aus der Welt des Tanzes – das zieht das Hamburger Publikum an. Viele sind gerade aus den Inselferien zurückgekehrt – aus Sylt, Ibiza und Mallorca, wie man aus Gesprächsfetzen vernehmen kann. Und so ist dieser erste Abend des Festivals auch immer eine Art Stelldichein der Kultur-Hamburger*innen, ein Sehen und Gesehenwerden, weshalb sich sogar der Kultursenator die Ehre gibt, der bei Tanzveranstaltungen sonst eher durch Abwesenheit glänzt. Man ist mit ihm hier auf Du und Du.
Im weiteren Verlauf der kommenden drei Festival-Wochen fristet der Tanz dann allerdings eher ein Schattendasein: Ganze fünf Events sind es in diesem Jahr, wohingegen die Musik mit Konzerten und Partys satte 24mal vertreten ist. Da merkt man doch gleich, wo der künstlerische Leiter seine Vorlieben hat.
Dieses Jahr eröffnete die in Brüssel ansässige argentinische Choreografin Ayelen Parolin mit der Deutschland-Premiere von „Irresistible Revolution“ den Reigen der Vorstellungen. Zwölf Tänzer*innen bewegen sich vorsichtig tastend aus der rechten hinteren Ecke in die Mitte der ansonsten leeren Bühne. Sie summen und murmeln vor sich hin, blicken in die Weite, schlurfen und ruckeln sich langsam auf Sneakers voran, gekleidet in lustige bunte Fähnchen, Fransen-Röckchen, Glitzer-Shorts und Mieder (Kostüme: Marie-Hélène Balau).
Erst nach gut zehn Minuten setzen aus den Lautsprechern wummernde Rhythmen ein (Musik-Collage: Benoist Esté Bouvot), inspiriert von lateinamerikanischer Samba, Cumbia und Murga. Die Bewegungen werden koordinierter und schneller. Das ist ein ständiges Schütteln und Rütteln aller Gliedmaßen, ein Hopsen und Zappeln, Tänzeln und Hampeln, die Arme mal weit ausgebreitet, gereckt und gestreckt, mal angewinkelt, die Körper mehr oder weniger verdreht und verrenkt. Man bleibt im Rudel, ballt sich zu Knäueln, man löst sich und kreiselt alleine oder zu zweit durch die Szenerie, gerade so, wie es sich ergibt.
Kindergeburtstag und Trancetanz
Hin und wieder gehen einzelne in Interaktion – zu zweit oder zu mehreren, wie zufällig arrangiert stacheln sie einander an: Wer kann die Brust, den Hintern, den Bauch noch schneller, noch doller schütteln als der oder die andere? Wer schneidet die wildesten Grimassen? Wer ist am ausgelassensten und reagiert am spontansten? Wer lässt am schönsten die Sau raus? Wem fallen die blödesten Verrücktheiten ein? Wer gibt sich dem stets gleichbleibenden, stampfenden Rhythmus am intensivsten hin? Und so geht das eine knappe Stunde lang, eine seltsame, sich selbst replizierende Wimmelbild-Mischung aus Kindergeburtstag und Trancetanz.
Auf die Dauer ist das in seiner rhythmischen Eintönigkeit dann doch etwas ermüdend, obwohl sich immer wieder neue Arrangements finden, die schließlich in einem wilden Schlussensemble münden. Einige pfeffern dabei ihre Oberteile auf den Boden, die vordersten klettern an der Seitenwand hoch, bis schlagartig das Licht erlischt.
Eine „unwiderstehliche Revolution“ ist das nicht wirklich – man wüsste gar nicht, wogegen sich der Aufstand richten könnte, auch ist da nichts wirklich Aufrührerisches zu erkennen. Viel eher schon drängen sich Assoziationen an den argentinischen Karneval auf, die so auch gewollt sind. Und so bleibt dieser Auftakt eher einer der harmloseren Sorte – man eckt nicht an, man problematisiert nichts, man freut sich des Lebens und flüchtet sich in die Welt des Absurden. Kann man machen. In Erinnerung bleibt es eher nicht.
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