Sie stürmen die Bühne, tanzen sich um Kopf und Kragen und füllen den Veranstaltungsraum im Nu mit ihrer unbändigen Tanzlust. Diese Energie der jungen Tanzkünstler zu kanalisieren und zu präsentieren, ist die vornehmste Aufgabe der Ballettleitungen. Jugendlichen Enthusiasmus nicht zu brechen, sondern mit hervorragenden Choreografien zu Höchstleistungen zu befördern ist das Ziel. Dass die Tänzer*innen des NRW Juniorballetts ihre Kräfte mit einer Choreografie von Edward Clug messen dürfen, macht sie zu Glückskindern.
Edward Clug, seit dieser Spielzeit Artist in Residence am Theater Dortmund, hat sein Ballett „Radio & Juliet“ für die junge Kompanie einstudiert, das beim Frei Art Festival in Freiburg-Merzhausen gastierte: ein rasanter Tanz, der noch aus Clugs eigener Zeit als aktiver Tänzer stammt. Vor allem die sechs jungen Tänzer stellen sich mit Verve der herausfordernden Verbindung von Klassischer Technik und zeitgenössischem Tanz. Schnelle und scharfkantige Bewegungen wechseln sich mit Double Touren en l´air und Floorwork ab - eine explosive Mischung, die sehr gut die Rivalitäten der Familien Capulet und Montague atmosphärisch herüber bringt. Allerdings gibt es nicht allzu viele Parallelen zum ursprünglichen Shakespeare-Stoff: Clugs Ballett ist eine Eigenschöpfung, die eine ganz eigene Interpretation mit der Perspektive einer überlebenden Julia erzählt.
Leider wird genau der Schlüsselmoment, das Erwachen Julias neben ihrem gerade verstorbenen Romeo, in der Freiburger Aufführung aus bühnentechnischen Gründen ausgelassen, was die Dramaturgie des Stückes nicht recht nachvollziehbar macht. Was bleibt, sind Bilder einer fragilen, ihr neues Leben suchenden Julia, mit Feingefühl und sauberer Technik von Jasmine Cameron getanzt und Szenen ungestümer Wucht, die Rivalität und Gewalt, aber auch Ausweglosigkeit ausdrücken. Luke Talirz tanzt einen eleganten Romeo, Kaining Dong den Paris, der mit Julia ein Duett zum Schmunzeln hinlegt. Hier inszeniert Clug mit feiner Ironie.
Ganz fabelhaft und herausragend in seiner dynamischen Energie tanzt der 22-jährige Anatole Coste den Mercutio: bewegend sein Kampfduett mit Tybalt und sein Todes-Solo, zum melancholischsten der 11 Songs von der Rockband Radiohead, die mit ihrer Musik das Ballett zeitlos wirken lässt. Einziger Wermutstropfen: ein Liebes-Duett mit ihrem Romeo darf diese Julia nicht tanzen.
Alles in allem aber ein hervorragendes Ballett, das wie im Fluge vorbei geht und ein enthusiastisches Publikum zurücklässt. Dieses Gastspiel nach Freiburg zu holen, war ein Glücksgriff der engagierten Studio Pro Arte Leiterin und Kuratorin des kleinen Festivals Chantal Kohlmeyer, denn das NRW Juniorballett hat der Freiburger Tanzszene gezeigt, wo Gott wohnt im Tanz.
Ebenfalls motiviert bis in die Haarspitzen tanzen die Gauthier Juniors in Stuttgart. Eric Gauthier setzt in seiner Leitung des Ensembles auf Vielseitigkeit: diese Juniors dürfen unter Weltklasse-Choreografen wie Nacho Duato, Marie Chouinard, Barak Marshall, Virginie Brunelle und auch Eric Gauthier selbst, ihr Talent zeigen. Dabei absolvieren sie zusammen mit Gauthiers „Outreach-Programm“ mit Auftritten in inzwischen schon über 100 Schulen mehr als 75 Vorstellungen pro Saison. In ihrer zweiten abendfüllenden Produktion „Dream Team“ wachsen die Juniors weiter zusammen.
Ursprünglich sollte der Titel in Anlehnung an eine Glücksbringer-Tradition für das Brautkleid - „Something old, something new, something borrowed, something blue“ heißen. Der Abend beginnt mit Nacho Duatos „Jardi Tancat“ - ein schon älteres Stück, das im Jahr 1983 für das NDT 2 entstanden ist. Etwas in die Jahre gekommen (something old…) mag diese Choreografie mit den angedeuteten bäuerlichen Arbeitsbewegungen zur Musik der katalanischen Sängerin Maria del Mar Bonet schon anmuten, aber es sind bewegende tänzerische Bilder. Ganz wunderbar mit eleganter Tanztechnik und modernem Impetus choreografiert, beeindruckt vor allem der letzte und berühmteste Song „La canço de na Ruixa Mantells", zu dem die drei Paare nach einander voller Hingabe Duette tanzen, die zu Herzen gehen.
Dass Traurigkeit auch schön sein kann (something blue…) inszeniert Barak Marshall sehr einfühlsam. Vorher gibt es allerdings sarkastische Szenen unterlegt mit Love Songs aus der ganzen Welt: In „The Blue Brides“ erschießt eine der drei gleich zu Anfang sitzengelassenen Bräute die dazugehörigen, aber nicht erschienenen Männer nacheinander. Es folgen skurrile, manchmal tragikomische, zum Teil gesprochene Ensemble-Szenen: z.B. von einem Mädchen, das zu allem ja und Amen sagt, leider aber sitzen gelassen wird - ihr Leben verpufft buchstäblich im Rauch.
Eine andere junge Frau im blauen Kostüm, vom eifersüchtigen Mob verhöhnt und von der Bühne gedrängt, tanzt ein traurig-schönes Solo, ganz wunderbar: Mathilde Roberge. Dann zum Schluss ein temperamentvoller Tanz aller zu einer Instrumental-Version des Jazz-Standarts „Puttin on the Ritz“. Da ist sich der Choreograf nicht zu schade, die Tänzer*innen discoartig immer genau auf dem Beat tanzen zu lassen. Nach dem Motto: „If you are blue and don’t know where to go“ - „Schmeiß dich in Schale und lebe weiter!“ Das ist vehement ansteckend und macht das Publikum glücklich.
In „Lickety-Split“ choreografiert Alejandro Cerrudo Paartanz der allerfeinsten Art zu Indie-Folk-Musik. Die Tänzer*innen können hier ihre lang erarbeitete Technik anwenden, eingebettet in weiche, fliessende Bewegungsfolgen. Wunderschön ebenfalls Mathilde Roberge, die mit dem deutlich kleineren Rong Chang ein sehr harmonisches Paar abgibt. Und ein besinnliches Ende von allen, wo - an der Rampe stehend - über ihren leicht zuckenden Bewegungen langsam das Licht ausgeht…
Am Schluss die Kanadierin Virginie Brunelle mit „something new“, der Uraufführung von „High Moon“ einem energetischen Tanz zu einer Bearbeitung des Boleros von Ravel. Hier mit Beats und Clubfeeling in einer Originalmusik von Laurier Rajotte. In unzähligen Variationen setzen die Tänzer*innen immer wieder neu an, einzelne Soli werden von der Gruppe rhythmisch unterstützt bis die Choreografie in einem großen Klimax endet, stark! Virginie Brunelle möchte die einzelnen Persönlichkeiten zum Leuchten bringen, und das schafft sie auch. Doch nicht jede ist reif genug, die erlernte Tanztechnik loszulassen und aufzugehen in einem freien Pulsieren, in dem Bewegung und Rhythmus miteinander verschmelzen.
Juniorballette sind weit mehr als ein Einstieg ins professionelle Tanzleben, sie sind auch mehr als Kulturbotschafter für ihr Bundesland: sie sind Hoffnungsträger für eine Welt, an die diese jungen Menschen noch glauben wollen.
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