iBei der mittlerweile fünften Ausgabe des verdienstvollen re:festival in Nürnberg, bei dem ältere Arbeiten der freien Szene noch einmal zur Aufführung kommen, gehen die Veranstalter*innen bis zum Sonntag der Faszination des Bösen nach. Im Künstlerhaus im „KunstKulturQuartier“, das bis zur Wiedereröffnung der Tafelhalle Mitte Oktober als Ausweichspielstätte dient, beschwört man den Zombie-Mythos, wird der CIA-Folterreport vertont und fragt vor dem Hintergrund der NS-Verbrechen nach dem Erbe der Schuld. Dabei zitiert das Programmheft Antonio Gramsci, der im Jahr 1930 beschrieb, was auch heutzutage wieder ungute Gefühle weckt: „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“
Vergleichsweise wenig gruselig und grausam ging es bei der Eröffnung am Donnerstagabend zu. Bei der 2021 entstandenen, irrwitzigen Einfrau-Performance „Call Me a Pussy“ von Laura Stokes durfte sogar gelacht werden. Die vielseitige US-Amerikanerin dekonstruierte anderthalb Stunden lang genussvoll weibliche Rollenbilder irgendwo zwischen übertrieben künstlichem Aussehen, prinzessinnenhafter Unschuld und White Trash. Stereotypen, die sie aber nicht einfach nur der Lächerlichkeit preisgab, sondern sie auch als Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung zeigte.
Zaubertrick oder Domina-Peitsche? Hauptsache selbstbestimmt!
Das machte sie gleich klar, als sie auf die Bühne stöckelte: Blonde Perücke, atombusenausgestopftes Glitzerkleid, hohe Hacken und ein groteskes Gebiss, so als hätte sie sich gerade erst die Lippen monströs aufspritzen lassen. Vor dem Publikum steht eine plastikoptimierte Frau, die zunächst scheinbar zu hundert Prozent den Male-Gaze bedient. Dies aber freiwillig, während sie ein paar simple Zaubertricks mit einem Seil aufführt, das gut und gerne auch als Domina-Peitsche verstanden werden kann, wenn es durch die Luft zischt und sie dazu mit provokativem Blick raunt: „Are you ready for me?“ In einem Interview sagte Stokes einmal, dass sie auf dem Land mit lauter Hippies aufgewachsen sei, aber eben trotzdem gerne Lippenstift und High Heels trug.
„Call Me a Pussy“ changiert den ganzen vollgepackten Abend lang zwischen Kritik an patriarchal geprägten Rollenmustern und einer selbstbewussten Mein-Körper-gehört-mir- und Wie-es-mir-gefällt-Attitüde. Selbstzweifel inklusive. „You are still a super hot female“ dröhnt es einmal im Song „What You Waiting For?“ von Gwen Stefani aus den Lautsprechern. Laura Stokes wechselt alle paar Minuten ihr Aussehen: Langes Haar, kurzes Haar, blond, braun, rot. Mal ist sie die strenge Wissenschaftlerin im Business-Kostüm, die über die Geschichte des Burlesque referiert, mal die MAGA-Tussi, die es im knappen Höschen und Top sehr anzüglich mit der US-amerikanischen Flagge treibt. In diesem Moment ist die Künstlerin so ätzend und böse, als wolle sie sagen: Nimm das, Frauenverächter Trump!
Ein Pferd und Miss Piggy haben ihren Auftritt
Stokes ist preisgekrönte Zirkusartistin. Sie kann ihren Körper auf vielfältige Weise beeindruckend verbiegen und verknoten. Zweimal schwebt sie auch durch luftige Höhen, einmal in einem Reifen, das andere Mal an Seilen. Poetische Momente, ehe sie dann die Laszive mit Federboa und langen Handschuhen gibt und sich langsam entkleidet. Nur um schließlich das Puppenspiel in ihre im wahrsten Sinn vielschichtige Performance einzubeziehen und sich als Pferd zu verkleiden oder ein flottes Tänzchen mit Miss Piggy hinzulegen. Das ist mehr als sehenswert, auch wenn bei den ständigen Rollenwechseln auf offener Bühne – Stokes Requisiten bestehen nur aus zwei vollgehängten Kleiderständern – die gerade aufgebaute Spannung immer mal für einen kurzen Moment nachlässt. So hat man aber immerhin Gelegenheit, Luft zu holen und das gerade Erlebte noch einmal Revue passieren zu lassen.
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