„Beethoven! The Next Level“ von Christoph Hagel

„Beethoven! The Next Level“ von Christoph Hagel

Imposanter Stilmix in Musik und Tanz

Hagels HipHop-Show „Beethoven! The Next Level“ im Huxley's

HipHop nicht mehr nur als auf die Bühne gebrachter Streetdance zu Hits aus dem Fonds der Klassik, sondern als Medium, um Inhalte zu transportieren.

Berlin, 02/06/2016

Das hinlänglich bekannte Problem: Wie bringt man Klassiker ans partyselige, schnelllebige Jungvolk? Versuche gibt es viele, der von Christoph Hagel scheint zu funktionieren. Nicht zum ersten Mal verbündet sich der gewieft umtriebige, für seine so gewagten wie frischen Operninszenierungen an ungewohnten Orten bekannte Regisseur mit HipHop. „Flying Bach“, die Kombination von Barockmusik und Breakdance, brachte ihm und den Flying Steps sogar einen ECHO Klassik Sonderpreis ein. Das beflügelte Hagel, noch einen Schritt weiterzugehen: HipHop nicht mehr nur als auf die Bühne gebrachter Streetdance zu Hits aus dem Fonds der Klassik, sondern als Medium, um Inhalte zu transportieren.

Weltweit laufen solche Bemühungen - radikal wie bei Hagel und so weit gediehen sind sie wohl noch nirgendwo. Den Dirigenten zog es diesmal zum widersetzlichen Ludwig van Beethoven und seiner ereignisprallen Vita. Kann man sie über HipHop und weitere tänzerische Zutaten nacherzählen? „Beethoven! The Next Level“ versucht das und spielt im Titel auf die neue Stufe an, die der Urban Dance im Siegeszug über die Theaterbühnen damit anstrebt. Ein Weg, um weg von der sportiven Streetartistik, hin zur Kunstdisziplin zu gelangen.

In dem markanten Deutsch-Syrer Khaled Chaabi, Tänzer schon bei „Flying Bach“, hat Hagel seine Titelgestalt gefunden: Er tanzt und gestaltet den Part des Komponisten und zeichnet gleichsam für die Choreografie verantwortlich. Co-Choreografin ist mit der Japanerin Yui Kawaguchi eine zeitgenössische Tänzerin von Format. Sie hat überdies gemeinsam mit Hagel die Dramaturgie erdacht. Zweimal 45 Minuten ziehen Bilder um das tragische Genie über die Bühne von Huxley's Neuer Welt, vor abstrakten Projektionen respektive konkreten Videos. Acht weitere Tänzer tragen Namen aus dem Lebensumkreis des Wiener Meisters und statten die Figuren mit ihrem speziellen Stil aus: von Ballett bis Jazz die philippinische Palucca-Absolventin Joy Ritter, mit Wurzeln in Capoeira das brasilianische Brüderpaar Ribeiro, der farbige Krumping-Virtuose Kofi Boachie und all die anderen famosen B-Boys. Und hier liegt bei den Verdiensten der groß angelegten Tourneeproduktion auch ihr Mangel.

Nachdenklich beginnt sie. Als „Der Zerrissene“ legt sich im Anfangsbild Khaled zu Ludwigs „Appassionata“, live von Hagel gespielt, auf die Szene, wirbelt und rutscht trotzig, dreht mit unglaublicher Frequenz Kopfpirouetten, kann dabei, Triumph an Körperbeherrschung, noch die Beine anwinkeln und strecken. Wie verblüffend eng an der musikalischen Struktur sich das abspielt, überzeugt ebenso wie das Duett mit Yui alias Ludwigs Schwägerin als tröstender Muse. Hier korrespondieren HipHop und zeitgenössischer Tanz auf einem Niveau miteinander, das man so noch nicht gesehen hat, und lassen Beethovens sensible Seite aufscheinen.

Vieles von dem, was man aus der Biografie des Wiener Klassikers kennt, wird im Weiteren angerissen, die beginnende Taubheit, sein kurzer Flirt mit der Französischen Revolution, die Probleme mit seinem Neffen Karl – erschließen kann sich davon nur Weniges. Hagel am Piano greift bisweilen ein, etwa mit dem Adagio aus der „Mondscheinsonate“, wenn die Musik nicht aus dem Lautsprecher erklingt, sinfonische Motive dann in elektronischer Bearbeitung, als verrapptes Thema der „Schicksalssinfonie“ oder Freude-Chorus-Fetzen der 9. Sinfonie mit anfeuernder Wirkung auf die Tänzer.

Sie sind das wahre Ereignis dieses löblichen Versuchs einer Erzählversion auf der Basis von HipHop, mit Anleihen bei der Akrobatik und der Äquilibristik. Jubel beim jungen Publikum, wenn die Moves gelingen – und sie gelingen Moe, Pocket, Aldo, wie sie mit Künstlernamen heißen, hinreißend perfekt. Khaled, der bei „Flying Bach“ mit den Flying Steps auftrat, ist für „Beethoven! The Next Level“ zu jener Crew zurückgekehrt, in der sein Weg einst begann: den B-Town Allstars. Mit ihrem Mix der Künste werden sie bei den Tourterminen zwischen München bis Bremen auch diese Zuschauer begeistern. Und mit Christoph Hagel vielleicht bald wieder zu einem next level aufbrechen.

Nochmals 11.6., Huxley's Neue Welt, www.beethoven-nextlevel.de
 

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