Schwäne im Spiegel der Geschichte

Stefano Giannettis „Schwanensee“ begeistert

Kaiserslautern, 05/06/2010

Ob Choreografie oder Inszenierung, oft finden besonders schöpferische Momente nicht auf der Bühne, sondern bei Proben statt. Stefano Giannetti hat „Schwanensee“, das vollkommenste Werk der Ballettgeschichte, zurückgepfiffen in den Probensaal. Nicht irgendeinen, sondern jenen der Pariser Belle Epoque, den Pjotr Iljitsch Tschaikowskys (1840-1893) malender Zeitgenosse Edgar Degas (1834-1917) festgehalten hat.

Flirrend ist die Luft kurz vor dem Auftritt. Farbvaleurs in Weiß, Gelb und Bernsteingold entsprechen feinstem Vibrato in der Musik. Die erste Szene des Balletts „Schwanensee“ am Pfalztheater fängt genau das Flair ein, den Zustand der Stille bei latent erhöhter Reaktionsfähigkeit, ein Moment, in dem noch Nichts entschieden, aber Vieles möglich ist.

Fast unmerklich kommt Bewegung ins Degas-Tableau, ein Déja-vu, auf der Bühne seitenverkehrt. Der Saal füllt sich mit Ballerinen. Ein großer Spiegel verlängert perspektivisch den Raum, vervielfältigt die Akteure, die sich dehnen und stecken, ihre Schuhe binden, das Bein auf die Stange legen. Ein Ballettmeister, wie beim Maler, in weißem Anzug, verfolgt mit strenger Miene kleine Enchaînements, korrigiert und kommentiert. Beredte Körper und vielsagende Blicke in einer Welt ohne Worte.

Zur Tragik der Rezeptionsgeschichte gehört, dass die Uraufführung 1877 im Moskauer Bolschoi-Theater floppte. „Untanzbar“ nannte der österreichische Choreograf Wenzel Julius Reisinger die Musik. Erst im zweiten Anlauf, in den bis heute maßgeblichen Choreografien von Marius Petipa (1.Akt und 3.Akt) und Lew Iwanow (2.Akt und 4.Akt) startet das Werk 1895 in Sankt Petersburg durch, wird mit der Aufführung am Mariinsky-Theater zum Erfolgsstück, leider erst zwei Jahre nach Tschaikowskys Tod. Giannetti bezieht sich auf Petipa und Iwanow.

Der Kunstgriff das Stück im Entstehen zu präsentieren, erweist sich in mehrfacher Hinsicht vorteilhaft. Das Konzept erlaubt einen freien Umgang mit der Handlung. Die Inszenierung bricht den narrativen Gestus des romantischen Märchens, verzichtet auf pantomimisches Erzählen, konzentriert sich auf tänzerisch-choreografische Glanzlichter. Tarantella, Mazurka und Walzer bleiben ebenso erhalten wie die legendären Fouettés, der Pas de trois oder das Allegro moderato der „Vier kleinen Schwäne“ im 2. Akt. „Ich war nie ein Schwan“, bekennt Giannetti, der die Einstudierung des Schwanen-Vokabulars der Expertin Giselle Roberge anvertraut hat.

Neben den Bühnenfiguren Siegfried, Odette und Rotbart entwickelt der Choreograf und Regisseur eine Lovestory zwischen dem Ballettmeister (Siegfried: Adonis Daukaev), seiner Primaballerina (Odette: Viara Natcheva) und dem Solotänzer (Rotbart: Stefan Hammel). Der Augenblick, in dem wir noch nichts voneinander wussten, aus heißen Blicken entsteht eine melodramatische Dreiecksgeschichte mit homoerotischem Subtext, deren psychologische Dimension das Trio mit wenig darstellerischem Aufwand meistert.

Abgesehen vom Pathos im Finale lautet die Devise: Reduce to the max. Zur Kenntlichkeit verknappt geht das Konzept auf. Praktisch, da das Stück in dieser verdichteten Variante auch für kleines Ensemble (sieben Tänzerinnen und sechs Tänzer) machbar ist. Ästhetisch, weil der Bühnen- und Kostümbildner Michael D. Zimmermann den Stoff, auch die Nachtszenen am See, analytisch durchleuchtet und eine starke Metapher der Einsamkeit schafft: schattenrissartige Bäume, wasserblauer Horizont und Spiegelfläche über der Bühne. Dramaturgisch, weil vielfältige Korrespondenzen zwischen Musik, Bühne, Licht, Tanz, Text und Subtext sowie den Künstlerpersönlichkeiten eine Aktualisierung ausmachen, die als gelungene Hommage an Tschaikowsky gelesen werden kann.

www.pfalztheater.de

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