Der Bär tanzt Charleston

Kurt Weills wiedergefundene „Zaubernacht“ in der Choreografie von Nina Kurzeja

Stuttgart, 06/09/2010

„Weltweit erste Aufführung seit der Berliner Premiere 1922“ steht stolz und eigentlich nicht ganz richtig im Programmheft des Stuttgarter Musikfests. Kurt Weills einstündige Kinderpantomime „Zaubernacht“, das erste Bühnenwerk des 22-jährigen Komponisten, wurde 1922 am Berliner Kurfürstendamm uraufgeführt, in Auftrag gegeben vom russischen Impresario Wladimir Boritsch als Familienunterhaltung für die damals riesige russische Gemeinde Berlins. Der Premiere folgte noch eine weitere Produktion Boritschs 1925 in New York. Danach wurde das Werk zwar in einer 2000 entstandenen musikalischen Rekonstruktion, aber nie wieder nach Weills ursprünglicher Partitur aufgeführt, das Aufführungsmaterial galt bis vor wenigen Jahren als verschollen. Die Partitur ging auf der Flucht des Komponisten vor den Nazis verloren, die Orchesterstimmen, aus denen der Musikwissenschaftler Elmar Juchem von der New Yorker Kurt Weill Foundation die jetzige Partitur wiederherstellte, hatte Boritsch nach New York mitgenommen. Nach seinem Tod wurden die Noten in einem Keller der Universität Yale vergessen und erst vor fünf Jahren wiedergefunden.

So präsentierte das Stuttgarter Musikfest im Theaterhaus nun die erste Inszenierung nach Kurt Weills eigener Instrumentierung nach 85 Jahren. Die Neuentdeckung besitzt weder die Durchschlagskraft der „Dreigroschenoper“ noch den jazzig-herben Swing von Weills Broadway-Musicals. Es ist eine hübsche, vergleichsweise freundliche Musik von einer Stunde Dauer, kammermusikalisch gesetzt für neun Instrumente, unter denen das Schlagwerk eine für damalige Verhältnisse bereits recht prominente Position einnimmt. Wo manche Berliner Kritiker 1922 bemängelten, die Musik sei zu schräg für Kinder, da klingt sie für unsere Ohren zwar Weill-typisch, aber noch ein wenig harmlos, weit weniger kantig als seine später so prägnanten Theatermusiken und Opern, manchmal neigt sie gar zum Impressionismus statt zum Expressionismus. Kein Kind wird sich heute davor fürchten, denn oft genug klingt es sehr bildhaft und anschaulich, immer wieder lächelt auch ein tanzverliebter Saloneinschlag der wilden Zwanziger heraus. Das Arte Ensemble Hannover ließ der Wiederentdeckung schwungvoll den typischen Weill-Klang angedeihen.

Das Stück erzählt von belebten Spielsachen, dasselbe Thema wie in Tschaikowskys „Nussknacker“ also, dem damals gerade 30 Jahre alten Erfolgsballett nach E.T.A. Hoffmann. Sorgfältig hat Nina Kurzeja, die klügste und originellste Choreografin der ansonsten wenig abwechslungsreichen freien Szene Stuttgarts, ihr Szenario den wenigen Anmerkungen in den Orchesterstimmen nachempfunden, verortet das nächtliche Herumtoben eines Geschwisterpaars liebevoll zwischen russischer Ballettpantomime und Zwanziger-Jahre-Nostalgie in einem immergültigen Kinderfantasieland. Natürlich sind das Mädchen und der Junge (Kira Senkpiel und Cedric Huss) ein bisschen frecher und flapsiger als im „Nussknacker“, die Zauberfee trägt ein schickes Minikleid und entpuppt sich als Hausdame, der Spielzeugbär erinnert an eine kleine, runde, leicht skurrile Oma (zumal in der goldigen Verkörperung durch Diane Marstboom): Die Kinder träumen und verarbeiten dabei ihren Tag. Die Verwandlung der Spielsachen in Menschen wird in kurzen Trickfilmszenen auf das expressionistisch schräge Fenster projiziert, am Himmel über der fast leeren Bühne hängen zwei riesige, fette Wolken. Erik Reisinger trägt als Steckenpferd Boxhandschuhe, der Hampelmann (Katharina Erlenmeier) ist halb Pierrot, halb klapperndes Skelett, ein Stehaufmännchen (Tom Baert) stürzt wie Crankos Joker aus „Jeu de cartes“ alles ins Chaos, und der Bär tanzt Charleston: Zu den Modetänzen der Zwanzigerjahre, die in Weills Rhythmik anklingen, deutet Kurzeja versonnen nostalgische Schritte aus dieser Zeit an, die Kindern wie Spielzeug mächtig Spaß machen. Ein Ausflug ins Exotische, mit dem Weill den damaligen Gepflogenheiten der Ballettmusik huldigt, sieht bei Kurzeja aus wie „Walk like an Egyptian“, mechanisch stakst Alexandra Brenk als „Coppelia“-Automatenpuppe zwischen Moonwalk und Breakdance dahin.

Kurzejas sieben Tänzer und die Sängerin Natasja Docalu als Zauberfee (ihr einziges Lied blieb leider wenig verständlich) tobten goldig und unermüdlich durch die originelle Inszenierung, die im deutlichen Bemühen um eine behutsame Modernisierung des wiedergefundenen Originals oft pantomimisch und clownesk, manchmal aber auch ganz zart mit Elementen des modernen Tanzes versetzt war. Bis am Schluss die lebendigen Spielsachen wieder erstarren, von den müden Kinder sorgfältig zugedeckt. Ein letztes Mal aber lächeln Hampelmann & Co. der Spielzeugfee zu, so geheimnisvoll wie das feine, leise Wiegenlied, das so gar nicht nach Kurt Weill klingt. Das schöne Kinderstück schließt nicht nur eine Lücke im frühen Oeuvre des deutsch-amerikanischen Komponisten, es macht den spröden, politischen Künstler fast ein wenig menschlicher.

www.musikfest.de 
www.kwf.org 
www.ninakurzeja.de

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