Getanzter Schöpfungsmythos

„Am Anfang war das Ende“ behaupten im Ballhaus Ost Wilhelm Groener

Berlin, 12/11/2009

Ins Mystische driften mit ihrer neuen Produktion im Ballhaus Ost Wilhelm Groener ab. Viel Dunkelheit gilt es zu durchschauen, und sich auf die kontemplative Stimmung einzulassen. „Am Anfang war das Ende“ klingt paradox, und assoziiert den ersten und den letzten Buchstaben des griechischen Alphabets, das Alpha und das Omega, die in der christlichen Lehre für den Anfang und das Ende der Welt stehen. Zumindest die geheimnisumflorten Metaphern des Konzeptteams, bestehend aus der Bildenden Künstlerin Mariola Groener und dem Tänzerchoreografen Günther Wilhelm, legen solche Gedanken nahe. Ein Tisch mit Kerze schält sich dicht vor den Zuschauern aus der Lichtlosigkeit. Eine Frau steht davor, ein Mann spiegelt sie; in der Pose der rätselhaften Sphinx ahnt man zwei weitere Gestalten mehr, als man sie sieht. „This is the end“, singen alle vier gospelartig im Dunkel nach dem Verlöschen der Kerze. „Waiting for the summer rain“, klingt es dann kraftvoller, und tatsächlich erhört der Himmel das Ansinnen, schickt Regen und Gewitter. In vernebelter Schöpfungsatmosphäre und matter Beleuchtung steht das Quartett starr, summt, sucht permanent mit Armführungen den Ausstieg aus dem Chaos. Beruhigend wirkt diese Sequenz, erinnert, wenn sich die Akteure mit dem Finger zeigend drehen, an ein Planetenballett. Der rezitierte lateinische Text schafft den Bezug zur Liturgie.

Aus fahrigen Handbewegungen wird eine Schüttelwendung am Platz, bis der gesamte Körper erzittert, als wohne man dem Betdienst der Shaker bei. Hin zum jetzt als Altar in der Raumtiefe aufgebauten Tisch geht alles Wollen, das Rutschen, Ächzen, bis im Punkt der Ekstase die Tänzer stürzen. Selbst aus der Lage noch richten sich Kopf und Blick himmelwärts. Asketisch streng ist diese Raumkomposition, auch wenn sich jemand kniend vorwärts bewegt, einer pfeift, zwei einander eine Spur am Firmament zu zeigen scheinen. Wenig Geräusch nur stört die Stille, leises Zirpen etwa. Die beiden Männer türmen sich; Kopf an Kopf balancieren und schieben sich die Frauen. Eine legt sich aus dem Kopfstand auf einem Hockenden ab, ein Mann wandert in der Kniebeuge. Hüpfer erzeugen Rhythmus, man fasst sich an den Händen, hakt den anderen ein, bis ein Mann schutzsuchend eine Frau anspringt. Die schaukelt ihn behütend, stellt ihn auf den Altartisch, wo er, seine Wundmerkmale ausweisend, hin und her schwankt. Nacheinander versammeln sich alle um den Altar, das Paar oben mit zugewandtem Gesicht, sie zunächst wie geblendet die Hand vor den Augen; vor und hinter dem Tisch die beiden anderen im Blick aufs Zentrum.

Das suggestivste Bild des Abends entsteht, wenn sich die acht Arme verschieden langsam und auch gegenläufig heben und senken, eng und weit, aus dem Quartett ein pulsierender Ein-Körper wird. Klar und streng wie ein Gregorianischer Gesang wirkt dieses Ritual. Dann erlischt das Licht, schwellen machtvoll Sopran-Vokalisten an. Wieder stehen da alle vorn, wieder brennt eine Kerze. Mit ihr leuchtet man ins Publikum hinein. Weniger puren Tanz als eine bewegte Plastik von kalkulierter Schwarz-Weiß-Ästhetik bis in die Kostüme hinein bieten 60 Minuten lang Wilhelm Groener. Gemeinsam mit Maria Francesca Scaroni, Ulrich Huhn und der versteckt platzierten Sängerin Johanna Peine erzielen sie, diskret hinter ihrer Rolle zurücktretend, eine reinigende, entschlackende Wirkung beim Betrachter.

Wieder 19.-21.11., 20 Uhr, Ballhaus Ost, Pappelallee 15, Berlin

www.ballhausost.de

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