KOEGLERJOURNAL 2005/2006



Stuttgart

EIN VISIONÄR DES TANZES

Vor zehn Jahren starb Rolf Garske


Wie denn das? Zehn Jahre sollen vergangen sein, seit Rolf Garske in einem Krankenhaus in Münster starb, noch vor seinem 44. Geburtstag? Denen, die ihn gekannt haben, scheint ein derart langer Zeitraum unglaubwürdig. Denn sie haben ihn in Erinnerung behalten als einen Mann, der ganz und gar Gegenwart, ganz und gar hier und heute war. Ein großer blonder Junge, der nicht alterte, dessen Charme unwiderstehlich war. Und so lebt er fort - nicht in unserem Gedächtnis, sondern in unserem Bewusstsein! Rolf Garske, das war Köln in seiner Tanzblütezeit in den siebziger und achtziger Jahren. Dort gründete er mit ein paar Kommilitonen, darunter Hedwig Müller, Birgit Kirchner und Norbert Servos, einen Förderkreis für das Tanz-Forum. Ihm folgte 1976 die überregionale Förderorganisation Deutsche Ballett-Bühne e.v. Der nächste Schritt war dann der Ballett-Bühnen-Verlag. Aus einem bescheiden hektografierten Informationsblatt über Tanz ging dann das schon bald zweisprachig erscheinende Ballett International hervor, mit Garske als Verleger und Chefredakteur. Als deutscher Vertreter wirkte er in internationalen Verbänden, Gremien und Komitees – ein Feuerkopf, der die Öffentlichkeit mit immer neuen Iniativen und Ideen überraschte. Nicht alles, was er sich erträumte, ging in Erfüllung, ja seine Laufbahn war eine einzige Achterbahnfahrt, mit Abstürzen von schwindelerregenden Höhen in bodenlose Tiefen, aus denen er sich aber immer wieder aufgerappelt hat. Sie führte ihn von Köln aus in die Tanzkapitalen der Welt, so dass er schon wieder in Moskau war, während man ihn noch in New York wähnte.
Für ihn war die Welt eine einzige Tanzwelt, und so engagierte er sich mit seinem langjährigen Freund und Lebenspartner James Saunders (auch dessen Tod jährt sich im August schon zum zehnten Mal) schon früh für jene sparten- und generationenübergreifenden Projekte, die die Bewegung und den Tanz als eins der Urelemente menschlicher Bedürfnisse begreifen. So wurde er zum Wegbereiter der Xavier le Roy, Boris Charmatz, Jérôme Bel, Sidi Larbi Cherkaoui und wie sie alle heißen – auch wenn die heute kaum noch von ihm wissen... Schon 1988 träumte er von einem Dachverband, „in dem alle Sparten der breitgefächerten Tanzszene vom Gesellschaftstanz über Ballett und Tanztheater bis hin zur Tanzwissenschaft“ vertreten sein sollten. Jetzt endlich scheint es so weit zu sein, wenn am morgigen Sonntag die führenden Verbände und Institutionen des professionellen deutschen Tanzes sich in Berlin zur Gründungsversammlung des Trägervereins „Ständige Konferenz Tanz“ versammeln, die sich als Gesprächsplattform, „Stimme des Tanzes“ und Ansprechpartner für die Politik versteht.
Rolf Garske: ein Visionär des Tanzes, den die Realität endlich eingeholt hat – zehn Jahre nach seinem Tod!

Veröffentlicht am 11.03.2006, von oe in koeglerjournal 2005/2006

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