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Berlin

IN BERLIN FÄLLT WEIHNACHTEN AUS

Das Staatsballett Berlin streicht „Nussknacker“ aus seinem Programm



Zu recht? In Berlin will man den Klassiker von Marius Petipa und Lew Iwanow nicht mehr spielen, da es mit dem Chinesischen und dem Orientalischen Tanz ein Rassismusproblem gebe.


  • "Nussknacker" beim Staatsballett Berlin Foto © Goetzmann/wrb

Es heißt, die „Nussknacker“-Produktion des Staatsballetts Berlin habe 1,5 Millionen gekostet. Die russischen Choreografen Vasily Medvedev und Yuri Burlaka hatten für das Staatsballett 2013 den Klassiker von Marius Petipa und Lew Iwanow echt wissenschaftlich und echt russisch getreu rekonstruiert. Als die B.Z. neulich nachfragte, wo denn im Dezember der „Nussknacker“ bleibe, erklärte die Kompanie, man wolle ihn nicht spielen, da es mit dem Chinesischen und dem Orientalischen Tanz ein Rassismusproblem gebe. Und beim Punkt Rassismus ist die Ballettleitung derzeit besonders dünnhäutig (siehe unseren Bericht vom 9.11.).

Der Tagesspiegel applaudierte ganz staatsmännisch: „Das Staatsballett Berlin erprobt einen neuen Umgang mit der Ballett-Tradition. Das ist keine leichte Übung. Dafür gebührt der Intendantin und den Tänzer*innen Respekt.“ Die FAZ hingegen rief den „Ballettskandal“ aus und merkte kratzbürstig an: „Für wie dämlich oder selbst rassistisch hält die Tanzwissenschaft das Tanzpublikum?“ Und die Berliner Zeitung bemerkte kühl, die Absage offenbare ein Klima der Absicherung.

Was die Absage jedenfalls nicht offenbart, ist künstlerische Souveränität. Die nationalen Tänze in den Balletten des 19. Jahrhunderts waren Ausdruck des damals beliebten Orientalismus, der sich sowohl aus Offenheit wie aus Überheblichkeit speiste. Je nachdem. Das muss man dann schon unterscheiden. Den Menschen damals, die noch nicht um die Welt jetteten, konnte man jedenfalls leicht Klischees unterjubeln. Davor waren auch die größten Künstler*innen nicht gefeit. Im Divertissement des 2. Nussknacker-Aktes gibt es drei Heißgetränke: 1. Schokolade: Spanischer Tanz (Bolero), 2. Kaffee: Arabischer Tanz, 3. Tee: Chinesischer Tanz. Da geht es hauptsächlich um weihnachtliche Genüsse, die sich Klara nach der erfolgreichen Schlacht der Pfefferkuchensoldaten gegen die gierigen Mäuse und dank ihrer zauberhaften Begegnung mit dem Nussknacker-Prinzen gönnt. „Der Nussknacker“ ist nämlich ein Märchen, auf dessen Höhepunkt auch noch eine Zuckermandelfee auftritt. Alles märchenhaft, nichts realistisch oder gar karikaturistisch. Aber natürlich Klischees aus dem 19. Jahrhundert.

Unsere Theater spielen jedoch für das heutige Publikum. Warum sollte man das mit Klischees abspeisen, noch dazu mit so alten und albernen? Das traditionelle klassische Ballett gilt als die unintellektuellste Bühnenkunst (um nicht zu sagen die dümmste). Es zählen Technik und Eleganz, die erzählte Geschichte kann so dämlich sein, wie sie will, ähnlich wie bei vielen Belcanto-Opern des 19. Jahrhunderts. In einer zunehmend technisierten und ökonomisierten Gesellschaft bot das Ballett, ob nun französisch oder russisch, damals den Traumraum einer reinen Gefühlswelt – bis mit den Ballets russes von Diaghilew Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris die Ballettrevolution begann.

Glücklicherweise hat das Ballett in unseren Theatern das jüngste Publikum. Ich habe mich schon immer über die Klischees aufgeregt, die das Ballett seinen jungen Zuschauer*innen vorsetzt. Die vornehme Haltung, mit der die Tänzer*innen auftreten, imponiert, aber wenn sie so tun, als sei die Zeit stehen geblieben, wirken sie albern. Solche National-Klischees wie im Berliner Nussknacker möchte man wirklich nicht mehr sehen. Auch die Rekonstruktion der „Bajadere“ 2018 durch Alexej Ratmanski beim Staatsballett bot vor allem ungebremsten Kitsch. Alle Indien-Klischees waren aufgeboten, um einen „originalen“ Blick in die Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts zu werfen. Dabei waren schon die pompös-neureichen Bühnenbilder unendlich weit entfernt von der filigranen Schönheit indischer Architekturen. So oligarchenhaft geschmacklos waren die russischen Ausstatter*innen im 19. Jahrhundert gewiss nicht. Die ersten beiden Akte boten Pantomime statt Tanz und waren für das Ballettpublikum denkbar langweilig.

Historische Aufführungspraxis in der Musik und im Ballett sind etwas völlig Unterschiedliches. Die Musiker*innen informieren sich über die alten Spielweisen, um die Musik wieder frisch klingen zu lassen. Sobald man aber oben auf der Bühne so tut, als könne man die Zeit anhalten und den Zustand von damals herstellen, tritt der Bühnentod ein. Dort singen, spielen und tanzen ja Menschen von heute, die ein ganz anderes Zeitgefühl haben. Das damalige Lebensgefühl lässt sich bis zu einem bestimmten Punkt nachfühlen, doch dann braucht es den geistreichen Funken von heute, der das Ganze mit Leben erfüllt. Ein Augenzwinkern, eine Abweichung, etwas Ironie vielleicht. Vor allem aber eine geistige Durchdringung. Das fehlt den Rekonstruktionsversuchen an „Nussknacker“ und „Bajadere“. Deshalb kamen sie über die Verabreichung von Klischees nicht hinaus – und das ist Verrat am Publikum. Das hat den Muff nicht verdient, auch wenn noch so großartig getanzt wird.

Wie viele andere Choreograf*innen hat auch John Neumeier gezeigt, wie viel künstlerischer sich die Klassiker lebendig halten lassen. Als das Hamburg Ballett 1990 im damaligen Leningrad mit Mahlers Fünfter und Schnittkes „Peer Gynt“ gastierte, bekamen sogar Altstars wie Galina Ulanova und Konstantin Sergeyev glänzende Augen. "Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Wir sind alle so glücklich, nicht nur weil Sie so wunderbar getanzt haben, sondern weil wir gesehen haben, wie unser klassisches Ballett weiterentwickelt werden kann," sagte die Leiterin des Museums der Waganowa-Schule zu einer Gruppe Hamburger Tänzer*innen, die am nächsten Tag dieses legendäre Institut besuchen.

Beim Berliner Staatsballett aber dachte man 2013 noch: Stellen wir uns mal dumm und tun so, als sei seit 1892 nichts passiert, und erwecken die schlafende Schöne aus dem Dornröschenschlaf. Das funktioniert leider nur im Märchen. Denn man weckte damit leider auch die dummen Vorurteile von damals. Ein*e Choreograf*in hätte da künstlerisch eingreifen können. Einer kleinen, leicht begründbaren Änderung haben die russischen Rekonstrukteure Vasily Medvedev und Yuri Burlaka bereits 2015 zugestimmt. Sie sind bereit das Blackfacing von zwei Kindern aufzugeben und auch haben sie sich in der aktuellen Kommunikation mit der Leitung offen gezeigt für weitere Änderungen. Bis die vollzogen sind, müssen die kleinen und großen Nussknacker-Fans jetzt erst mal ohne ihr Weihnachtsglück leben.

Veröffentlicht am 30.11.2021, von Bernd Feuchtner in Homepage, Gallery, Themen

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Kommentare zu "In Berlin fällt Weihnachten aus"



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