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Hannover

BEWEGUNGSREICHTUM

Sensationeller Erfolg für Nadav Zelner mit „Toda“ am Staatstheater Hannover



Marco Goecke hat mit dem Engagement von Nadav Zelner als Gastchoreograf einmal mehr ein gutes Gespür für den choreografischen Nachwuchs bewiesen.


  • Nadav Zelner "Toda": Ensemble Foto © Ralf Mohr
  • Nadav Zelner "Toda": Chiara Pareo Foto © Rossello Shmaria
  • Nadav Zelner "Toda": Giovanni Visone Foto © Ralf Mohr
  • Nadav Zelner "Toda": Marta Cerioli, Ana Paula Camargo Foto © Ralf Mohr
  • Nadav Zelner "Toda": Ensemble Foto © Ralf Mohr

Der Abend währt nicht lange, gerade einmal 55 Minuten dauert die von Nadav Zelner für das Staatsballett Hannover kreierte Choreografie „Toda“. Doch was die Tänzer*innen in dieser knappen Stunde präsentieren, ist von solcher Intensität und zeigt einen derartigen Bewegungsreichtum, dass die Eindrücke für weitaus länger ausreichen. Nadav Zelner, ein junger israelischer Choreograf, verdoppelt ganz einfach die Grundgeschwindigkeit des Tanzes, spickt seine Choreografie mit bewegungstechnischen Raffinessen, baut Mimik und Gestik mit ein und erschafft so einen ganz eigenen Bewegungskosmos, der den Tänzer*innen alles abverlangt.

Man kann es nicht wirklich Ballett nennen, Zeitgenössisch (im didaktischen Sinne) auch nicht. Es sind freie Bewegungsassoziationen zu seiner gewählten Thematik, gemischt mit einigen tanztechnischen Details, die Nadav Zelner zu seiner ganz persönlichen Tanzsprache verbindet. Der Titel „Toda“ leitet sich aus dem hebräischen Wort „Toda“ für „Danke“ ab. „Toda-a“ bedeutet Bewusstsein. Die Choreografie rankt sich um diese beiden Begriffe. Immer wieder betont Nadav Zelner im Gespräch, wie wichtig für ihn die Erkenntnis ist, dass unsere Möglichkeiten unbegrenzt sind, wenn wir nur selbst daran glauben. Wenn wir dies erkennen, eröffnen sich nicht nur unendliche Möglichkeiten, sondern wir werden auch von Dankbarkeit erfüllt, so der philosophierende Choreograf. Den Weg von der Suche bis hin zur Erkenntnis des vollen eigenen Potentials beschreiten dann auch seine Figuren im Stück.

Zusammen mit seinem Kostümbildner Maor Zabar und dem Bühnenbildner Eran Atzmon entwirft Nadav Zelner eine fiktive Götterwelt mit Naturwesen, die einer fernen Vergangenheit oder auch einer fernen Zukunft angehören könnten. Seine Gött*innen wirken in ihrer animalischen Bewegungssprache eher wie gefallene Halbgötter, wie Faune und Nymphen, die sinnlich und tabulos miteinander spielen, sich streiten oder gemeinsam aufstampfen. Es erinnert an den sinnlichen Tanz eines Vaclav Nijinsky in seinem berühmten „Nachmittag eines Fauns“, der mit seiner Choreografie die Sehgewohnheiten des damaligen Publikums sehr herausgefordert hat.

Die Kostüme sind durchscheinend – ein Hauch eines Ganztrikots – und betonen die Körperlichkeit der Tänzer*innen. Jedes Kostüm hat unterschiedliche Details: Rüschen, Glitzersteine, die im hellgelben Licht wie Goldstaub wirken und die Haare zu vielen, vielen Zöpfen geflochten – auch dies in Anlehnung an eine uralte Tradition für Haarschmuck. Die Androgynität der Figuren gibt dem Tanz einen speziellen Reiz, es ist weniger wichtig, ob eine Szene von einem männlichen oder einem weiblichen Darsteller getanzt wird. Wichtig ist Nadav Zelner, diesen fiktiven Götterstamm als ganze Gruppe gemeinsam auf einer Reise darzustellen. So haben sie auch etwas dem Menschen ähnliches, nämlich das soziale Miteinander. Sie kommen nur gemeinsam voran, nicht allein. Vom einsamen, suchenden Wesen des Anfangs – blitzschnell und geschmeidig getanzt von Giovanni Visone – über Gruppenbegegnungen bis hin zur Vereinigung von Mann und Frau – charmant hier das Spiel mit der Ungewissheit des Ausgangs der Szene – von rivalisierenden Szenen der „Weibchen“ bis zu machtvollen Gebärden der „Männchen“ – es sind alle unterwegs auf ihrem Weg der Selbstfindung.

Das hochinteressante Bühnenbild vereint mehrere dreieckige Säulen auf einer Drehbühne, die mit der raffinierten Beleuchtung mal von innen, mal von außen an Tempelsäulen erinnern und eine zugleich futuristische wie atavistische Atmosphäre auf die Bühne zaubern. Es sind diese Mischformen von alt und neu, männlich und weiblich, menschlich und animalisch-wesenhaft göttlich, die den Reiz dieser Produktion ausmachen. Ein hervorragendes Zusammenspiel von Licht, Bühnenraum, Tanz und Musik überwältigt das Publikum regelrecht in seiner Magie und Virtuosität, sowie in der verblüffenden Stimmigkeit des Gesamteindrucks.

Eine archaische Kraft verströmt das Ensemble, wenn es als Gruppe stampfend und schreiend tanzt, dann wieder verletzliche Verspieltheit in den z.T. selbstvergessen Soloszenen (wunderschön hier: Chiara Pareo), anschließend den Atem beraubend, wenn sie sich nach und nach frontal oder rücklings in den Orchestergraben fallen lassen als Symbol für das Vertrauen, das Loslassen Können. Da hält man die Luft an, meint die Angst der Tänzer*innen zu spüren, die sich nacheinander zur dramatischen Musik von Arvo Pärt in die Tiefe stürzen … Oder wird vielleicht unser aller Angst vor dem Fall – sozial, menschlich oder gesellschaftlich – die sich in diesem Bild spiegelt, dadurch getriggert? Es ist eine große Herausforderung des Choreografen an das Ensemble, diese Szene zu meistern. Überhaupt kann das Lob an die Ballettkompanie nicht groß genug sein, sich diesem komplexen und rasanten Tanzstil von Nadav Zelner mit so großer Aufopferungsbereitschaft gestellt zu haben!

Die von der eigens für dieses Stück aus Solokünstler*innen zusammengestellte „Celtic Band“ spielt die traditionellen keltischen Lieder – mit Lautsprechern verstärkt – leidenschaftlich und temperamentvoll. Doch während sich die durch ihre Eindimensionalität eingängige Folk-Musik geradewegs in die tanzenden Körper überträgt – in ihrer konsequenten choreografischen Umsetzung allerdings manchmal den Rand des Plakativen streifend – kann die Szene, können die Tänzer*innen mit den mehrdimensionalen Klängen eines Arvo Pärt und J.S. Bach (in der Bearbeitung von F. Busoni) regelrecht aufblühen. Der Raum wird in der Wahrnehmung größer, die Bewegungen der Tänzer:innen langsamer, was eine interessante Wendung im Stück bewirkt. Unter der sachkundigen Leitung von Valtteri Rauhalammi werden die 15 Musiker*innen des Staatsorchesters zu einem warmen, intensiven Klangbild geführt. In der Reibung seiner neuartigen Bewegungsästhetik mit klassischer Musik liegt für die weitere Entwicklung des Choreografen noch viel Potential.

Fest steht allerdings: Nadav Zelner hat mit seinem Tanz das Staatstheater Hannover zum Vibrieren gebracht! Ein unmittelbar nach dem Ende ausbrechender und von vielen Bravorufen begleiteter, langanhaltender Applaus war das nur allzu gerechtfertigte Ergebnis dieses Tanzabends. Marco Goecke hat mit dem Engagement von Nadav Zelner als Gastchoreograf einmal mehr ein gutes Gespür für den choreografischen Nachwuchs bewiesen.

Veröffentlicht am 27.09.2021, von Renate Killmann in Homepage, Gallery, Kritiken 2021/2022

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