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Berlin

FRAGEN DER ZUGEHÖRIGKEIT

"Ok boomer" von Golschan Ahmad Haschemi und Banafshe Hourmazdi in Berlin



Die musikalische Zeitreise „Ok boomer“ von AHH (Golschan Ahmad Haschemi/ Banafshe Hourmazdi) ist ein wilder Mix aus Internetphänomenen und Popikonen der letzten 50 Jahre.


  • "Ok boomer" von Golschan Ahmad Haschemi und Banafshe Hourmazdi mit Sara Glojnarić Foto © Amelie Kahn-Ackermann
  • "Ok boomer" von Golschan Ahmad Haschemi und Banafshe Hourmazdi Foto © Amelie Kahn-Ackermann

Von Jenny Mahla

Im Rahmen des Festivals „Coming of Age“ widmen sich die Sophiensaele von Mitte September bis Anfang November verschiedenen Facetten des Alterns. Einerseits angeregt von künstlerischen Arbeiten, die das Thema explizit aufgreifen, wie mir Joy Kristin Kalu als leitende Dramaturgin und Teil des kuratorischen Teams im Gespräch erzählt. Andererseits „liegt das Thema nahe, wenn wir intersektionale Überlegungen ernst nehmen und auch strukturelle Fragen des Älterwerdens in der Freien Szene mitdenken“, führt sie weiter aus. Als Spagat beschreibt sie beispielsweise die Herausforderung für Institutionen, auf der einen Seite Nachwuchsförderung betreiben und gleichzeitig nachhaltige Beziehungen zu etablierten Künstler*innen pflegen zu wollen. Die Zeitspanne einer Generation wird meist mit 25 Jahren beschrieben und so bringen die Sophiensaele diese Fragen des Älter- und Erwachsenwerdens auch als Selbstreflexion ins Programm ihres eigenen Jubiläumsjahres.

Als zweite Premiere des Festivals war „Ok boomer“ zu sehen. Die titelgebende Phrase, die zum Internet-Meme wurde und überholte Ansichten oder Aussagen der Nachkriegsgeneration zurückweist bzw. sich über sie lustig macht, trifft den Tenor des Abends ganz gut. Für die meisten Zuschauenden im Hochzeitssaal der Sophiensaele müssten die Babyboomers die eigenen Eltern sein. Auch die beiden Regisseurinnen und Performerinnen Golschan Ahmad Haschemi und Banafshe Hourmazdi, die den Abend zusammen mit der Musikerin Sara Glojnarić gestaltet haben, passen in dieses Altersschema. Somit kann man wohl die meisten Anwesenden zu der Generation Y, den Millennials zählen. Um eine Konstruktion von Zugehörigkeit ging es im Grund auch immer wieder in den knapp eineinhalb Stunden musikgefüllter Performance. Ob man die popmusikalischen Referenzen beispielsweise versteht oder eben nicht – und sich dann ein bisschen zu alt fühlt – wurde spielerisch aufgegriffen.

Als Gala gestrickt und mit entsprechenden Glitzerpailletten auf den Kostümen sowie großen, Applaus einfordernden Willkommensgesten, schlüpften die beiden Performerinnen immer wieder in unterschiedliche Rollen. Mal covern sie mit Inbrunst Charthits wie Chers „Strong Enough“. In anderen Momenten verlesen sie eine Art Handlungsanweisung und gleichzeitig zynische Analyse, wie man großartige Pop Shows kreiert und Musikgeschichte schreibt. Die Anweisung ist in Teilen auf einer PowerPoint Präsentation nachzulesen, die die Rückwand des Saals immer wieder mit der Windows 95 Standardschrift Comic Sans MS füllt. Unfreiwillige Publikumsinteraktionen, wie man sie aus ein bisschen peinlichen Shows im TV oder Theater kennt, werden ebenfalls in dieses inszenatorische Potpourri geworfen. Und so müssen wir bei interaktiven Spielen beispielsweise den Arm heben, wenn wir aufgezählte popkulturelle Phänomene wie TikTok, BTS oder Tumblr nicht kennen. Als richtig alt wird dann eine der Zuschauenden gekürt, weil sie das meiste nicht kannte und, ob der Unmöglichkeit dieser Formate, war das doch eigentlich eine Adelung. Solche humoristischen Brüche und das Vorführen absurder Situationen, mit denen wir aufgewachsen sind, machen den Abend tatsächlich zu einer unterhaltsamen Zeitreise.

Doch wenn Banafshe Hourmazdi erzählt, wie sie früher mit ihren Grundschul-Freundinnen Musikvideos der Spice Girls nachgespielt hat und es immer klar war, dass sie nur Mel B sein könne, während die anderen jedes Mal die Rollen neu unter sich verteilten – dann wird kurz aber schmerzhaft deutlich, welche rassistischen Mechanismen der Ausgrenzung ihre Kindheit aufgrund ihrer iranischen Wurzeln geprägt haben. Als nächstes sehen wir das Bild „Hamed Sinno et un de ses frères“ des iranischen Malers und Aktivisten Alireza Shojaian an die Wand projiziert. Es entstand als Reaktion auf die Verhaftung von 75 Menschen nach einem Konzert der libanesischen Band Mashrou Leila in Kairo im Herbst 2017. Das Gemälde zeigt den Frontmann von Mashrou Leila, Hamed Sinno – der, wie ich später nochmal im Internet nachlese, offen homosexuell ist und sich für LGBTQ+ Rechte einsetzt – wie er Anubis, dem altägyptische Gott der Totenriten, an die rechte Brustwarze fasst. Wir erfahren auch von Sarah Hegazi, die 2017 während des Konzerts auf den Schultern ihrer Freunde eine der Regenbogenfahnen hochhielt, dafür verhaftet sowie gefoltert wurde und sich vor einem Jahr in Kanada das Leben nahm. Das kompromisslose Einflechten dieser brutalen und komplexen Ereignisse in die bunte Gala der Popkultur, ist einerseits schmerzlich zynisch und andererseits überträgt es uns als Zuschauenden die Aufgabe, nach der Show weiter über die Geschehnisse zu recherchieren, um das Gezeigte besser zu verstehen. Im Internet abzutauchen und Nachforschungen anzustellen, können die meisten von uns Millennials ja auch ziemlich gut. Netterweise können wir genau das begleitet von einer Playlist des Abends tun, denn mittels eines QR-Codes im Programmheft lassen sich die meisten der gecoverten Songs zu Hause noch einmal nachhören.

Veröffentlicht am 24.09.2021, von Gastbeitrag in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

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Kommentare zu "Fragen der Zugehörigkeit"



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