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Bremen

REISE DURCH DIE MENSCHLICHKEIT

HUMAN – Musik- und Tanzpremiere feiert großen Erfolg in Bremen



Wilfried van Poppel und Amaya Lubeigt finden in ihrem 17. Community Dance Projekt für eine tanzende Gruppe von 12 bis 74 Jahren intensive Bilder für Sehnsüchte, das Aufbegehren und miteinander Ringen.


  • HUMAN in Bremen Foto © Claudia Beisswanger
  • HUMAN in Bremen Foto © Claudia Beisswanger
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  • HUMAN in Bremen Foto © Claudia Beisswanger

Die Unermüdlichen: schon zum 17. Mal kreieren und veranstalten Wilfried van Poppel und Amaya Lubeigt – beide zuvor Mitglieder des Bremer Tanztheaters - mit ihrem Jugend-Tanztheater De LooPERS-dance2gether ein Community Dance Projekt. Anfangs arbeiteten sie noch mit dem englischen Choreografen Royston Maldoom zusammen, der diese Bewegung mit Sir Simon Rattle und dem „Rhythm is it“-Projekt deutschlandweit bekannt gemacht und einen regelrechten Community Dance-Boom an den deutschen Schulen ausgelöst hat. Van Poppel, zunächst Assistent und Mitarbeiter von Maldoom, entwickelte schnell seine eigenen Ideen und zusammen mit Amaya Lubeigt seinen eigenen Stil für die Projekte. Auch das HUMAN-Projekt sollte zuerst von R. Maldoom choreografiert werden, der überließ die Arbeit jedoch gerne dem Bremer Choreografenpaar.

Initiator der HUMAN-Idee ist der in Fischerhude bei Bremen lebende, international tätige Komponist Helge Burggrabe, der für dieses Projekt die Musik konzipiert und komponiert hat. So entstand auf der Grundlage der 30 Artikel der UN-Menschenrechte die 13-teilige „Suite für Orchester und Percussion“ – live und klanggewaltig am Premierenabend uraufgeführt vom Bremer Kammerensemble Konsonanz, dem Pianisten John Kameel Farah und dem Hamburger Percussion Ensemble Elbtonal unter der Leitung von Julio Fernandez. Eine solch große musikalische Besetzung für eine freie Tanzproduktion ist nur durch die großzügige Unterstützung von mehreren Stiftungen, die die Arbeit von Helge Burggrabe und Wilfried van Poppel seit langem unterstützen, möglich geworden.

Die Erklärung der Menschenrechte durch die internationale Gemeinschaft der UN wurde im Jahr 1948 nach den Verheerungen des 2. Weltkrieges und der unvorstellbaren Nichtachtung der Menschenrechte durch die Nationalsozialisten sozusagen als übernationale Garantie für das Individuum formuliert und etabliert. Dass diese Rechte wie Freiheit, Gleichheit, Unversehrtheit für alle Menschen – unabhängig von Geschlecht, „Rasse“, Sprache und Religion gleichermaßen gelten, „einfach für alle da sind“ – wie eine Teilnehmerin des Projektes begeistert erzählt – ist keinesfalls eine Selbstverständlichkeit. Auch heute nicht. Umso wichtiger ist es, die Jugend mit diesen Idealen einer Gesellschaft frühzeitig und wie hier künstlerisch vertraut zu machen. „Einen Sehnsuchtskatalog“ hat der Komponist mit seiner Musik aufgeblättert, komponiert und musikalisch kommentiert. Dass dabei die Reibungen und das Konfliktpotential dieser Thematik – musikalisch zwar vorhanden – in der Inszenierung aber eher in den Hintergrund treten, mag dem der Produktion durchaus innewohnenden pädagogischen Aspekt geschuldet sein. Eine klassisch-sinfonische Musik mit folkloristischen und vielen perkussiven Elementen und z.T. sehr eingängigen Melodien unterstützt das generationenübergreifende Ensemble in seinen Tanzbildern, die sich entlang der menschlichen Grundbedürfnisse wie z.B. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, aber auch Liebe, Heimat, Schutz, Arbeit und Erholung entwickeln. Geburt und Tod bilden Anfang und Ende dieser Reise durch die Menschlichkeit.

Die meisten Teilnehmer*innen dieses Projektes sind Jugendliche, auch einige Studierende der Folkwang-Tanzausbildung sind unter ihnen. Wilfried van Poppel und Amaya Lubeigt finden für diese tanzende Gruppe von 12 bis 74 Jahren intensive Bilder: mit kleinen, filigranen Bewegungen der Arme und Hände werden Sehnsüchte ausgedrückt, mit rhythmischen Bewegungen des Oberkörpers oder dynamischen Schrittfolgen das Aufbegehren und miteinander Ringen gezeigt. Zwischendurch hätte man sich allerdings noch einige mehr tänzerisch ausgearbeitete Sequenzen für die talentierteren Teilnehmer*innen gewünscht. Schutz bietet ein aus roten Tuchbahnen geflochtenes und in die Höhe gehaltenes Haus, das durch einen imaginären Sturm ins Wanken gerät. Erinnerungen an die Naturkatastrophen wie z.B. kürzlich an der Ahr kommen in den Sinn, wenn man die schwankenden und kriechenden Menschen um ihr Überleben kämpfen sieht. Hier entsteht durch die sich immer weiter steigernde Musik eine das Publikum unmittelbar ergreifende, ja fast überwältigende Klanggewalt. Es ist enorm, zu welch intensiven Eindrücken die beiden Choreograf*innen diese so heterogene Gruppe insgesamt führen können. Dies beruht sicher auf einem sehr starken künstlerisch-pädagogischen Impuls, den das Bremer Choreografenpaar seit Jahren verfolgt.

Bei jedem Community Dance Projekt gibt es längere Workshop-Phasen in den Ferien mit täglichem Training (Modern, Zeitgenössisch und Tanztechnik) und Proben sowie Wochenendproben in der Schulzeit. Am Ende steht immer eine große Aufführung, meistens im Bremer Theater, mit dem sie schon lange kooperieren. Das HUMAN-Projekt wird demnächst noch weitere Stationen international absolvieren: als nächstes im Brüsseler Problemviertel Molenbeek, wo die beiden Choreograf*innen mit Ihrem Team das gesamte Tanzprojekt mit den dortigen Schüler*innen neu einstudieren werden, genauso wie dann in Valencia/Spanien, in Portugal und den Niederlanden. Und sogar nach Shanghai haben die beiden eine Einladung erhalten. Neben den Großprojekten gibt es auch eine Kurzform der jeweiligen Projekte, die sie an vielen Schulen international einbringen: in „5 days to dance“ vermitteln die beiden den jungen Leuten Mut, Zuversicht und Freude am Leben!

„Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“ (Albert Camus). Diese Aussage trifft sicherlich auf Wilfried van Poppel und Amaya Lubeigt zu, die mit einer bewundernswerten Geduld, mit Positivität und einer großen Energie an jedem Ort immer wieder neu beginnen, ihre Arbeit vorstellen, die jungen Menschen motivieren, aus sich selbst herauszugehen und das Tanzen und damit eine neue Erfahrung ihrer selbst zu wagen. „Geht hinaus und zeigt den Leuten, dass etwas Wunderbares in Euch steckt,“ gibt W. van Poppel ihnen nach ihrem „5 days to dance“-Workshop mit auf den Weg auf die Bühne – und sie trauen sich! Es ist mehr als ein Projekt, das die beiden Bremer Choreograf*innen da verfolgen – es ist eine Lebensaufgabe, die immer wieder neu begonnen und mit einem Lächeln auf den Lippen beendet wird.

Im Jahr 2023 zum 75-jährigen Jubiläum der UN- Menschenrechtsdeklaration kehrt das HUMAN-Projekt in internationaler Besetzung zurück nach Bremen. Das steht uns Deutschen gut an, dieses Projekt hierher zurückzuholen, denn es kann uns alle an den Wert der internationalen Gemeinschaft der Welt und an die Kraft der Menschlichkeit erinnern.

Veröffentlicht am 30.08.2021, von Renate Killmann in Homepage, Gallery, Kritiken 2021/2022

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Kommentare zu "Reise durch die Menschlichkeit"



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