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Berlin

ERFORSCHUNG DES SELBST UND DES ANDEREN

Isabelle Schad präsentiert beim Sommerfesti.val 21 Open-Air-Versionen ihrer Arbeiten in Berlin



Nach Beginn des zweiten Lockdowns hat die Berliner Choreografin Leute aus ihrem Umfeld zu morgendlichen Trainingssessions in den Humboldthain eingeladen, aus denen nun neue Performances entstanden sind.


  • Double Portrait Foto © Alex Gabbay
  • Double Portrait Foto © Alex Gabbay
  • Harvest Foto © Alex Gabbay
  • Harvest Foto © Alex Gabbay
  • Harvest Foto © Alex Gabbay
  • Training im Humboldthain Foto © Elena Basteri
  • Training im Humboldthain Foto © Elena Basteri
  • Tanzhalle Wiesenburg Foto © Isabelle Schad
  • Isabell Schad: Turning Solo 2 Foto © Alex Gabbay

Der Monte Verità ist er nicht. Aber an einem sonntäglichen Sommernachmittag könnte man den Humboldthain fast dafür halten. Die Anhöhe im Berliner Bezirk Gesundbrunnen lädt zum Verweilen ein, und auf der grünen Wiese haben sich denn auch ganz unterschiedliche Gruppen zu einer Mußestunde eingefunden. In der einen Ecke wird ein Kindergeburtstag gefeiert. In der Nähe des Sommerbads hat sich gerade eine Fahrradgruppe versammelt, während sich hinter dichtem Gebüsch eine Schar Frauen zu einer gemeinsamen Meditation niederlässt. In der Mitte des Volksparks findet sich unter dichten Baumkronen ein weniger bewachsener Platz, der wie geschaffen scheint für das, was sich Isabelle Schad nicht nur für ihr "Sommer-fest.ival" vorgenommen hat: nämlich Beziehungen herzustellen "zwischen Kultur und Natur, Innen und Außen, Selbst und Anderen".

Schon bald nach Beginn des zweiten Lockdowns hat die Berliner Choreografin Leute aus ihrem Umfeld - Tänzer, Licht- und Sounddesigner, kurz: "jeden, der wollte" - zu ihren morgendlichen Trainingssession in den Humboldthain eingeladen, der nur ein paar Schritt weit entfernt liegt von der Tanz- und Werkhalle Wiesenburg, in der sie sonst ihre künstlerischen Ambitionen auf den Punkt konzentriert. Aus der regelmäßigen, wenn auch notgedrungenen Praxis heraus, ist eine "Lebendigkeit" entstanden, die nicht bloß im Erdreich "gute Spuren" hinterlassen hat. Sie ist jedenfalls selbst dann noch zu spüren, wenn irgendwo in der Ferne die Kirchturmuhren schlagen oder über einem zwischendurch immer wieder ein Windstoß in die Blätter fährt. Auf dem Boden sitzend, ist man sozusagen Auge und Ohr – und nimmt das "Turning Solo 2" von Isabelle Schad, das in dieser Version eigentlich vielmehr ein Duo ist, ganz sinnhaft wahr.

Naïma Ferré und Jasmin Ihraç tanzen ewig drehend, als wollten sie gleich den Derwische eine Verbindung herstellen zwischen dem, „was zwischen den Himmeln und Erden ist“, wie es in einer Koran-Sure heißt. Doch ihre gegenläufige Bewegung ist einer ständigen Veränderung unterworfen. Mal streben die Arme in die lichte Höhe, mal senken sie sich. Mal bestreichen die beiden ihre Gesichter, mal bedecken sie wie geblendet von den abendlichen Sonnenstrahlen ihre Augen. Und wie von der Zentrifugalkraft getrieben, scheint sich das auch Stoffliche ihrer Erscheinung immer wieder zu verändern. Der Pullover wird zum Pollunder, das Kleid zum Segel, und wenn man die Performance zu Ende denkt, könnte man am Schluss fast meinen, als hätte nicht nur ein getanzter Kleidertausch stattgefunden, sondern in der gemeinsamen Aktion auch eine Transformation ihrer Persönlichkeit.

Die Grenzen sind jedenfalls fließend, und das ist in der "Double Portrait Installation" nicht grundsätzlich anders. Isabelle Schad hat es für Przemek Kaminski und Nir Vidan choreografiert, und beide sind damit in der Tanz- und Werkhalle Wiesenburg zu Gange, einem teilweise maroden und wild überwucherten Gebäude, das einst bis zu tausend Obdachlosen beiderlei Geschlechts Unterschlupf gewährte. In Handarbeit von Isabelle Schad und ihrem Team für ihre Zwecke hergerichtet, hat sich das Asyl inzwischen zu einem eher intimen "Zufluchtsort" für die Künste entwickelt, in dem man in aller Stille wirken kann. So bleibt der Sound von Damir Simunovic stets hintergründig. Kaum merklich ist der Wechsel der Lichtstimmungen und überaus konzentriert die Körperkunst der beiden Akteure. Klar, dass das an die frühen Stücke von Xavier LeRoy erinnert oder an die Gliederspiele von David Parsons, auch weil dieses Duo fast etwas Solistisches hat. Auf den ersten Blick lässt sich jedenfalls nicht sofort erkennen, wessen Bein sich vielleicht zwischen die des anderen schiebt. Immer wieder verschmelzen die beiden in eins, um sich dann gegenseitig beim Schopfe fassend wieder zu vereinzeln: eine Interaktion, die bei aller Heftigkeit keine Schwere kennt und bei aller Bewegtheit beinahe etwas Skulpturales hat. Kurz: eine Performance, die es in vielerlei Hinsicht in sich hat. Man muss nur lange genug hinschauen.

Veröffentlicht am 11.08.2021, von Hartmut Regitz in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

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