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Berlin

IM PARALLELUNIVERSUM

„Bruderzucker – Hidden Communications“, ein Stream von wonder & me



Katharina und Caroline Wunderlich erforschen in einem empathischen und bildhaften Abend das Schicksal ihres autistischen Bruders und begeben sich auf die Suche nach den Parallelwelten, die er sich kreiert.


  • Bruderzucker - Hidden Communications 2 Foto © wonder & me
  • Bruderzucker - Hidden Communications 3 Foto © wonder & me
  • Bruderzucker - Hidden Communications 1 Foto © wonder & me

Ihre Stücke gehen unter die Haut, und das nicht nur im übertragenen Sinne. Egal, ob es sich dabei um „Birth“ handelt, um „Eye Inside - ZwischenWelten“, „Insomnia“ oder „Breaking Dust“: bereits bei der Titelgebung macht Katharina Wunderlich erkennbar, dass sie sich nicht mit dem äußeren Erscheinungsbild des Menschseins zufriedengibt. Sie schürft tiefer, horcht in sich hinein, erspürt in sich wie in anderen immer wieder Gefühle und Grenzerfahrungen, die es zu hinterfragen gilt – und hat deshalb zusammen mit ihrer komponierenden Schwester Caroline vor drei Jahren die Company „wonder & me“ gegründet. Deren Produktionen „kreisen um die großen und kleinen Fragen“, explizit „um die Wunder und Wunden des Lebens“, wie Katharina Wunderlich so schön in einem Begleittext schreibt.

Beispielhaft ihr neuestes Projekt – ein Stream, der am 16. Juni unter dem Titel „Bruderzucker – Hidden Communications“ auf YouTube zu sehen ist. Wie im Titel angedeutet und im Nachhinein durch den Abspann bekräftigt, handelt das Stück von ihrem Bruder, der zwischendurch in kurzen Filmsequenzen als Kind wie als Erwachsener zu sehen ist. Kein gewöhnliches Kind, auch wenn es zwischendurch ganz fröhlich durch ein paar Autoreifen schlüpft. Noch weniger ein Erwachsener, der sich in die bestehenden Verhältnisse fügt. Ganz im Gegenteil. Michael ist ein Autist, er schafft sich sein eigenes Reich, das den Mitmenschen zumeist verschlossen bleibt, ein Paralleluniversum, dessen Gestensprache unergründlich scheint. Katharina Wunderlich sucht sich dennoch einzufühlen in seine Blicke, Gesten, Eigenarten, um seine Beweggründe zu begreifen – um sein Dasein, seine Persönlichkeit überhaupt zu verstehen. Immer wieder windet sie sich von der Handwurzel aus hinein in seine Gestik. Immer wieder diese flirrenden, fieberhaften Finger, die sich ganz offensichtlich mit etwas beschäftigen, das dem Außenstehenden verborgen bleibt. Viel Licht ist da nicht. Und lange wirkt die Lampe, die die Choreografin zwischen ihren Händen rollt, wie eine Zauberkugel aus einer anderen Zeit.

Katharina und Caroline Wunderlich haben „Bruderzucker“ im Delphi aufgezeichnet, ein ehemaliges Stummfilm-Theater im Ostteil Berlins. Seine versteinerte Geschichte ist selbst im Stream noch zu spüren. Das Raum hat seine Magie bewahrt, und beide Schwestern korrespondieren mit ihr auf kundige Weise: Katharina, indem sie der Annäherung an ihren Bruder einen Körper, Caroline, indem sie ihr eine Stimme gibt. Simpel ist das nie, dafür vielschichtig und suggestiv, ja manchmal sogar verstörend, weil das Widerspiel der beiden immer wieder auf Roll-up-Banner stößt, die stets das Trennende, das Einkapseln des Gegenübers sichtbar machen – selbst denn wenn sich die Köpfe oder Hände einmal nahekommen. So viel Empathie ist selten auf einer Bühne. Und weil „Bruderzucker“ auf Bildhaftes setzt, statt auf Effekte, auf stimmige Bewegungen statt auf Bravour, geht einem das Schicksal des Bruders so unter die Haut.

Premiere online (im Anschluss: Live-Gespräch mit den beiden Künstlerinnen): 16. Juni; 20:30 Uhr
Trailer: https://youtu.be/2RoJoWvvBb8
Youtube: https://youtu.be/GBujKBmCV2o
Facebook: https://fb.me/e/2nnlB4zBW

Veröffentlicht am 14.06.2021, von Hartmut Regitz in Homepage, Kritiken 2020/2021

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Kommentare zu "Im Paralleluniversum"



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