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Augsburg

ETWAS KÜNSTLICHE NÄHE GEFÄLLIG?

"Boléro" von Ricardo Fernando und "shifting_perspective" entführt in Virtual Reality



Das Staatstheater Augsburg überrascht mit zwei Choreografien, die dem Publikum via Virtual-Reality ungewohnt nahe kommen, am Ende aber unser aller Einsamkeit nur desto stärker betonen.


  • "shifting-perspectives", Ballett des Stattstheater Augsburg; Franco Ciculi Foto © Heimspiel GmbH
  • "shifting-perspectives", Ballett des Stattstheater Augsburg; Franco Ciculi Foto © Heimspiel GmbH
  • "Boléro" von Rocardo Fernando Foto © Robert Rose
  • VR-Erfahrung Foto © frontrow

Auswege sucht die Kunst bekanntlich bereits seit Monaten. Angeblich sind Kreativität ja in keiner Hinsicht Grenzen gesetzt. Doch da, wo so viele in ihren Aktivitäten in den digitalen Bereich ausweichen, gelingt nicht jedem der Anschluss. Technische Möglichkeiten können genauso Hindernisse darstellen wie finanzielle Engpässe oder schlichtweg fehlende kreative Energie, neue Wege zu gehen. Man muss das Digitale auch wollen.

Das Staatstheater Augsburg hat mit seinem Ballett unter der Leitung von Ricardo Fernando den Schritt in die virtuelle Realität gewagt und bietet dem Publikum mit "Boléro" und "shifting_perspectives" gleich zwei spannende, in den Grundansätzen unterschiedliche choreografische Arbeiten für die VR-Brille. Für erstere sind die Tänzerinnen und Tänzer des Ensembles einzeln per green screen-Verfahren gefilmt und anschließend in ein virtuelles, sich immer wieder veränderndes Bühnenbild eingefügt worden. Was hier wie eine klassische Bühnenperspektive beginnt, in der die Tänzer*innen einzeln in sechs neben- und übereinander angeordneten Boxen agieren, geht völlig entspannt ins Spielerische über, wenn die Boxen sich in den dreidimensionalen Raum hinein bewegen, kippen oder sich ganz auflösen. Dabei erlaubt es die Technik, die Tänzerinnen und Tänzer beliebig zu duplizieren, farblich zu verfremden oder mit einer Geschwindigkeit durch den Raum zu katapultieren, die physikalisch undenkbar wäre. Hier wird der Reiz der Rundum-Perspektive schrittweise ausgebaut, sodass den Zuschauenden die Gelegenheit gegeben wird, die technischen Machbarkeiten im Detail aufzunehmen und sich so langsam durch den sich erweiternden virtuellen Raum zu bewegen. Die dramaturgische Steigerung von Maurice Ravels Komposition erlaubt hier eine Umsetzung entsprechender Bilder, die sich in vergleichbarer Weise schrittweise überbieten.

Mit dieser kurzen Arbeit wird definitiv deutlich, welche künstlerischen Welten im Virtuellen potenziell offen liegen. Es gibt quasi nichts, das es nicht geben kann. Tänzer*innen müssen für ein solches Produkt zu keinem Zeitpunkt am gleichen Ort sein. Es braucht 'nur' Ideen und Rechenleistung, und der*die Zuschauende befinden sich in einem Bild gewordenen Gedanken. Allerdings eben ganz allein. Neben ihm*ihr gibt es kein weiteres Publikum.

Das ist auch die Besonderheit bei der zweiten Arbeit "shifting_perspective" mit Musik von Robin Rimbaud alias Scanner, bei der der reale Bühnenraum des Staatstheaters mittels einer 360°-Kamera aufgenommen wurde. Der*die Zuschauer*in steht in der Mitte dieser zwar tatsächlich irgendwo realen Bühne, die aber eben in jenem Moment keine wirkliche ist. An den Seiten Lichtgassen, unten der dunkle Tanzboden mit vereinzelten Markierungen, oben der Schnürboden mit weiteren Scheinwerfern. Ein großer, leerer Raum. Der Spaß an der Sache, das sich Drehen um die eigene Achse, ist allerdings etwas gewöhnungsbedürftig, bedenkt man, dass man seine Rolle als Zuschauer*in nur ablegen kann, indem man die VR-Brille ablegt. Die Bühne verlassen kann man nicht. Das bedeutet, dass man sich nolens volens den Annäherungsversuchen der einzelnen Tänzer*innen ausgesetzt sieht, die tatsächlich sehr nahe kommen. Und dank digitaler Vervielfältigung und Überblendung entstehen viele überraschende Momente. Der damit erzielte Effekt ist immens. Es gibt in der Regel kaum choreografische Ansätze, die eine derartige räumliche Nähe zwischen Tänzer*innen und Zuschauer*innen vorsehen oder zulassen. Das bedeutet eine ungewöhnlich intime Kommunikation, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Dafür garantiert auch die Tatsache, dass sich jeweils maximal zwei Tänzer*innen gleichzeitig auf der Bühne befinden. Ensembleszenen wie in "Boléro" hätten hier eine ganz andere Wirkung. Besonders in einer Zeit der bekanntlich starken Beschränkung sozialer Kontakte wird damit auf eindringliche Weise deutlich, was die Rezeption von Kunst und Kultur eigentlich mit uns machen kann. Sie erinnert uns immer wieder daran, wer wir sind und was uns als Menschen, aber eben auch als Individuen ausmacht.

Neulingen auf dem Gebiet der VR seien zwei Ratschläge mit auf den Weg gegeben: Räumen Sie im Vorfeld Möbelstücke aus dem Weg, die sich als Stolperfallen entpuppen könnten und bringen Sie auch die geliebte Ming-Vase in Sicherheit! Sie werden es nicht bereuen!

Zum anderen möge man während der Vorstellung nicht in die linke obere Ecke schauen. Mit dieser Bewegung steuert man die Brille und gelangt damit zurück ins Hauptmenü. Und den kürzesten Weg direkt nach Hause zu nehmen war noch nie eine gute Idee. Ihr Wohnzimmer kennen Sie schließlich inzwischen in jedem Detail, oder?


Das virtuelle Angebot des Staatstheaters Augsburg kann man hier bestellen:
https://staatstheater-augsburg.de/vr_theater_at_home

Veröffentlicht am 12.02.2021, von Rico Stehfest in Homepage, Kritiken 2020/2021

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Kommentare zu "Etwas künstliche Nähe gefällig?"



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