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Mannheim

DIE DIVA VON GESTERN

Zur neuen Tanzpremiere „Dorian“ von Felix Landerer im Nationaltheater Mannheim



Ein neues Kultstück? Dafür hat der Choreograf und ehemalige Schützling des Tanzdirektors Stephan Thoss allein schon die theoretische Messlatte zu hoch gehängt – untersucht wird das Spannungsfeld zwischen Künstler, Kunstwerk und Rezipient.


  • Tanzpremiere „Dorian“ von Felix Landerer im Nationaltheater Mannheim: Emma Kate Tilson, Ensemble Foto © Hans Jörg Michel
  • Tanzpremiere „Dorian“ von Felix Landerer im Nationaltheater Mannheim: Emma Kate Tilson Foto © Hans Jörg Michel
  • Tanzpremiere „Dorian“ von Felix Landerer im Nationaltheater Mannheim: Lorenzo Angelini Foto © Hans Jörg Michel

Sallys vorgespielter Orgasmus – ungeniert mitten im Restaurant – machte „Harry und Sally“ zum Kultfilm. Saori Ando, Mitglied des achtzehnköpfigen Mannheimer Tanzensembles, spielt im neuen Tanzstück „Dorian“ ebenfalls erotische Erfüllung vor, allerdings in einem ganz anderen Zusammenhang. Die Tänzerin erledigt ihre Aufgabe mit Bravour, doch das Zeug zum neuen Kultstück hat die neue Produktion des Mannheimer Nationaltheaters vermutlich nicht. Dafür hat Choreograf Felix Landerer allein schon die theoretische Messlatte zu hoch gehängt – so hoch, dass sich im Gegenzug auch eine beträchtliche Fallhöhe ergibt.

Landerer gehört zu den ehemaligen Schützlingen, die der Mannheimer Tanzdirektor Stephan Thoss beharrlich fördert. Der gebürtige Hannoveraner war jahrelang Teil der von Thoss geleiteten Ensembles in Kiel und Hannover; inzwischen lebt er als freier Choreograf in seiner Heimatstadt. Thoss hatte Landerer schon einmal mit einem kurzen Stück Männer-Stück im Nationaltheater präsentiert, jetzt hat er seinem ehemaligen Tänzer eine abendfüllende Aufführung anvertraut.

Der Choreograf hat mit „Dorian“ ein Stück kreiert, das natürlich an den Oscar Wildes Skandal-Roman „Das Bildnis des Dorian Grey“ anspielt. Aber ein simples Handlungsballett wollte er dann doch nicht abliefern, also hat er sich einen großen theoretischen Überbau vorgenommen: das Spannungsfeld zwischen Kunst und Künstler, Kunstwerk und Rezipient. Weil das alles zwar ernst genommen wird, aber als Satire daherkommt, dürfen Oscar Wildes provokante Bonmots, die dem Roman vorangestellt sind, als Stichwortgeber fungieren.

Landerer hat das Geschehen kurzerhand in die überhitzte Szenerie des zeitgenössischen Kunstbetriebes verlegt. Der Besetzungszettel vermengt reale und abstrakte Rollen (eine Museumsführerin, zwei Museumswächter und eine Horde von Followern) mit symbolischen Figuren (eine Diva, einen "Künstler Laut" und „THEMANYOUMAYNOTKNOW“) und abstrakten Themenbesetzungen. Andrew Right ist eine exzentrische, aber wenig konsistente „Meinung“ und auf Jamal Callender lastet die ganze Herausforderung der „kritischen Masse“. So sitzt er meistens in Denkerpose starr auf einer Bank, nur einmal darf er schnell ein Getränk zischen und hat einen vollendeten Bühnenabgang ins Nichts (Satire!).

Keine Angst vor der großen Bühne im Opernhaus – im Gegenteil: Die Vorbühne ist auch noch ins überdimensionierte Bühnenbild (Till Kuhnert) einbezogen und rückt so nah ans Publikum wie möglich. Es gibt keinen Vorhang, und auch keinen rechten Anfang – denn das Publikum soll sich, noch bei Saal-Beleuchtung, so fühlen wie bei einer Vernissage im Museum. Bühnenhohe Bilderrahmen säumen die Bühne, die statt der Bilder dunkle Projektionsflächen umranden. Auf einem kleinen Podest stehen die Mikros bereit, und Alexandra Chloe Samion als Kuratorin mimt schon mal die Sprechprobe. Sie hat viel, zu viel zu sagen an diesem Abend, in kultiviert hochgestochenem Englisch, das den intellektuellen Überbau des Ausstellungsbetriebes karikieren soll. Aber es ist eines der Probleme dieses 90minütigen Abends, dass die Sprache mehr Gewicht hat als der Tanz. Daran ändert auch der passende Soundtrack von Christof Littmann nichts.

Alles dreht sich um die Diva. Ihr ist die gefeierte Videoinstallation gewidmet, auf der ihre stufenförmig gebauschten Röcke (Pink in allen Variationen) die Hauptrolle spielen; die blonde Marylin-Monroe-Madonna-Perücke kennzeichnet den Star. Emma Kate Tilson stemmt diese Rolle mit vielen bewundernswerten Verwindungen am Boden, aber das Kostüm meint es nicht gut mit ihr. Denn das stufige Kleid wirkt ein bisschen plüschig – und hat so gar nichts von den Outfits, mit denen heutige Pop-Diven ihre Follower in erotische Verzückung treiben. Bühnenbildner Min Li hat, wenn man so will, abstrakte Kostümklischees für alle entworfen.

Die Gruppe der Follower, wird angeführt von drei Damen, die ihrem Vorbild zumindest in Sachen Perücke nacheifern. Eine skandierte Gruppenekstase („I like it“) mündet, als die „Kritische Masse“ ins Spiel kommt, in eine ausgelassene Sexorgie. Die Kleidungsstücke fliegen, die Körper hämmern, und am Ende ist der Katzenjammer groß. Keine Chance für „THEMANYOUMAYNOTKNOW“ auf die Aufmerksamkeit der MuseumsbesucherInnen; der „Künstler Laut“ (Joris Bergmans) darf zumindest mit bravourösen Auftritten beim Publikum punkten. Das zeigte sich amüsiert, beklatschte die TänzerInnen und bedachte den Choreografen und sein Team mit Applaus und nur wenigen leisen Pfiffen.

Veröffentlicht am 18.11.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

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