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Bremen

DIE MOLEKÜLE SPIELEN VERRÜCKT

"Hiatus" von Helder Seabra/Unusual Symptoms am Theater Bremen



Mit der neuen Leitung der Bremer Tanztheater-Sparte gibt es öfter Arbeiten von GastchoreografInnen zu sehen. Den Anfang macht der aus Portugal stammende Tänzer, Performer und Choreograf Helder Seabra mit "Hiatus".


  • "Hiatus" von Helder Seabra/Unusual Symptoms Foto © Jörg Landsberg
  • "Hiatus" von Helder Seabra/Unusual Symptoms Foto © Jörg Landsberg
  • "Hiatus" von Helder Seabra/Unusual Symptoms Foto © Jörg Landsberg
  • "Hiatus" von Helder Seabra/Unusual Symptoms Foto © Jörg Landsberg
  • "Hiatus" von Helder Seabra/Unusual Symptoms Foto © Jörg Landsberg
  • "Hiatus" von Helder Seabra/Unusual Symptoms Foto © Jörg Landsberg
  • "Hiatus" von Helder Seabra/Unusual Symptoms Foto © Jörg Landsberg

Was sind die Kräfte, die uns immer wieder ins Taumeln bringen, fragt sich Seabra in seiner ersten Arbeit für die neuformierte Kompanie Unusual Symptoms. Dabei erkundet er in "Hiatus" - mit großem körperlichen Energieaufwand und in einem Zusammenspiel von Tanz, Schauspiel und der Musik des belgischen Multiinstrumentalisten Stijn Vanmarsenille - die Zwischenräume im Übergang von einer gewohnten Ordnung in die nächste.

Stabilität und Zerfall zeigen sich nicht nur in der Choreografie, sondern auch in der Bewegungssprache der Kompaniemitglieder Gabrio Gabrielli, Ulrike Reinbott, Nóra Hórvath, Alexandra Llorens, Diego de la Rosa, Andor Rusu und Young-Won Son. Mal ist sie roboterhaft, mal komplett entfesselt, mal fließend, mal hart, und dann wieder rhythmisch geleitet von der Musik. Auch Sprache und der Atemrhythmus werden zum Ordnen eingesetzt und die Gruppenchoreografien scheinen beinahe spontan aus den vielen unterschiedlichen Solos, Duos, Trios zu entstehen. Das wirkt sehr organisch, wie die Bewegungen von Atomen, die sich immer wieder neu zu Molekülen zusammenfinden.

Bei alledem gehen die vier Tänzerinnen und drei Tänzer zum einheizenden Elektrosound augenscheinlich an ihre körperlichen Grenzen, während der belgische Schauspieler Michai Geyzen vor allem akustische und szenische Kontrapunkte um die Thematik von Ordnung, Chaos und Freiheit setzt. Auch wenn das interessante Bilder ergibt, verliert das rund 70 Minuten dauernde Stück doch zunehmend an Spannung. Viele Sequenzen sind einfach zu lang und reizen sich damit thematisch wie auch ästhetisch aus: Das monotone, lineare Laufen, wie auf einem imaginären Schachfeld; das scheinbar unaufhörliche Gehen auf einen Fixpunkt zu, um dann wie eine Figur aus der Linie zu kippen; ein nicht enden wollender, wilder „Schütteltanz".

Bremens Tanztheater-Sparte wurde seit der Spielzeit 2012/13 von Samir Akika geleitet und zeigte hiesigen Tanzfans eine neue, verspielte und ideenreiche Welt des zeitgenössischen Tanzes. Seit der Spielzeit 2018/19 ist er auf eigenen Wunsch nun Hauschoreograf. Mit nur einer statt drei Produktionen pro Spielzeit, kann Akika nun wieder verstärkt frei arbeiten. So entstand zum Beispiel im letzten Sommer, zusammen mit dem Tanzkollektiv La Macana aus Galizien, „Pink Unicorns", das Anfang September 2018 im Pumpenhaus Münster Uraufführung hatte.

Sein Amt der Leitung der Bremer Tanzsparte liegt nun in den Händen von Alexandra Morales, mit der er 2009 das Label Unusual Symptoms gründete, und Gregor Runge, der bisher u.a. als Dramaturg am Bremer Theater beschäftigt war. Ankerpunkt oder Herzstück der Arbeit soll das achtköpfige Ensemble sein, in dem es neben fünf „alten" TänzerInnen nun drei Neue gibt. „Wir wollen zurück zu den Spirits der Unusual Symptoms“, sagt Morales. Und Runge fügt hinzu, dass die Bremer Tanzsparte keinen hermetisch abgeschlossenen „Tanz-Nudismus“ betreiben wolle, sondern eine Kompanie zeige, mit Menschen unterschiedlicher Hintergründe. Beide betonen, dass sie die Handschrift der Unusual Symptoms nicht verändern wollen. Das Publikum solle Arbeiten sehen, mit denen es sich identifizieren kann.

An welches Publikum haben sie dabei gedacht? Nach der Premiere von „Hiatus„ steht ein junges Paar am Ausgang und wirft sich ein langgezogenes „Voll geil!“ zu. Diese Begeisterung hat sich im Premierenapplaus weniger gezeigt. Für manch andere ZuschauerInnen wird irgendwann ermüdend, dabei zuzuschauen, wie sich ein Ensemble in die Erschöpfung tanzt - wie in einer überlangen Disconacht.

Veröffentlicht am 11.11.2018, von Martina Burandt in Homepage, Kritiken 2018/2019

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