HOMEPAGE



Dresden

ORT DER UTOPIEN

Ende der langjährigen Reihe der freien Szene Dresdens „Linie 08“



Viel Sehenswertes war am letzten Abend der unkuratierten Reihe "Linie 08" im Festspielhaus Hellerau zu erleben. Unter der neuen Intendanz wird sie so nicht mehr weitergeführt. Die Künstler sind im Haus trotzdem weiterhin gern gesehen.


  • Letzter Abend der "Linie 08" in Dresden-Hellerau: Anna Tills Solo „Lost in creation #4“ Foto © Peter Fiebig
  • Letzter Abend der "Linie 08" in Dresden-Hellerau: „variations on_Mary“ der guts company Foto © Peter Fiebig
  • Letzter Abend der "Linie 08" in Dresden-Hellerau: "Whispering Widows" von Yamile Navarro Foto © Peter Fiebig
  • Letzter Abend der "Linie 08" in Dresden-Hellerau: „Alltagsarsenale“ von Franziska Kusebauch Foto © Peter Fiebig

Irgendwie hatte es etwas symbolhaftes, als Bettina Lehmann vom Tanznetz Dresden, dem losen Zusammenschluss vieler freier Tänzerinnen und Choreografen der Stadt, in einem Grußwort die letzte Veranstaltung der Reihe „Linie 08“ begleiten wollte. Ihr Mikrofon setzte immer wieder aus. Böse formuliert könnte man meinen, der freien Szene wird hier die Stimme genommen. Ein bisschen ist es auch so, wenn dahinter auch keine böse Absicht stehen mag.

Nach fast acht Jahren und 131 Produktionen, von denen in der Regel mehrere kurze Arbeiten für einen Abend zusammengefasst wurden, hat die Veranstaltungsreihe ihr Ende gefunden. André Schallenberg, Programmleitung Theater und Tanz am Festspielhaus Hellerau, hob die Bedeutung der Reihe für die Szene hervor, die bis dato Leistungen hervorgebracht habe, aus denen fortan geschöpft werden könne. Die freie Szene soll zukünftig mit abendfüllenden Arbeiten im Haus vertreten sein. Es wird sich zeigen, inwiefern die beteiligten Künstler dann handverlesen sein werden oder ob das Spektrum weiterhin abgebildet werden wird.

Der letzte „Linie 08“-Abend brachte nicht nur Performances. Videos und eine audiovisuelle Installation zeigten performative Möglichkeiten mit unterschiedlichen Mitteln. Die Möglichkeiten im Ausdruck waren auch gleich in der ersten Performance, einer „interaktiven Luftinstallation“ mit dem Titel „Alltagsarsenale“ von Franziska Kusebauch Thema. Wo der Text im Programmheft eine abgehobene Nummer mit „schwebendem Zuschauerraum“ andeutete, erlebte das Publikum schlicht und ergreifend eine äußerst beeindruckende Nummer am Vertikaltuch.

In „Rumichaca Vol. 2“ tanzte Yamile Navarro die Makarena, während sich Jule Oeft in einem Bad Popcorn rekeln durfte. Diese fortdauernde Auseinandersetzung mit kulturellen Begegnungen zwischen Deutschland und Kolumbien hat viel an Gesten zu bieten, die sich aber nicht in jedem Moment dem Publikum erschließen.

Auf alle an diesem Abend gezeigten Arbeiten einzugehen, würde den Rahmen sprengen. In jedem Fall erwähnenswert ist aber die Arbeit „variations on_Mary“ der guts company. In und um ein beeindruckendes Gebilde aus gerahmten Leinwänden, die später als Projektionsfläche für ein Video dienen, hinterfragen Josefine Wohsalo und Romy Schwarzer überliefertes Bewegungsmaterial der Choreografin Mary Wigman (1886-1973), die in Dresden noch heute einen bedeutenden Namen hat. Grundlage waren hier Teile der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 1936, an der Wigman choreografisch beteiligt gewesen war. Die Überdehnung, Streckung und Verzerrung der Bewegungen bildet einen schlüssigen Kommentar in der Auseinandersetzung mit Tanzerbe.

Den Abschluss bildete Anna Tills Solo „Lost in creation #4“, das sie in der ursprünglichen Variante gemeinsam mit Martina Francone im Duo entwickelt hatte. Das Themenfeld Aliens, Weltall und dessen
Erforschung ist hier auf die Eingangsszene reduziert worden, das ein merkwürdig geformtes Wesen zeigt. Anna Till robbt in schalem Licht über die große Bühne des Festspielhauses, indem sie ihre Beine über Kopf gelegt hat und damit ihren blanken Rücken präsentiert. Durch das unzureichende Licht entsteht nicht nur eine Atmosphäre des Unheimlichen. Das Wesen, das man sieht, ist schlichtweg kein menschlicher Körper mehr. Aus dem Off klingen unterkühlte Präsentationen der NASA, ähnlich einer Pressekonferenz. Am Ende heißt es dann, die Wissenschaft hätte bislang keine Belege für Leben „da draußen“. Komischerweise sind ja aber wir alle „da draußen“. Und die Vielfalt dieses Lebens, die bunte Mischung, wurde hier geradezu friedlich demonstriert.

Veröffentlicht am 22.10.2018, von Rico Stehfest in Homepage, Gallery, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 754 mal angesehen.



Kommentare zu "Ort der Utopien"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    AUS DER EIGENEN ZEIT NEU GEDACHT

    Schubert-Zenders "Winterreise" in Münster
    Veröffentlicht am 20.01.2019, von Marieluise Jeitschko


    DIE KRAFT DER INDIVIDUALITÄT

    "Début" von Jenny Beyer auf Kampnagel in Hamburg
    Veröffentlicht am 20.01.2019, von Annette Bopp


    ZU VIELE BÄUME, ZU WENIG WALD

    "Der Zauberberg" als Tanztheater in Lüneburg
    Veröffentlicht am 20.01.2019, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    METROPOLIS - FUTUR DREI

    Tanzabend von Tarek Assam | Musik von 48nord

    Die Tanzcompagnie Gießen begibt sich in ihrem neuen Tanzabend auf eine ungewöhnliche Zeitreise. Inspiriert vom Science-Fiction-Klassiker "Metropolis" aus dem Jahr 1927 reflektiert sie eine vergangene, eine heutige und eine vielleicht zu erwartende Vision von Zukunft.

    Veröffentlicht am 18.01.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DEM RUF GEFOLGT

    Der Tänzer und Choreograf Georg Reischl wird ab der Saison 2019/2020 Chefchoreograf am Theater Regensburg

    Veröffentlicht am 17.01.2019, von Pressetext


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper

    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    OHNE SEELE UND GEIST KEINE KUNST

    Wiederaufnahme von John Neumeiers "Kameliendame" am Bayerischen Staatsballett

    Veröffentlicht am 14.01.2019, von Karl-Peter Fürst


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    SAVE THE DATE!

    Münchner Tanzbiennale DANCE findet vom 16. bis 26. Mai 2019 statt

    Veröffentlicht am 18.01.2019, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP