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München

DIE PARALLELWELT CAMP

Die Tanzperformance „Waignedeh / Morgen“ in den Münchner Kammerspielen



Der tschadische Tänzer und Choreograf Taigué Ahmed bringt mit „Waignedeh / Morgen“ eine spannende und ziemlich überladene Performance nach München.


  • "Waignedeh / Morgen" von Taigué Ahmed an den Kammerspielen Foto © Katja Illner
  • "Waignedeh / Morgen" von Taigué Ahmed an den Kammerspielen Foto © Katja Illner
  • "Waignedeh / Morgen" von Taigué Ahmed an den Kammerspielen Foto © Katja Illner
  • "Waignedeh / Morgen" von Taigué Ahmed an den Kammerspielen Foto © Katja Illner
  • "Waignedeh / Morgen" von Taigué Ahmed an den Kammerspielen Foto © Katja Illner
  • "Waignedeh / Morgen" von Taigué Ahmed an den Kammerspielen Foto © Katja Illner
  • "Waignedeh / Morgen" von Taigué Ahmed an den Kammerspielen Foto © Katja Illner

Ohne Afrika geht im Tanz nichts mehr. Das vergangene Theater- und Tanzfestival SPIELART ist das beste Beispiel. Dass der afrikanische Tanz so im Bewusstsein angekommen und von großem Interesse ist, mag an der Arbeit der Kulturstiftung des Bundes und seinem 2012 gegründeten Fonds TURN liegen. Dieser fördert künstlerische Kooperationen zwischen Deutschland und afrikanischen Ländern. Unter anderem die aktuelle Arbeit von Taigué Ahmed. Der Tänzer und Choreograf wurde im Tschad geboren und tanzte am dortigen National Ballett traditionelle Tänze. Den Zeitgenössischen Tanz entdeckte er 2003 und gibt seit 2005 mit seiner Organisation Ndam Se Na in tschadischen Flüchtlingsunterkünften Tanzworkshops. In „Waignedeh / Morgen“ widmet er sich laut Münchner Feuilleton „diesem Ort des Wartens und dem Gefühl des Stillstands“ in der Parallelwelt dieser Camps und reflektiert so seine Arbeit der letzten Jahre.

Die fünf Tänzer aus Taigué Ahmeds Kreis – Dakanga Hervé, Mintya Charly, Mahmat Saleh Koumbo, Djedonang Aimé und Jamal Noudjingar Theodore – recherchierten eine Woche lang in den Flüchtlingscamps im Tschad und hörten sich die Ängste und Sorgen der Geflüchteten an. Die performativ-tänzerische Übersetzung der gesammelten Erfahrungen und Emotionen brachten sie nun mit traditionellen und urbanen Tanzstilen auf die Bühne.

Und auf der stehen zu Beginn bedrohlich aussehende Figuren. In ihren Gewändern aus Leinen und der futuristischen Sandschutz-Kopfbedeckung erinnern sie sogar ein bisschen an Aliens. Doch ist ihnen das Kostüm auch ein Schutz. Zu den Kompositionen von Benno Heisel rutschen sie über den Boden, bis die Gewänder fallen und die luftige Kleidung darunter offenlegen. Die tollen Kostüme von Veronika Schneider sind allesamt im Subtilen fehlerhaft; da ein Ärmel zu kurz, dort ein T-Shirt hinten zu lang, hier der Hosensaum kaputt. In Pastelltönen erinnern sie an Schlafanzüge und ausgegilbten Stoff. Eben an das, was aus der Kleiderspende in die Camps kommt. Und als Geflüchteter ist man darauf angewiesen und nimmt, was man bekommt. Oder lebt, wo man eben hingesetzt wird. In provisorischen Unterkünften, die nur das Nötigste bieten. In „Waignedeh“ durch orangefarbene Plastikplanen dargestellt, die ihre Hütte, ihre Privatsphäre sind.

Mittlerweile ist das Leben in den tschadischen Flüchtlingscamps besser als an den Orten, von denen viele ursprünglich geflüchtet sind. Es sind bereits eigene kleine Dörfer geworden, doch an der grundlegenden Situation für die Bewohner hat sich nichts geändert: Sie sind und bleiben Geflüchtete. „Das Stück, so hoffen wir, vermittelt ein Verständnis von einem Ort“, sagt Dramaturgin Sarah Israel. Die Tänzer zeigen das Camp als einen Ort der Machtkämpfe, wo sich einer als Alpha erweist. Doch auch Gruppenbildungen und Zusammenhalt gibt es. Genauso wie das Bitten um etwas, das Sich-Vor-Drängeln, das gegenseitige Hilfeleisten. Alles performt durch klare Bewegungen und Tableaus. Fast gezügelt wirken die repetitiven Bewegungen manchmal. Es scheint, als ob die Tänzer ihre Energie zurückhalten müssten, um dem reduzierten Ausdrucksstil der Performance gerecht zu werden. Doch geht die Deutlichkeit durch zu viele aneinandergereihte Situationen leider ein wenig verloren. In diesem großen Konstrukt des künstlerisch-dokumentarischen Tanzes kann sich der Zuschauer auch verlieren. Bis man volle Breitseite wieder reingesogen wird. Dann wenn die Tänzer nacheinander und durchdringend ein bekanntes, zentralafrikanisches Volkslied singen und abwechselnd in ihrem eigenen Stil dazu tanzen.

Nach der ersten Applausrunde setzt nochmals Musik an und die Fünf tanzen nun ausgelassen und dynamisch zu traditioneller afrikanischer Musik. Das bricht vollkommen mit dem davor Gesehenen. Das Publikum geht mit, ist gefesselt von den Bewegungen und der Lebensfreude, die dort auf der Bühne herrschen. Diese Zugabe steht im Gegensatz zur eigentlichen Performance, in der etwas ganz Anderes verhandelt wird. Doch wie schon bei Alain Platels „Coup Fatal“ wird das Klischee des afrikanischen Tanzes am meisten gefeiert – mit ihm aber auch am besten die Verbindung zum Publikum aufgebaut.

Aktuell ist das Interesse am afrikanischen Tanz groß. Ja, an der Black History im weitesten Sinn, was auch klar ist, wenn man sich mal in der Weltgeschichte umsieht. Seit etwa einer Woche schießt Multitalent und Ausnahmekünstler Donald Glover alias Childish Gambino mit seinem Musikvideo zu „This Is America“ durch die Decke. Darin kreidet er die Liebe Amerikas zur Waffengewalt an. Wie? Indem er als Minstrel Jim Crow interpretiert werden kann, Menschen erschießt und sich dann durch eine verlassene Warenhalle in den verschiedensten afrikanischen Tanzstilen bewegt; während im Hintergrund fast unbemerkt die tragischste Gewalt geschieht. Das Entertainment überschattet die Wahrheit und lenkt vor allem davon ab. Ähnlich ist es mit „Waignedeh / Morgen“. Durch das Entertainment in der Zugabe wird der Verhandlung des eigentlich politisch Wichtigen ein bisschen Wind aus den Segeln genommen.

Veröffentlicht am 15.05.2018, von Natalie Broschat in Homepage, Kritiken 2017/2018

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