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Weil am Rhein

DESIGN FÜR DAS TANZBEIN

Die Ausstellung „Night Fever – Design und Clubkultur 1960 - heute“ im Vitra Design Museum



In Weil am Rhein zeigt eine Ausstellung die Innen- und Außenarchitektur weltbekannter Clubs. Licht, Musik und Kunst sind ebenfalls vorhanden, nur Tanz und Performance kommen ein bisschen zu kurz.


  • "Night Fever" im Vitra Design Museum Foto © Mark Niedermann
  • Licht- und Musikinstallation von Grcic und Singer bei "Night Fever" im Vitra Design Museum Foto © Mark Niedermann
  • Tanzfläche in der Paradise Garage, New York, 1978 Foto © Bill Bernstein
  • Tanzfläche im Xenon, New York, 1979 Foto © Bill Bernstein
  • Gäste im Studio 54, New York, 1979 Foto © Bill Bernstein
  • DJ Larry Levan in der Paradise Garage, New York, 1979 Foto © Bill Bernstein
  • Chen Wei, "In The Waves #1", 2013 Foto © Chen Wei
  • Diskomode bei "Night Fever" im Vitra Design Museum Foto © Mark Niedermann
  • Soundsystem Despacio, New Century Hall, Manchester International Festival, Juli 2013 Foto © Rod Lewis
  • Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein Foto © Thomas Dix

Diskos und Tanz gehören zusammen wie Pech und Schwefel. Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein hat sich natürlich auf den Designaspekt dieser nächtlichen Partyparadiese konzentriert. In der Ausstellung „Night Fever – Design und Clubkultur 1960 - heute“ werden in vier Sälen die künstlerisch-architektonischen Besonderheiten weltberühmter Clubs exponiert. Obwohl es die fehlende Dokumentation schwierig machte, die Diskodesigns adäquat aufzuzeigen, hat es das Vitra geschafft, mithilfe von Postern, alten Zeitungsartikeln, einer soghaften Musik- und Lichtinstallation sowie etlichen Fotos eine glitzernde und bunte Ausstellung auf die Beine zu stellen. Sie beginnt bei italienischen Clubs der 1960er Jahre und endet, wie könnte es auch anders sein, bei einem imposanten Modell vom Berghain; dem Club, der in einem ehemaligen Heizkraftwerk in Berlin entstand. Dazwischen gibt es das Studio 54 (New York), die Bar 25 (Berlin), das Ministry of Sound (London) und ganz viel Musik.

Nachdem Saal 1 die Clubanfänge in Italien erklärt, taucht man in Saal 2 sofort in eine grandiose Installation, die die BesucherInnen ab der Hüfte aufwärts umschließt. Darin kann man nicht nur über von der Decke baumelnde Kopfhörer vier verschiedene Playlists zu den Musikstilen Pre-Disco, Disco, House und Techno genießen, sondern auch pulsierendes Diskolicht erfahren. Durch gespiegelte und in geometrischen Bahnen ins Unendliche verlaufende Lichtblitze verliert man sich beim Zuhören und Tanzen in diesem Raum, dieser kleinen Diskowelt. Erschaffen von den Designern Konstantin Grcic und Matthias Singer zeigt diese Installation eindrucksvoll, wie Musik und der DJ als Künstler den durchdesignten Diskotheken musikalisch-bewegtes Leben einhauch(t)en.

Wirklich energetisch ist die Ausstellung „Night Fever“, wenn John Travolta in Saal 3 in Dauerschleife auf einem riesigen Bildschirm tanzt. Mit ihm erwacht die Disko vollends zum Leben; der Club, das Interieur, das Licht, die Musik und die Bewegung verschmelzen zu einem wunderbaren großen Ganzen. Der legendäre Film „Saturday Night Fever“ (1977) markiert nicht nur den kommerziellen Höhepunkt der Disko allgemein, sondern ist auch Namensgeber und dynamisches Zentrum dieser Ausstellung, die, bis auf diese Installation, ziemlich statisch ist.

Das spannende Diskotreiben, vor allem das des Studio 54 (1977 bis 1979), ist auf den durchdringenden Fotografien von Bill Bernstein festgehalten. Ihm und seiner Arbeit wurde erst Ende 2016 im New Yorker Sex Museum eine Ausstellung mit dem Titel „Night Fever: New York Disco 1977–1979, The Bill Bernstein Photographs“ gewidmet. Und Bernstein bekam wirklich alle Nachteulen und Drogenköpfe des Studio 54 vor seine Linse. Er dokumentierte Gäste, Eskapaden und Partyperformances an diesen besonderen Orten, in diesen befreiten und befreienden Räumen. „Einen Ort zu haben, an den jeder, unabhängig von seiner Hautfarbe oder sexuellen Orientierung gehen konnte, um einfach feiern und tanzen zu können, war einzigartig. Das war schon eine ganz besondere Zeit“, sagte Bernstein gegenüber dem i-D-Magazin (Vice) bezüglich seiner eigenen Ausstellung.

Disko ist mit einer Gegenkultur und Anderssein verbunden, oft im Performativen zur Schau gestellt. Performances gab es zur Diskozeit Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre in New York sehr viele. Das Voguing kam auf und die (Selbst-)Darstellung wurde immer wichtiger. Die Miteinbeziehung dieser wörtlichen wie tatsächlichen Bewegungen hätte dem „Night Fever“ im Vitra noch das i-Tüpfelchen aufgesetzt. Das große Ganze und die richtige Mischung von Allem, nicht allein die schicken Möbel, machen ja einen grandiosen Clubbesuch aus. Und Tanzen ist für einen unvergesslichen Diskoabend genauso wichtig. Die Struktur des Diskotanzes hat der chinesische Künstler Chen Wei eindrucksvoll in seinen Fotoarbeiten untersucht. Im Vitra Design Museum ist „In The Waves #1“ (2013) in Saal 4 ausgestellt. Es ist keine zufällige Momentaufnahme eines ausgelassen tanzenden Partypublikums, sondern eine nachgestellte Szene und offenbart mit dem Wissen darüber sehr deutlich das immer gleiche Diskosystem und die oft ähnlichen Formationen der dort herrschenden Bewegungen.

Obwohl es der Ausstellung „Night Fever“ um „Design und Clubkultur 1960 - heute“ geht, fehlt etwas. Auch wenn Diskos und Clubs wunderschön designt sind und als Hochöfen des Eskapismus gelten, müssen sie doch immer gefüllt werden. Die Limitation auf Design scheint bei diesem Thema nicht unbedingt das Richtige. Aus dem Programmtext: „Viele Clubs waren Gesamtkunstwerke, bei denen Innenarchitektur und Möbeldesign, Grafik und Kunst, Licht und Musik, Mode und Performance miteinander verschmolzen.“ Und wie schön wäre es gewesen, hätte man wirklich alle Aspekte in dieser multimedialen und teil-bewegten Ausstellung intensiv und auch multidisziplinär erleben können. Die Möbel der Architekten des sogenannten Radical Design aus Italien der 1960er Jahre luden teilweise zum Tanzen ein, die von ihnen gestalteten Diskoräume fungierten beispielsweise auch als Theaterräume. Ein Saal im Vitra Design Museum, der sich dem Wiederbeleben des Diskotanzes, den schrillen Performances und den Partyparadiesvögeln gewidmet hätte, hätte dem Gesamterlebnis sicherlich gut getan. Oder um es mit den BeeGees zu sagen: „You should be dancing!“

Veröffentlicht am 09.05.2018, von Natalie Broschat in Homepage, Tanzmedien

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Kommentare zu "Design für das Tanzbein"



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