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Bordeaux

DIE TEUFLISCHEN HARLEKINADEN DES PUCK

„Ein Sommernachtstraum“ in der Choreografie von Pascal Touzeau mit der neu gegründeten Kompanie @lienorballet in Bordeaux



Und wer dankt Puck? Die Paare nicht, das Publikum aber jubelt ihm und den TänzerInnen dieser grandiosen, erst im Sommer letzten Jahres von Christelle Lara und Pascal Touzeau begründeten Kompanie begeistert zu.


  • "Ein Sommernachtstraum" von Pascal Touzeau Foto © Laurent Giardau
  • "Ein Sommernachtstraum" von Pascal Touzeau Foto © Laurent Giardau
  • "Ein Sommernachtstraum" von Pascal Touzeau Foto © Laurent Giardau
  • "Ein Sommernachtstraum" von Pascal Touzeau Foto © Laurent Giardau
  • "Ein Sommernachtstraum" von Pascal Touzeau Foto © Laurent Giardau
  • "Ein Sommernachtstraum" von Pascal Touzeau Foto © Laurent Giardau
  • "Ein Sommernachtstraum" von Pascal Touzeau Foto © Laurent Giardau
  • "Ein Sommernachtstraum" von Pascal Touzeau Foto © Laurent Giardau

Eine Hochzeit steht an. Theseus, Herzog von Athen hat die Amazonenkönigin Hippolyta besiegt, sie soll seine Frau werden. Herminia, die Tochter des Egeus, soll nach dessen Willen Demetrius heiraten, sie aber liebt Lysander. Also flieht sie mit dem Geliebten in den Wald, Demetrius irrt ihr suchend hinterher, ihm folgt Hermias Freundin Helena und dies wiederum in liebender Absicht. Elfenkönig Oberon liegt im Eifersuchtsstreit mit seiner Gattin Titania. Puck soll sie bestrafen. Dieser Elf hat eine Wunderblume, gerät deren Saft ins Auge eines Wesens verfällt Mann, bzw. Frau, in einen Schlaf und verliebt sich in jede Kreatur, auf die das Auge nach dem Erwachen zuerst erblickt.

Puck verteilt seinen Wundersaft großzügig. So weichen die Albträume des Tages denen der Wunschträume einer Sommernacht und das kann zu den sonderbarsten Paarungen führen, etwa wenn die erwachende Elfenkönigin ausgerechnet den in einen Esel verwandelten Handwerker Zettel erblickt. Mit Tagesanbruch ist der Zauber vorbei: Die ‚richtigen’ Paare vereint, soweit so gut, bis zum Anbruch der nächsten Sommernacht, wenn garantiert wieder die Säfte steigen und das Treiben des faunischen Puck neue, rauschhafte Blüten treibt.

Wer besser als Shakespeare könnte es vollbringen, in einer seiner Meisterkomödien das Komische traurig und das Ernste komisch zu machen und der Gewalt des anarchischen Eros Tribut zu zollen. Dieser „Sommernachtstraum“ ist für Alfred Polgar, „die Dichtung, die die Erde tanzen macht“. Und für Jan Kott steht fest, dass bei Shakespeare die Plötzlichkeit der Liebe immer überwältigend ist, zudem hält er diesen Sommernachtstraum für das erotischste aller Stücke des Meisters, für ihn sind die Liebenden auswechselbar, die Personen reduzieren sich auf Liebespartner. Also, alles wie geschaffen für den Tanz. Und zur Schauspielmusik von Felix Mendelssohn Bartholdy haben auch immer wieder namhafte Choreografen ihre Kreationen geschaffen. Jetzt hat Pascal Touzeau seinen getanzten Sommernachtstraum in Bordeaux zur Uraufführung gebracht.

Mendelssohns Musik, in Auszügen vermittelt eine gewisse Wiedererkennbarkeit, aber schon mit der Hinzunahme eines Satzes aus dessen Violinkonzert und ganz andersgearteter Kompositionen von Joby Talbot und vor allem Arvo Pärt, schlägt Touzeaus Kreation nicht nur ungewöhnliche Töne an, sondern folgt damit auch einer Sicht auf diesen Stoff, aus dem die Träume gemacht sind, die der des Shakespearespezialisten Jan Kott recht nahe kommt. In seiner Choreografie ist es von Beginn an dieser faunische Puck in der so rasanten wie gewieften und dann auch wieder mal melancholischen, tänzerischen Darstellung durch den jungen Oskar Eon in knapper, roter Hose, in animalischer Schmiegsamkeit, der die Menschen dieses Traumes schon mal bedenklich an den Rand abgründiger Albträume führt, nachdem er sie zunächst jeweils ins geheimnisvolle Licht von Ramuntxo Tonges stellt. Touzeau verwendet geschickt und dramaturgisch überzeugend Techniken des zeitgenössischen Tanzes, wenn die irrenden oder entzweiten, die konkurrierenden oder sich suchenden Menschen auf der weiten großen und vor allem so gut wie leeren Bühne des Kulturzentrums Rocher de Palmer in die Traumwaldfantasien geraten.

Bläst ihnen Puck seinen Atem entgegen, finden sich Liebende oder solche, die sich im Moment dafür halten, ändern sich die Tanztechniken und es sind Glücksmomente des neoklassischen Spitzentanzes zu erleben, wunderbare Hebungen und schwebende Figuren. Und immer wieder lässt diese Sommernacht den Partnertausch zu und auch den so glücklichen Irrtum, wenn eben durch Pucks Zauberkraft die Elfenkönigin dem Handwerker mit der Tiermaske verfällt. Oder ist es gar nicht der Zauberatem, sind es letztlich doch die am Tage verborgenen Wünsche und Begierden, die hier im Traum der Sommernacht wahr werden? Der Tanz lässt die Grenzen der Realität schwinden, musikalisch unterstützt, wenn eben Puck im Wahnsinnstempo über die Bühne springt, um im richtigen Moment Titanias Eselsglück möglich zu machen, und dies zu magischen Streichklängen von Pärt mit überirdischem Glockenspiel.

Der Tag bricht an, der Traum endet, die Macht des Zauberatems hat sich erschöpft, die Konventionen stimmen wieder. Schönste musikalische Ironie, wenn jetzt der beliebte Hochzeitsmarsch erklingt. Und wer dankt Puck, der dann so mutterseelennackt allein zurück bleibt? Die Paare nicht, das Publikum aber jubelt ihm und den TänzerInnen dieser grandiosen, erst im Sommer letzten Jahres von Christelle Lara und Pascal Touzeau begründeten Kompanie in Bordeaux begeistert zu.

Verstärkt wird diese Kompanie durch die 23 jungen Tänzerinnen und Tänzer des Le Jeune Ballet d´Aquitane, von dem als einstimmendes Vorspiel im ersten Teil des Abends die Choreografie „Exode“ von Miquel G. Font zu erleben war. Font hatte eigens seine 2014 für das Internationale Tanztheaterfestival in Hannover entstandene Arbeit „Exodus to Hopeland“ neu konzipiert. Kein Zweifel, dieser Auszug gestaltete sich zu einem Aufbruch mit vielen aufblitzenden Momenten tänzerischer Hoffnungen.

Veröffentlicht am 25.01.2018, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/2018

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Kommentare zu "Die teuflischen Harlekinaden des Puck"



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