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München

POSTERINO IN MÜNCHEN

Pick bloggt über „Through Pina’s Eyes“ und „Love me if you can!“ von Gaetano Posterino im HochX



Die Ernsthaftigkeit, mit der die Darsteller/TänzerInnen mitgehen, hat Günter Pick an diesem Abend wirklich überzeugt.


  • "Through Pina's Eyes" von Gaetano Posterino Foto © Posterino & Company
  • "Through Pina's Eyes" von Gaetano Posterino Foto © Posterino & Company

Gaetano Posterino, ein wirklich außergewöhnlicher Tänzer mit einer Karriere als Solist in zahlreichen internationalen Kompanien, hat bereits seit 2001 den Weg zur Choreografie eingeschlagen, was ihn ja auch schon an Häuser wie das Wiesbadener Ballett, das Ballett Augsburg oder die Semperoper Dresden geführt hat. Vor einiger Zeit hat er sich entschlossen, eine freie Gruppe mit heute acht beachtlichen TänzerInnen zu gründen.

Die Premiere eines ähnlichen Programms, das ich nun in München im HochX gesehen habe, war kurze Zeit früher in Wiesbaden, wo sicher jedes Kind Gaetano kennt, und wer ihn auf der Bühne gesehen hat, muss sich sehr bemühen, ihn wieder zu vergessen…

Sicher zeugt die Idee, wie auch das Stück „Through Pina´s Eyes“ davon, dass er clever ist. Denn wenn man weiß, wie gut Pinas Stück „Für die Kinder von gestern, heute und morgen“ im Bayerischen Staatsballett vorige Spielzeit angekommen ist und von rund 26.000 Zuschauern in 12 Vorstellungen bejubelt wurde, weiß man auch, dass der Name in München ein Zugpferd ist. Ich glaube, dass seine drei Abende ebenfalls alle gut verkauft waren und ebenso gut angekommen sind.

Doch nun ist Gaetano einer derjenigen, die nie mit Pina gearbeitet haben und jetzt wie ihre Ex-Tänzer auf dieser Welle zu surfen versuchen. Es zeigt sich eben doch immer wieder, dass ein Beethoven aus zweiter Hand oder auch ein van Gogh nachempfunden, die Kenner nicht überzeugen kann. Die Zutaten sind dem Vorbild ähnlich, man hängt kurze Szenen aneinander ohne einen Zusammenhang, mal mit, mal ohne Musik, (die Casta Diva Arie gesungen von der Callas muss herhalten) auch mal ein Text, der weder gut, noch verständlich zu sein scheint. Auch wenn der junge Mann, Gabriel Wanka, der alles mit dem Rücken zum Publikum sagen muss, sehr artikuliert spricht. Aber nach Sinn wird ja nicht gesucht. Das war bei Pina auch schon out, aber es hatte doch ihren Odem, der ja schon so etwas wie heilig ist. Dann gibt es natürlich einen Auftritt für das große Abendkleid für Geschlechtertausch, das die starke Ariane Roustan zunächst am Arm neben sich auf der Bühne erscheinen lässt. Und siehe da, der nicht als Hüne bekannte Posterino hatte unter den Tüllmengen gut Platz. Ich glaube nicht, dass die Zuschauer überrascht waren, als er unter dem Rock erschien, es ist alles zu offensichtlich und auch nicht neu. Dann gibt es da noch eine zweite Frau, damit das ‚Kammer-Quartett’ vollzählig ist. Aya Sone, eine reizvolle Japanerin, die ich aus Braunschweig kenne, wo sie bei Eva Lerchenberg-Thöny schon zeitgenössisch tiefgründig schauen durfte, was sie wie keine zweite kann. Das ist nicht zynisch gemeint, aber das Ganze ist leider nur dem Vorbild nachempfunden und das ist für einen Mann wie Posterino nicht gut genug und eben keinesfalls originell. Lediglich die Ernsthaftigkeit, mit der die Darsteller/TänzerInnen mitgehen, hat mich überzeugt, vielleicht auch angerührt.

Dann, was ungewöhnlich für die Freie Szene ist, gibt es eine Pause wie im Stadttheater mit dem Unterschied, dass der ganze Abend trotzdem ein angenehm kurzer bleibt. Der zweite Teil „Love me if you can!“ hat eine mehr zu Posterino gehörende nämlich lässig-humorvolle Handschrift und die Musik ist auch wesentlich hilfreicher, da voller mitreißender Rhythmen aus den sechziger Jahren. Es wird gelassen getanzt und man muss nicht nach verschlüsselten Schwierigkeiten menschlicher Begegnungen suchen. Sie ergeben sich wie selbstverständlich aus dem Moment. Jeder kann mehr oder weniger mit jedem, manchmal mit und manchmal ohne Handtasche, die als Requisit ebenfalls eine Hauptrolle spielt. Und dann scheint sie doch wieder weniger wichtig. Bis dann, wie im ersten Stück auch, plötzlich und unerwartet das Ende naht, weder ein trauriges noch ein fröhliches. Und eben das spannt für mich wohl eher ungewollt den Bogen zur großen Bausch: Die Tänzerin Aya kommt nach vorne, allein auf der Bühne, nimmt etwas aus der Handtasche, ein Stück Kreide und zeichnet auf den Boden einen Kreis um sich. Sie bleibt nun, ohne eine Miene zu verziehen, im Fade Out in sich ruhend stehen. Das ist der schönste Moment dieses Abends und man braucht einen Augenblick, um aufzutauchen aus dieser unwirklichen Welt, die sie hier geschaffen hat, um dann zu applaudieren.

Veröffentlicht am 23.03.2017, von Günter Pick in Homepage, Blogs

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Kommentare zu "Posterino in München"



    • Kommentar am 26.03.2017 19:48 von Sabine Winkler
      Es ergeben sich doch immer wieder unterschiedliche Interpretationen, wenn man sich ein Tanzstück anschaut. Wie bei Bildern oder Musikstücken auch. In diesem Fall scheint mir der Kritiker die Absicht des Choreografen bei "Through Pina's Eyes" nicht richtig gedeutet zu haben. Ich habe die Aufführung auch gesehen und hatte nicht den Eindruck, dass es Posterino um die "clevere" Nachempfindung eines Vorbilds ging. Das Stück war als Hommage an Pina Bausch angekündigt. Und ich denke, so ist es - ganz natürlich und authentisch - beim begeisterten HochX-Publikum auch angekommen.

      Die Rezension aus dem Münchner Merkur vom 17.03. schrieb übrigens zur Abendkleid-Requisite: "Hier und mit der einen oder anderen Verfremdung geht der Choreograf über das flache Bildzitieren von Bausch hinaus. Mehr davon hätte dem Stück gut getan." Der Artikel hatte mich übrigens bewogen, mir den Abend anzusehen.

      Die meisten Besucher dürften - um in Pick's Diktion zu bleiben - sicher keine Kenner gewesen sein. Als Kenner bzw. Kritiker wie Günther Pick sollte man überdies mit Begriffen wie Vorbild und Nachempfinden vorsichtig hantieren. Schrieb doch die Süddeutsche Zeitung über Pick's Ballett "Werther-Szenen" 1989: "... die besten Passagen der zentralen Begegnung zwischen Werther und Lotte sind – und das ist peinlich – aus John Crankos genialem Onegin-Schluss-Pas-de-deux geklaut." Nachzulesen in einem Essay über Plagiat im Tanz auf tanzfonds.de.

      Die abschließende Kreide-Szene des zweiten Stückes als schönsten Moments des Abends zu bezeichnen, wird selbigem nun aber definitiv nicht gerecht. Ich fand den Abend hinreißend und im Grunde zu gut für die freie Szene. Gottlob wird Kunst immer noch für das Publikum gemacht, nicht für Kenner bzw. Kritiker.

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