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Magdeburg

WENN PUPPEN TANZEN

„Coppélia“ von Gonzalo Galguera am Theater Magdeburg



In seiner Inszenierung setzt Gonzalo Galguera inhaltlich neue Akzente. Glanzpunkte der farbenprächtigen Inszenierung sind sicherlich die hinreißend getanzten Ensembleszenen.


  • "Coppélia" von Gonzalo Galguera; Audrey Becker, Sophie Allnat, Lou Beyne, Laura Dominijanni, Antanina Maksimovich, Ballett Magdeburg Foto © Andreas Lander
  • "Coppélia" von Gonzalo Galguera; Lou Beyne, Daniel Smith, Ballett Magdeburg Foto © Andreas Lander
  • "Coppélia" von Gonzalo Galguera; Juan Pablo Lastras Sanchez, Lou Beyne Foto © Andreas Lander
  • "Coppélia" von Gonzalo Galguera; Daniel Smith, Lou Beyne, Ballett Magdeburg Foto © Andreas Lander

Der fortwährende Erfolg des Ballettklassikers „Coppèlia“ von Léo Delibes hat viele Gründe. Als spätes romantisches Ballett entsteht „Coppèlia“ (UA 1870) kurz vor den großen klassischen Handlungsballetten „Dornröschen“, „Schwanensee“ und „Der Nussknacker“. Das Coppèlia-Ballett ist ein Werk, in dem Szenarium, Musik und Choreografie ein außergewöhnlich homogenes Ganzes bilden. Mit den Mitteln des Tanzes wird die Geschichte von Coppélius, Franz und Swanilda auf verschiedenen Handlungsebenen entwickelt. Klassischer Tanz, Charakter- und Nationaltanz, Pantomime und Divertissement bestimmen in Ausgewogenheit die choreografische Struktur.

Das Ballett geht, wie auch „Giselle“, auf Werke der romantischen Literatur zurück. Es benutzt als szenische Vorlage die Erzählung „Der Sandmann“ aus der Sammlung „Fantasie-und Nachtstücke“ von E. T. A. Hoffmann. Die Schwarze Romantik der deutschen Dichtung wird dann im Ballett allerdings zur Leichtigkeit des französischen Lustspiels. Die Liebes-und Eifersuchtsgeschichte von Franz und Swanilda wird konfrontiert mit dem Leben des exzentrischen Spielzeugmachers Coppèlius und seiner Automatenmenschen voller Geheimnisse und Rätsel. Dabei gelingt dem Komponisten in seiner Musik etwas ganz Besonderes: Er bindet die Tänze und selbst das Divertissement in die Handlung ein, sie bekommen handlungstragende Funktion. Dafür stehen der „Valse de la poupèe“ und die „Musique des automates“ im II. Akt, bei der die Automatenpuppen zum Leben erwachen, genauso wie der ungarische Csárdás und die polnische Mazurka im I. Akt.

Ungeachtet der berühmten Choreografien von Marius Petipa und Georges Balanchine hat Ballettdirektor Gonzalo Galguera in Magdeburg eine neue Choreografie geschaffen, die Swanilda, Franz und vor allem Coppèlius auch tänzerisch in einem neuen Licht erscheinen lassen. Dabei liegt dem Choreografen die Person des geheimnisvollen Außenseiters Coppèlius besonders am Herzen. Für Galguera ist er die ‚Seele des Stücks’, er, der alles verändert, der seine Fremdheit nach und nach verliert, bis er in die Gemeinschaft des Dorfes aufgenommen wird und seine Geheimnisse gelüftet werden. Nicht nur tänzerisch, auch pantomimisch werden Ängste, Ablehnung, Ungerechtigkeit und Irritationen deutlich. Franz und Swanilda werden in ihrem Liebes-, Verwechselungs- und Eifersuchtsspiel erkennen, dass Vorurteile zu Unrecht führen. Sie werden erwachsen, und wenn sie im II. Akt bei der Glockenweihe und der Hochzeit der beiden jungen Liebenden mit Coppèlius tanzen und den Puppenmechaniker in ihre Mitte aufnehmen, werden sie zu Vorbildern für Toleranz.

Juan Pablo Lastras Sanchez tanzt und spielt mit Hingabe und Leidenschaft, mit Skurrilität und schlitzohrigem Forscherdrang in seinem Automatenlabor den Coppèlius und macht vor allem den II. Akt im Zusammenspiel mit Swanilda als Coppèlia, Franz und seinen wundervollen Automatenpuppen zu einem tänzerischen Feuerwerk. Der Rahmen für die tänzerischen Eskapaden der Kompanie, die durch sechs Eleven der Staatlichen Ballettschule Berlin und der Theaterballettschule Magdeburg erweitert wurde, ist mit den Bühnenbildern von Juan León und vor allem mit den wundervollen Kostümen von Stephan Stanisic gegeben. Besonders eindrucksvoll sind das überdimensionale Räderwerk einer Uhr und das Modell der Planetenbahnen im Labor des Coppèlius. Mit Lou Beyne als Swanilda und Daniel Smith als Franz offeriert Galguera eine optimale Premierenbesetzung, die ausdrucksstark und mit makelloser Technik, mit Grazie, Eleganz und Temperament bis zum finalen Divertissement überzeugt. Beeindruckend in den Gruppentänzen und den Pas de Quatres der Freunde und Freundinnen von Franz und Swanilda sind die Synchronität und Eleganz der Bewegungen. Csárdás und Mazurka mit Anastasia Gavrilenkova mit Yael Shervashidze und Leah Allen mit Andreas Loos werden mitreißend getanzt. Michael Lloyd bewies einmal mehr seine Qualitäten als Ballettdirigent und sorgte für die optimale Abstimmung zwischen dem Orchestergraben und dem tänzerischen Bühnengeschehen.

Beifallsstürme und Standing Ovations zum Schluss. Jubel für Gonzalo Galguera, der mit dieser Inszenierung sein 10-jähriges Magdeburger Bühnenjubiläum beging.

Veröffentlicht am 16.04.2016, von Herbert Henning in Homepage, Kritiken 2015/2016

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