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München

UNERHÖRT AUFWÜHLEND

Ein Abend beim Festival RAMPENLICHTER in München



Das Schwere-Reiter-Gelände fühlt sich an diesem Samstag ein wenig anders an, etwas leichter, lustiger, lauter und vor allem jünger. Das liegt am Festival RAMPENLICHTER, das mit "Stück für Stück" unterschiedliche Vorstellungen zeigt.


  • Festival RAMPENLICHTER in München: "Comfortzone" Foto © Andreas Weimann
  • Foto © Andreas Weimann
  • Festival RAMPENLICHTER in München: "Alice Affekt" Foto © Andreas Weimann

Von Natalie Broschat

Das Schwere-Reiter-Gelände fühlt sich an diesem Samstag ein wenig anders an, etwas leichter, lustiger, lauter und vor allem jünger. Das liegt am Festival RAMPENLICHTER, welches seit 24. Juni zum nun schon achten Mal dort aufgeschlagen ist. Ein Tanz- und Theaterfestival von Kindern und Jugendlichen, initiiert von Spielen in der Stadt e.V. in Zusammenarbeit mit PATHOS München. Der Abend des 27. Juni bei RAMPENLICHTER steht unter dem Titel „Stück für Stück“: Drei sehr unterschiedliche Vorstellungen werden gezeigt. Es wird stückweise vorgegangen, von jung und klein zu ein bisschen älter, von süß und noch sehr unbeholfen zu qualitativ ansprechend.

Den Beginn macht „Comfortzone“, eine Tanztheater-Perfomance von und mit Kids (9-11 Jahre) des JUTAC, Junger Tanz Aachen. Im dunklen Raum gibt das Licht einer Projektion den Blick auf fünf in einer Reihe und auf Stühlen ohne Beine sitzenden Kinder frei. Nacheinander fangen sie langsam an sich zu bewegen, der Nachfolgende nimmt die Bewegung des Vorigen auf, sie trauen sich immer mehr und tanzen schlussendlich gemeinsam. Breakdance lässt sich erkennen. Verschiedene Alltagssituationen eines Kindes werden episodisch dargestellt. In der Schule beispielsweise, dort hocken sie lesend oder smartphonefixiert auf ihren beinlosen Sitzen. Oder auf dem Spielplatz, wo sie nun hin und her rennen und der Sorglosigkeit frönen, sich also in ihrer „Comfortzone“ befinden. Genau dieses Gefühl der Unbeschwertheit überträgt sich auf das Publikum, denn das erste und wenn doch sehr infantile und tanzreduzierte Stück des Abends hat nämlich einfach entzückt.

Als Nächstes wird „Der Alice Effekt“ der TanzTangente Berlin zur Aufführung gebracht. Auf der Bühne befinden sich neun Mädchen (13-18 Jahre) und prompt fallen ihre originellen und schönen Kostüme ins Auge, die ihre junge Weiblichkeit noch zu verstecken versuchen, nur im Ansatz freigeben wollen. Passt natürlich zu „Alice im Wunderland“ und mit eben dieser Thematik setzen sich die Tänzerinnen in ebenfalls etlichen Episoden auseinander. Mal wird es absurd, als sie mit einem goldenen Planeten tanzen, mal bedrohlich als Uneinigkeiten zwischen den BFFs ausarten. Trotzdem ist die Grundstimmung in „Der Alice Effekt“ durchweg positiv und überaus energiegeladen und beim Publikum setzt erneut das unglaubliche Gefühl der Unbeschwertheit ein gepaart mit dem Verlangen nach einem ausgiebigen und sehr albernen Kaffeekränzchen, der Alice-Effekt eben.

Im dritten Teil des Abends wird das wohlige Gefühl im Bauch allerdings zerrüttet. In „Ugly D.“ setzen sich die Tänzerinnen und Tänzer (16-21 Jahre) der Ballett-Akademie der Hochschule für Musik und Theater München mit dem Thema Mobbing auseinander. In sehr kurzer Zeit und auf nun spürbarem Niveau verarbeiten sie dieses schwierige Thema. Auf der spärlich beleuchteten Bühne erblicken wir einen jungen, makellosen Balletttänzer, der die Bühne für sich beansprucht und mit Geschmeidigkeit bereichert. Schemenhaft lassen sich Gestalten erkennen, die sich ihm auf dem Boden nähern. Es sind so viele, dass man gar nicht zu zählen braucht. Als sie am anderen Ende der Bühne angelangt sind und den Tänzer tangiert haben, richten sie sich auf, mit dem Rücken zu ihm und dem Publikum. Sie bilden einen undurchdringlichen Wall: ein Ausgestoßener, viele Ausstoßende. „Die haben mir dann auch immer Blätter in den Mund gesteckt, weil ich Ballett tanze“ ist über Lautsprecher zu vernehmen und der Balletttänzer wird nach und nach mit bunten Papierfetzen gefüttert, die die Tänzerinnen zuvor im Haar getragen haben.
Man ist unfreiwillig an seine Jugend und die Relevanz des Themas Mobbing erinnert. War man selber Opfer oder Täter oder auch nur stummer Beobachter? Das Offensichtliche ist natürlich, dass die Delinquenten sowieso Teil des von ihnen kritisierten Kosmos sind. Man kann also die Struktur des Sinnlosen und komplett Willkürlichen nachempfinden und die jugendliche Verwirrung, der Gruppenzwang und die Hilflosigkeit werden spürbar. Als Erwachsener stellt sich wiederum unweigerlich ein Glücksgefühl darüber ein, die Pubertät überstanden zu haben. Allerdings gewährt „Ugly D.“ einen Lichtblick und lässt das Publikum nicht vor den Kopf gestoßen zurück, denn das, was einem wirklich am Herzen liegt, kann nie von irgendjemandem verdorben werden, so ist es wieder über Lautsprecher zu vernehmen.
Dem Motto des Festivals ist dieser Abend Stück für Stück und zweifelsfrei gerecht geworden: Unerhört aufwühlend. Unerhört bewegt. Unerhört echt. Unerhört unverblümt.


Das Festival RAMPENLICHTER läuft noch bis einschließlich Samstag, den 4. Juli. www.rampenlichter.com

Veröffentlicht am 29.06.2015, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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Kommentare zu "Unerhört aufwühlend"



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