KRITIKEN 2010/2011



Stuttgart

STICHE INS FLEISCH

Das Thema Inzest als Tanztheater: Nina Kurzejas „Tätowierung“ im Theaterhaus


  • Kira Senkpiel Foto © Steffen Schreiner
  • Scott Roller, Kira Senkpie Foto © Steffen Schreiner

Nicht als Analyse oder Aufarbeitung, sondern als nüchterne Dokumentation in harten, wuchtigen Sätzen schildert die vielfach ausgezeichnete Dramatikerin Dea Loher in „Tätowierung“ den Missbrauch einer Tochter durch ihren Vater. Die Stuttgarter Choreografin Nina Kurzeja hat das Drama jetzt in ein bestürzendes Tanz- und Körpertheater umgesetzt, dem man im Glashaus, dem allerkleinsten Aufführungsraum im Theaterhaus, praktisch distanzlos ausgesetzt ist – der fast hündischen Abhängigkeit der Tochter von ihrem kalten Peiniger, seinen so plausibel klingenden Rechtfertigungen des Inzests, dem absurden Neid der anderen Tochter auf die Schwester, deren Unfähigkeit, eine normale Beziehung zu einem Jungen ihres Alters aufzubauen, schließlich ihrem Ausbruch in rohe Gewalt. Ein Steg ragt zwischen den Stuhlreihen in die Mitte des Raumes, darauf steht ein breiter Tisch als Symbol für das Zuhause, vor dem Anita fliehen möchte und in das sie doch immer wieder suchend, sich anschmiegend zurückkehrt. Die untätige Mutter hängt nur noch als Bild an der Wand, Zuflucht finden die Figuren in den Ecken an den Backsteinwänden. Anita buhlt um die Zuneigung ihres kalten Vaters, kuschelt sich an den ungerührt Sitzenden oder pustet das Mehl weg, wenn er aus seinem Bäckerteig zwei Brüste knetet. Ihre Loslösung von ihm scheint zunächst zu gelingen, als sie einen jungen und scheinbar sensiblen Floristen kennen lernt, aber die „Tätowierung“, die unzähligen Stiche ihres Vaters in ihr Fleisch lassen sich nicht vergessen. Wie schon früher verlangt Kurzeja ihren Darstellern sämtliche Ausdrucksmöglichkeiten ab. Als Regisseurin ist sie eine Meisterin der kleinsten Anspielungen – die Assoziationen zum Märchen von Rotkäppchen etwa, oder die höchst zynische Musikauswahl aus Disco-Hits der 80er, die den Vater als „Daddy Cool“ vorführt und so böse treffende Textzeilen wie „He Reiter immer weiter“ bringt. Stark verfremdet klingt auch „Guten Abend, gut‘ Nacht“ herein. Das einzige Manko sind die eingespielten deutschen Zitate aus Lohers Dialogen, die völlig brav und neutral aufgesagt werden – weit besser machen das die Tänzer, die ihren wenigen Text zwar auf Englisch sprechen, aber so viel hasserfüllter, verzweifelter, verlorener. Vor allem die junge Kira Senkpiel, eine sehr große und fast wuchtige Tänzerin, die doch so mädchenhaft und verletzlich wirkt, hält durch ihre Intensität den Abend wie in einer eisernen Faust. Harmlos und unauffällig wie der nette Nachbar wirkt Scott Roller als Vater, ruhig thront er am Küchentisch und übt seine hinterhältige Macht aus. Der Darsteller ist eigentlich Cellist und es wirkt vielleicht etwas merkwürdig, wenn der grobe, bauernschlaue Vater plötzlich am Rand der Szene dieses elegische Instrument ergreift. Lyrisch zart bleibt Cedric Huss als junger Freund, bis auch er schließlich Anita mit Wolfsmaske erscheint, wie der Vater. Es ist schmerzhaft, so dicht an dieses fatale, ausweglose Geschehen gerückt zu werden, beängstigend gar, wenn am Schluss ein Gewehr ins Spiel kommt. Aber so zwingt uns Nina Kurzeja das einzige zu tun, was hilft: hinschauen, nicht wegschauen. www.theaterhaus.com www.ninakurzeja.de

Veröffentlicht am 24.11.2010, von Angela Reinhardt in Kritiken 2010/2011

Dieser Artikel wurde 3487 mal angesehen.



Kommentare zu "Stiche ins Fleisch"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    DOPPELSPITZE

    Isa Köhler und Katharina Kucher leiten die tanzmesse nrw
    Veröffentlicht am 13.04.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion


    WEGBEREITER

    Das Volkstheater Rostock trauert um Bronislav Roznos
    Veröffentlicht am 07.04.2021, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    FUTURES OF DANCE JOURNALISM

    TANZ.media. tutorials

    Eine Fortbildungsreihe von TANZ.media e.V. – Verein zur Förderung des Qualitätsjournalismus im Tanz. Zeitraum Mai bis Juli 2021.

    Veröffentlicht am 27.03.2021, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    LIAM SCARLETT IST VERSTORBEN

    Ein tragisch früher Tod

    Veröffentlicht am 18.04.2021, von tanznetz.de Redaktion


    BLONDE PERÜCKEN

    Reut Shemesh präsentiert "Cobra Blonde", ein Projekt mit der Tanzgarde der Karnevalsfreunde der katholischen Jugend Düsseldorf am Tanzhaus NRW

    Veröffentlicht am 11.04.2021, von Gastbeitrag


    DIE SCHWÄNE LEBEN

    "The Dying Swans Project" von Eric Gauthier als Video-Serie bei YouTube und 3sat

    Veröffentlicht am 18.04.2021, von Annette Bopp


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben

    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion


    "WETTEN DASS..?" FUSIONIERT MIT STEPTANZ

    Sebastian Weber Dance Company zeigt "Late Night Shuffle" als Live-Stream aus dem Leipziger Lofft

    Veröffentlicht am 18.04.2021, von Torben Ibs



    BEI UNS IM SHOP