KRITIKEN 2009/2010



München

SHAKESPEARSCHE LIEBES-VERWIRRSPIEL IN DER PARTYSZENE DER 60ER/70ER JAHRE

"Ein Sommernachtstraum" von Henning Paar Gärtnerplatztheater


  • David Valencia als Puck Foto © Lioba Schöneck
  • JMarc Cloot als Lysander, David Valencia als Puck/ Mohnblume, Hsin-I Huang als Hermia Foto © Lioba Schöneck
  • Marcos Mariz als Theseus und Audrey van Herck als Hippolyta Foto © Lioba Schöneck
  • Hsin-I Huang als Hermia, Marc Cloot als Lysander und Pedro Dias als Demetrius Foto © Lioba Schöneck
  • Audrey van Herck Foto © Lioba Schöneck

Literatur lässt sich dann gut vertanzen, wenn sie überzeitliche Themen verhandelt. Und so ist Shakespeare posthum zu einem der beliebtesten Ballett-Librettisten geworden. Seit Marius Petipas Uraufführung 1877 zur gleichnamigen Schauspielmusik von Mendelssohn Bartholdy (1826/1843) gehört die Komödie "Ein Sommernachtstraum" zu den Rennern auf der Ballettbühne. Hierzulande ist John Neumeiers Version von 1977 für sein Hamburg Ballett zum Klassiker geworden. Und wenn dieser elegant-zauberische "Sommernachtstraum" in Jürgen Roses sublim malerischer Ausstattung, seit 1993 im Repertoire des Bayerischen Staatsballetts, wieder einmal auf dem Programm steht, gibt es keine Auslastungsprobleme im Münchner Nationaltheater. Das wünscht man jetzt auch dem kleineren Münchner Gärtnerplatztheater, wo Hans Henning Paar das shakespearsche Liebes-Verwirrspiel in die Partyszene der 60er/70er Jahre verlegt hat. Passend schienen ihm dazu zeitnahe Jazz- und Swingmusiken unter anderen von Benny Goodman, Duke Ellington, Miles Davis, Keith Jarrett.

Ein "Sommernachtstraum" kann immer sein. Und was bei Shakespeare und seinem Puck der erotisch verwirrende Saft einer Wunderblume ist, sind bei Tanzchef Hans Henning Paar die enthemmenden Drogen der 68er-Generation. Auf einem von Puck trickreich ausgelegten roten Teppich stolpern Titania und Oberon, sichtlich zerstritten und schon ein bisschen gedoped, in eine Nobel-Disco mit gedämpft beleuchteter Pflanzen-Bordüre im Hintergrund. Und gleich tobt eine schrille Fête. Für alkoholischen Nachschub steigt man hinab in den zur Bar umfunktionierten Orchestergraben. Hanna Zimmermanns Bühne und Isabel Korks Kostüme lassen keine Wünsche offen.
Die Dämchen nabelfrei oder in knallengen, verrückt gemusterten Klamotten, die Herren mit ausgestellten Hosen und Elvis-Showoutfit, die Haare schulterlang, afro-kraus oder à la Andy Warhol: dieses nach der 70er-Mode ausstaffierte Vergnügungsvölkchen schleudert funkig die Glieder in sämtlicher Richtungen - solo, in Paaren oder Grüppchen. Choreograph Paar hat in seine virtuosen zeitgenössischen Bewegungen amüsant die schrägen Party-Tanzstile der damaligen Zeit einfließen lassen. Die gesamte Gruppe in Tanz-Ekstase wirkt wie ein nervös vibrierendes buntes Action-Painting.

Dann tänzelt Puck als Mohnblume herein (der rotglühende Tüll-Kopfschmuck wird später hüftwärts geschoben zum Ballett-Tütü), und alles passiert - gerafft - wie bei Shakespeare: Elfenkönigin Titania hat plötzliche Gelüste zwar nicht auf einen Esel, aber doch auf ein affenhaariges Wesen. Lysander, eben noch innig umschlungen mit seiner Hermia, will jetzt Helena. Und auch der Helena-Verächter Demetrius ist nun ihr heißer Bewerber. Pucks Rausch-Pülverchen hat sichtlich seine Wirkung getan. Die Partygäste sehen in ihrem psychedelischen Zustand allerlei merkwürdige Gestalten: stelzende Flamingos, herumwirbelnde Baum-Trolle, eine nackte, sehr dicke Frau - die Tänzerin ist ausgestopft - und zwei Riesen-Schnecken in trancehaft balancierendem Liebesakt. Und die beiden Machos Demetrius und Lysander rangeln karateähnlich um ihr Objekt der Begierde während sich Hermia und Helena anzicken. Das alles ist klar erkennbar dargestellt.

Und dennoch zieht einen das Stück an dieser Stelle nicht mit. Das liegt zum einen an der verwendeten Musik von Miles Davis: zwei ruhigere Stücke aus der Experimentierzeit 1969-73, die in ihrer Suche nach dem musikalischen Ultimum über 26 Minuten hinweg den Tanz-Zuschauer ermüden. Das liegt auch an der wenn auch einfallsreichen, aber doch ins Leere laufende Bewegungsfülle dieser Partygesellschaft. Der Choreograf mag da - stimmig mit seinem Konzept - die hedonistisch flippige Oberfläche der 68er-Generation abgebildet haben, interessieren kann diese rasend hechelnde Oberfläche jedoch nur für kurze Zeit.

Das diesmal anvisierte Publikum ab 15 Jahren sieht das wahrscheinlich weniger streng. Und ganz am Ende, wenn Helena und Demetrius sich endlich finden, wenn sich Oberon und Titania versöhnen, atmet auch der 50plus-Zuschauer auf. Da führt Tanzchef Paar seine Figuren zu einer Echtheit, einer Tiefe des Gefühls. Und die vier Interpreten (Rita Barao Soares/Pedro Dias als Helena/Demetrius; Lieke Vanbiervliet/Antonin Comestaz als Titania/Oberon) zeigen, nein tanzen in jeder Geste, jedem Schritt, was es bedeutet, zu einer Paarbeziehung, mit ihren Schwierigkeiten, gereift zu sein.

Weitere Vorstellungen: 19./30. April, 8./18./20./26. Mai, 3./17. Juni 2010.
Stückeinführung 30 Min. vor jeder Vorstellung im Foyer durch Tanzdramaturgin Esther von der Fuhr. Karten unter 2185 1960

Veröffentlicht am 18.04.2010, von Malve Gradinger in Kritiken 2009/2010

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