SECHS FRAGEN AN DIE TANZLEHRER, DIE UNS BEWEGEN



Monaco

MARIKA BESOBRASOVA

Académie de Danse Classique Princesse Grace, Monaco


  • Das Büro von Marika Besobrasova mit der Sammlung von Tanzmedien und Tanzkustwerken Foto © Marika Besobrasova
  • Unterricht in der „Casa mia“ durch Marika Besobrasova Foto © Patricia Kapp

Für alle Liebhaber des klassischen Tanzes ist Marika Besobrasova eine der letzten großen Meisterinnen. Sie hatte Schüler wie Rudolf Nurejew, Erik Bruhn, Svetlana Beriosova... Und näher an unsere Zeit: Friedemann Vogel, Filip Barankiewicz und Sue Jin Kang vom Stuttgarter Ballett. Jede große klassische Kompanie in Europa hat eine Tänzerin oder einen Tänzer, der bei ihr trainiert hat. Vor 40 Jahren habe auch ich einen Sommer lang bei ihr trainiert, 20 Jahre danach hat mich Papa Beriozoff zu einer Probe in ihre Schule mitgenommen und in diesem Sommer nun habe ich sie in ihrer Schule in Monte Carlo besucht.
Sie ist schon sehr alt, kann nicht mehr gehen und sitzt in ihrem Sessel, um dem Unterricht zu folgen. Sie ruft immer wieder ihre Korrekturen und fragt die Schüler: Wie heißt dieser Schritt, was für einen Muskel arbeitet, zeige mir diesen oder dieser Knochen. Sie sagte zu mir: „Zuerst die Theorie, die Schüler müssen wissen, was sie tun!“.
Sie hat mir viele Geschichten erzählt, zum Beispiel von der Zeit, als sie mit John Cranko und der Stuttgarter Kompanie auf einer Tournee in Russland war. Jeder und ganz besonders sie wurden auf Schritt und Tritt kontrolliert - es war die Zeit direkt nach der Flucht von Rudolf Nurejew. Sie hatte für die Familie von Nurejew Päckchen mit warmer Kleidung mitgebracht und schmuggelte diese Geschenke vom Hotel ins Theater. Eines Tages wurde sie von einem Militärbeamten angehalten. „Was machen Sie da, wir wissen, dass Sie immer Päckchen transportieren, was ist das?!“, brüllte er Sie an. Sie antwortete: „Pullover, schauen Sie, wollen sie einen?“. Heute ist sie 91 Jahre alt und ich bin stolz, dass ich ihr meine sechs Fragen stellen durfte.
Ein kurzer Lebenslauf Marika Besobrasova ist eine der berühmtesten Ballettlehrerinnen in Europa. Sie unterrichtet in Monte Carlo seit 1940. Ihre Schule, die „Académie de Danse Classique Princesse Grace“, ist ein Treffpunkt für zahlreiche Ballettstudenten und Profis aus der ganzen Welt. Im Jahr 1918 im russischen Jalta geboren, musste sie früh mit ihrer Familie vor der russischen Revolution fliehen und bekam mit 12 Jahren Ballettunterricht bei Madame Julie Sedova in Nizza. Sie tanzte danach ab 1935 in den Ballets Russes de Monte Carlo von René Blum. 1940 gründete sie das Ballet de Cannes de Marika Besobrasova. Ab 1966 leitete sie neben ihrer Schule in Monte-Carlo auch die Leitung der Schule des Balletts der Oper in Zürich und des Balletts der Oper in Rom. Sie war als Gastlehrerin in ganz Europa gefragt, von 1970 an arbeitete sie eng mit dem Stuttgarter Ballett zusammen. 1974 stellte ihr Prinz Rainier eine wunderbare Villa, die „Casa mia“ zur Verfügung, wo sie ihre Schule heute noch weiterführt.
Sechs Fragen an die „Lehrer die uns bewegen“ Wie und wann sind Sie zum Unterrichten gekommen? Meine erste Schülerin war die Tochter des Milchmanns gegenüber vom Palladium in Nizza, wo wir damals wohnten. Ich war 12 Jahre jung und ich hatte gerade mit Ballett angefangen. Wir waren mit meinen Großvater aus Russland emigriert, er war General der Kaiserlichen Armee von Zar Nikolaus II. gewesen. Der Milchmann hatte erfahren, dass ich schon Ballettunterricht hatte und fragte mich, ob ich seine Tochter unterrichten könnte. So kam die Tochter des Milchmanns in mein Zimmer, die Stange war das Eisengerüst meines Bettes und ich habe meinen ersten Unterricht gegeben. Ich habe mein ganzes Leben nie aufgehört zu suchen und zu fragen: wieso, warum diese Übung, diese Position. Ich habe überall aufgenommen und gesammelt, bei Erik Bruhn die Bournonville-Technik kennen gelernt, mit Madame Egorova Cecchetti studiert. Rudolf Nurejew hat mich oft spät in der Nacht nach seinen Vorstellungen angerufen, um mir zu berichten, was er Neues erprobt hatte. Ich habe bei Yvette Chauviré, Jean Babilée und vielen anderen gesammelt. Sie finden bei mir eine große Sammlung, aber ich nenne immer den Eigentümer! Welche Meister haben Sie nicht vergessen? Und warum? Ich habe das erste Genie nie vergessen, dem ich begegnet bin: Michail Fokine. Damals war ich 16 Jahre und bin alleine nach Paris gegangen. Ich vergesse nie, als er mir in die Augen gesehen hat, da war ich wie verzaubert! Als wir damals „ Prince Igor“ getanzt haben und ihm der Dirigent zu langweilig spielte, hat er ihm seinen Stock abgenommen und selbst weiterdirigiert! Sind Sie der Meinung, dass man das Lehren lernen kann? Wenn ja, wie sollte Ihrer Meinung so eine Ausbildung aussehen? Man muss lernen das Instrument, den Körper, zu kennen. Früher haben die Lehrer nie so genau die Anatomie studiert. Heute muss ein verantwortlicher Lehrer genau wissen, wie ein Körper sich entwickelt, um die richtigen Übungen im richtigen Moment zu lehren. Man kann sich kein neues Instrument kaufen, wann man die Tanzkunst gewählt hat, dieses einzigartige Instrument muss gepflegt werden, damit es lange Freude bereitet. Ein Ballettlehrer ist für seine Schüler verantwortlich, er muss wissen, ob ein Körper die Möglichkeiten besitzt, Ballett zu studieren. Man muss auch Kunstgeschichte und Tanzgeschichte lehren, damit unsere Kunst nicht stehen bleibt.
Muss für Sie ein Lehrer professionell getanzt haben? Vorzugsweise ja! Der Lebensrhythmus eines professionellen Tänzers ist ein ganz anderer. Hat man das nicht erlebt, kann man es nicht weiter geben. Tänzer zu sein, ist Beruf und Berufung, das muss ein Lehrer vermitteln können.
Was ist für Sie das Wichtigste für erfolgreichen Unterricht? Die fortschrittliche Struktur eines Programms, das die Entwicklung des Körpers berücksichtigt.
Welche Korrekturen sollen Ihre Schüler nicht vergessen? Sie sollen sich gut kennen und sehr wählerisch und fordernd mit sich selbst sein. Man muss sein ganzes Leben lang seine Kenntnisse vertiefen. In the middle of a difficult world, we have to find our place as an artist.

Veröffentlicht am 19.08.2009, von Patricia Kapp in Sechs Fragen an die Tanzlehrer, die uns bewegen

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