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Pforzheim

PAS DE DEUX UND CARELESS WHISPER

Am Theater Pforzheim feiert "Freedom - A Tribute to George Michael" den britischen Sänger mit einer gelungenen Hommage voll Ballett, Gesang und 80s-Vibes.



Choreograf Guido Markowitz schafft es, eine Vielfalt an Tanzstilen mit den Songs von George Michael gekonnt zu kombinieren und mithilfe des Solisten Willer G. Rocha die Musik körperlich zu interpretieren und eine Geschichte zu erzählen.


Artikel aus Pforzheim vom 29.10.2021
  • "Freedom - A Tribute to George Michael" am Theater Pforzheim Foto © Sabine Haymann
  • Willer G. Rocha (v.) und Fabrizio Levita (h.) Foto © Sabine Haymann
  • Fabrizio Levita Foto © Sabine Haymann
  • Willer G. Rocha (l.) und Fabrizio Levita (r.) Foto © Sabine Haymann
  • Sänger Fabrizio Levita mit Gittarist Frank Nimsgern Foto © Ralf Ziegler
  • Willer G. Rocha und Svenja Meyer Foto © Sabine Haymann
  • Willer G. Rocha (v.) Foto © Ralf Ziegler

Von Susanne Roth


Man könnte ja sagen, da hat es sich jemand einfach gemacht. Man nehme die allseits beliebten Pop-Songs der 1980er- und 1990er Jahre und lasse seine Ballett-Compagnie darauf los. Na ja, ganz so einfach ist es dann auch nicht. Wer mit Tanz zu tun hat, wer choreografiert oder auch nur fachkundiges Publikum ist, ahnt, welches unerforschte und schwierige Terrain jemand betritt, der zusammenfügen will, was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst. Zeitgenössisches Ballett und Pop. Spitzentanz, Pas de Deux, Pirouette und Co. und „Papa was a Rollling Stone?“. Und damit ist dem Pforzheimer Ballettensemble am Stadttheater schon mal eines gelungen: das Publikum neugierig zu machen auf ein Experiment, das wohl seinesgleichen sucht.

Der Pforzheimer Intendant Thomas Münstermann aber hebt die mit Sicherheit auch durch alle Altersklassen beliebten Songs auf eine ganze andere Ebene. Genauer: Er lässt heben. Bei Ballettchef Guido Markowitz und seinem Stellvertreter und Choreografen Damian Gmür rennt er mit seinem Anliegen, Grenzen zu sprengen, Türen ein, die es gar nicht gibt. Vielfalt der Tanzstile, die Leidenschaft, Tanz im Feld der Operette oder in Musicals zu implementieren, ist, wie er selbst sagt, ein Markenzeichen von Guido Markowitz. Da hat er sich allerdings etwas vorgenommen, was zunächst befremdlich wirkt. Klar ist, dass er seine Compagnie nicht wie wild gewordene Disco-Hasen hüpfen lässt. Ausdruck, das Erzählen einer Geschichte mit Hilfe der Körper, ist die Aufgabe eines modernen Ballettensembles.

So mutet es erst mal seltsam an, als Solist Willer G. Rocha mit seinem Körper Songs von George Michael interpretiert, dabei eine silberne Box mit wenigen Möbeln verlässt, die die kleinen Anfänge eines George Michael (oder auch einer beliebig anderen Person) bildhaft darstellen soll. Diese Box wird im weiteren Verlauf des Abends zum Partyraum und lässt durch die Fensteröffnung zahlreiche Liebhaber und Liebhaberinnen ins Innere klettern. Kein Zweifel, das Auge muss sich erst an die Verquickung der Musik mit der tänzerischen Darbietung gewöhnen. Vorgegebene Rhythmen werden nicht unbedingt „eins zu eins“ aufgegriffen, sondern entweder zeitlupenartig in ausdrucksstarke Gesten verwandelt oder mit gar doppelt so schnellen, teils ruckartigen Körperstößen konterkariert. Und spätestens bei „Freedom! ´90“ platzt der Knoten. Man kann förmlich spüren, wie das Publikum im Großen Haus des Stadttheaters Pforzheim aus seiner erstaunt-erstarrten Haltung herauskatapultiert wird. Wundert einen das? Nicht wirklich. Der 1990 von George Michael geschriebene Song - mit implementiertem Schrei nach Befreiung seines eigenen Ich - hat auch nach Jahrzehnten nichts von seinem dynamischen Charme verloren.

Und so ist die Premiere von „Freedom - A Tribute To George Michael“ nicht nur der Beweis, dass Künstler wie der 1963 in Großbritannien geborene und 2016 verstorbene Weltstar George Michael oder auch Aretha Franklin („Think“) und Elton John („I ´m still standing“) tatsächlich Musik für die Ewigkeit produziert haben. Eigentlich bekannt. Die Sänger - allen voran der tanzende Protagonist Willer G. Rocha - leisten Großartiges. Fast hätte den 15 Tänzerinnen und Tänzern allerdings einer die Show gestohlen. Fabrizio Levita ist nicht nur ein Sänger mit Gänsehaut-Garantie, er agiert auch wie ein Schauspieler. Es ist nämlich ein, laut Markowitz, noch nie gewagtes Experiment, Ballett und Pop miteinander zu verquicken und mit der Live-Band von Frank Nimsgern setzt man noch einen oben drauf. Und von wegen brav im Orchestergraben die Popmusik runternudeln: Aus dem Graben heraus hebt sich die Bühne mit dem Sänger Fabrizio Levita, der von der Optik her sogar noch mehr als der Tänzer dem großen Künstler George Michael entspricht. Und dann auch, wie man sehen wird, mit schauspielerischem Talent mit seinem Pendant Willer G. Rocha in Aktion tritt - kniend, mit ihm in die inneren Zwänge darstellenden Bändern verstrickt etwa. Oder auch mit ihm gemeinsam rote Pumps anzieht, die für Markowitz Symbol der Gleichstellung aller sind, aber auch für das Erfüllen von Wünschen (angelehnt an den „Zauberer von Oz“) stehen.

Auch das weibliche Gegenstück, Sängerin Svenja Meyer, geht voll in ihrer Rolle auf; oft auch gesellt sich Frank Nimsgern mit seiner E-Gitarre dazu. Dann werden sie auch mal garniert vom Ballettensemble, das nicht nur fliegenden Wechsel bezüglich der Kostüme bewältigen muss, sondern auch die Herausforderung, mit jeder Sehne, jeder Pore ihres Körpers auf feinste Nuancen in der Musik zu reagieren. Die Kondition, so sagen die Ballettchefs, sei die größte Herausforderung bei der Umsetzung des Projekts gewesen. Das glaubt man gerne. Das kann man sehen. Dass die Compagnie so „tickt“ wie Markowitz und Gmür, ist eigentlich überflüssig, zu erwähnen. Vor allem Willer G. Rocha sieht man die Freude an der gewaltigen Aufgabe vom Scheitel bis zur (weit entfernten) Sohle an. Nicht ganz so ausdrucksstark, aber kräftig in ihren Aussagen, ist Tänzerin Stella Covi, die die weibliche Unterstützung des Künstlers symbolisiert.

Natürlich, das neue Stück der Pforzheimer, es ist eine Hommage an George Michael, der sehr früh schon wusste, dass er mit Musik erfolgreich sein wollte und dessen WHAM-Karriere mit Andrew Ridgeley mit „Wake me up before you gogo“ ebenso angesprochen wird wie sein Erfolg als Solist mit einer Art „weißem Soul“, bis hin zum Bigband-Jazzsänger. (Er erhielt als erster weißer Sänger 1989 den R&B-Award in den USA). Es ist aber mehr als die mit viel Verve angedeutete große Show, es sind die leisen Töne, die das Ballettensemble auf berührende Weise umsetzt. Guido Markowitz legt Wert darauf, die Texte von George Michael hervorzuheben, immer wieder auch gesprochene Passagen aus dessen Gedankenwelt als akustische Sprengsel einfließen zu lassen.

Und so hat der Zuschauer nicht nur das Vergnügen, einen wahrhaft bewegten und bewegenden Abend zu erleben, sondern auch hinter die Kulissen, quasi hinter die verspiegelte Sonnenbrille des Stars zu schauen. Dort steckte nämlich ein äußerst sensibler, die Diversität befürwortender und sich erst spät zu seiner eigenen Homosexualität bekennender Künstler. Dem es gar nicht so sehr um die Definition von Geschlecht oder Sexualität ging, der vielmehr die wahre Liebe zu einem Menschen selbst erlebte und pries. Und das ist es auch, was das Anliegen von Guido Markowitz ist. Es spielt für ihn nicht unbedingt eine Rolle, ob eine Frau und ein Mann ein Pas de Deux tanzen. Es geht um den Ausdruck, um Hinwendung, um das ewig-alte Spiel des sich Anziehens, Abstoßens, Widerstand Aufgebens und darum, sich einfach zu trauen, zu lieben. Die große Collage aus Musik, charismatischen Sängern, hinreißenden Tänzern und Tänzerinnen: Sie funktioniert. Das eher für Zurückhaltung bekannte Publikum in Pforzheim, es steht zum Ende der Vorstellung und reißt sogar die Arme in die Luft zum letzten Song des Abends. Somebody to love. Oder something. Zum Beispiel dieses Stück.

Weitere Aufführungen: am 13. und 19. November - Theater Pforzheim

Veröffentlicht in Homepage, Gallery, Kritiken 2021/2022

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