PREMIEREN



Regensburg

HAPPY END BEI INKLUSION?

In Regensburg erlebt das integratives Tanzprojekt „klapptbestimmt24“ von Annette Vogel eine gefeierte Premiere



Die Choreografin begegnet bei dem inklusiven Projekt Rollstuhlfahrenden und Tänzer*innen auf Augenhöhe.


  • Tänzer*innen und Rollstuhlfahrende bei "klapptbestimmt24" von Annette Vogel in Regensburg. Foto © Michael Scheiner
  • "klapptbestimmt24" von Annette Vogel. Foto © Michael Scheiner
  • Mauern einreißen bei "klapptbestimmt24" von Annette Vogel. Foto © Michael Scheiner
  • Eine Tänzerin und eine Rollstuhlfahrerin bei "klapptbestimmt24". Foto © Michael Scheiner
  • Tanzende und Rollstuhlfahrende bei "klapptbestimmt24" Foto © Michael Scheiner
  • Gemeinsam. "klapptbestimmt24" von Annette Vogel. Foto © Michael Scheiner

„Du musst den Rollstuhl nicht auffangen, wir sind doch keine Krankenpfleger!“ Manchmal klingt es schockierend hart, wenn Choreografin Annette Vogel Anweisungen für Mitglieder des Tanzprojekts „klapptbestimmt24“ laut durch den Probenraum ruft. Dabei macht sie lediglich das, was sie mit den anderen Tänzer*innen auch macht: Sie legt den gleichen Maßstab an und begegnet den Rollstuhlfahrer*innen in der Gruppe damit auf Augenhöhe.

„klapptbestimmt24“ nennt sich das integrative Tanzprojekt der bei Straubing auf einem Pferdehof lebenden Tänzerin und Pädagogin. Vergangenes Wochenende erlebte es in Regensburg eine gefeierte Premiere. In dem rund einstündigen Stück geht es um Barrieren, Abgrenzungen, um Ängste und Begegnungen, um Divergenzen und ein Miteinander. Neun Projektteilnehmer*innen - darunter jeweils drei Profitänzer*innen, Rollstuhlfahrende und junge Leute - haben es zusammen mit der Choreografin über einen längeren Zeitraum hinweg gemeinsam entwickelt und erarbeitet.

Das war nicht immer einfach, mussten doch tatsächlich erst einmal vielfältige Hemmnisse überwunden und Ängste abgebaut werden. Dazu gehörte auch der – durchaus verständliche – Drang einer Rollstuhlfahrerin beizuspringen und zu helfen, wenn diese zu kippen drohte. Vogel gelang es mit Einfühlungsvermögen einerseits und spürbarer Autorität andererseits die Gruppe für das gemeinsame Ziel zusammenzuschweißen und einen ebenbürtigen Umgang untereinander zu konstituieren.

Anders wäre es kaum vorstellbar gewesen, ein zeitlich wie inhaltlich derart umfangreiches Projekt auf die Bühne zu stellen, welches in starken Bildern offen und überzeugend die Defizite beleuchtet, die beim Umgang zwischen Menschen mit und ohne Handicap häufig noch vorherrschen. Zwar ist unsere Gesellschaft heute deutlich weiter als vor drei, vier oder fünf Jahrzehnten: Behinderte Menschen treten inzwischen – wenn auch noch selten – in Politik, Wirtschaft und im Sport in Erscheinung, bei den Paralympics sitzen die Zuschauer medial in der ersten Reihe. Im Unterhaltungsbereich allerdings, im Kino ebenso wie auf sonstigen Bühnen, sind sie nach wie vor eher die Ausnahme. Sicher auch, weil es wenig einschlägige Ausbildungsmöglichkeiten für „disabled people“ gibt.

„klapptbestimmt24“ beschreibt mit spürbarer Ironie schon im Titel den Anspruch, der seitens des nichtbehinderten Teils der Gesellschaft im Umgang mit behinderten Personen vorgetragen wird. Auch im Stück wird das thematisiert, wenn sich in spannungsvollen Pas de deux plötzlich eine Wand in Form einer von jungen Tänzer*innen gehaltenen Stoffbahn zwischen die Tanzenden schiebt. Diese zu durchbrechen und zu überwinden ist erklärtes Ziel. Das gelingt den Tanzenden immer wieder, auch wenn eine Kette aus Menschen eine zunächst unüberwindlich scheinende Grenze bildet. Letztlich klappt natürlich nicht alles, es kippt ein Tänzer aus seinem Rollstuhl, andere Tänzerinnen verwickeln sich im Streit und ignorieren die gefallene Verliererin. Dann wieder entwickelt sich eine klasse ausgetanzte Romanze zwischen einem Rollstuhlfahrer und einer Tänzerin zum Happy End.

Was die fast durchweg fesselnde Choreografie etwas stört, die ohne stringente Geschichte Geschichten erzählt, ist die rasch aufeinander folgende höchst unterschiedliche Musik von Techno bis zur klassischen Orchestermusik, Vokalwerken und Paolo Contes „It´s wonderful“. Manchmal bleibt es intransparent warum bei einem Szenenwechsel ausgerechnet ein Cellokonzert oder ein technoider Sound erklingt. Am Schluss wirken zudem kürzere choreografische Szenen wie verlegenheitsmäßig drangepappt.

Am 14. November wird das integrative Projekt noch einmal bei den Regensburger Tanztagen aufgeführt und demnächst sind verkürzte Aufführungen und dokumentarische Filmvorführungen mit Seminarcharakter in verschiedenen ostbayerischen Kommunen geplant. Ermöglicht worden ist es durch den Fonds Soziokultur der Bundesregierung und verschiedene andere Projektpartner, wie den Straubinger Boogiemäusen und dem Hotel Includio.

Info: Tanztheater Annette Vogel

Veröffentlicht am 14.10.2021, von Michael Scheiner in Premieren, Homepage, Gallery, Kritiken 2021/2022

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